NACHWEHEN: L. Enzi & E. Breckner

Nachwehen – theater.direkt | Koveranstaltung mit ARGEkultur

Office-Dystopie.

Düster-gläserner Blick über den Tellerrand: Michael Kolnberger bohrt mit NACHWEHEN in der Umsatz optimierten Wunde. Aua, diese Selbsterkenntnis könnte schmerzhaft sein. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Betriebsrat…

„Careful what you do / HR’s on to you“zugegeben, die Lyrics des Musicals FOOTLOOSE wurden für diesen Beitrag zweckentfremdet. Gleichzeitig passt der Song wunderbar zum Thema. Michael Kolnberger inszenierte an der ARGEkultur NACHWEHEN, ein Stück des jungen, britischen Dramatikers Mike Bartlett und widmet sich damit einem Kernproblem unserer Zeit: dem Umsatz optimierten System. Diese Transparenz treibt NACHWEHEN mit Währungszeichen in den Augen auf die Spitze und kreiert einen dystopischen Albtraum. Dass wir von diesem nur einen Katzensprung entfernt sind, ist bekannt – und auch wenn dem Stück (UA 2008) so ganz ohne Mobiltelefon und Social-Media-Reminiszenzen schon fast wieder etwas Nostalgisches anhaftet, könnte es kaum aktueller ausfallen.

In aller Plot-Kürze

Es ist das immer gleiche Szenario: Eine junge Angestellte, Emma, sitzt im unpersönlichen HR-Büro eines großen Unternehmens. Die Frage nach ihrem Befinden kommt scheinbar belanglos daher. Eine Floskel, die alsbald immer intensivere Züge annimmt. Höflichkeit dominiert nur die Fassade. Die HR-Managerin erkundigt sich nach Emmas (amourösen) Beziehungen am Arbeitsplatz – die seien schließlich vertraglich verboten. Die entsprechende Klausel, Paragraph 16, Absatz 2, lässt sie die junge Frau laut vorlesen. Immer wieder bohrt die Managerin nach, bis Emma zugibt, ja, mit ihrem Kollegen Darren habe sie sich auch privat getroffen. Jetzt beginnt der HR-Albtraum erst so richtig.

Freie Bahn für die Imagination

Für NACHWEHEN bedarf es keines opulenten Bühnenbilds oder findiger Requisiten. Stattdessen setzt Michael Kolnberger mit der Ausstattung von Arthur Zgubic auf eine einfache wie praktikable Basis: Drei Tische und sechs Stühle dienen als Projektionsfläche für ein anonymes, steriles Unternehmen. Ganz in weiß das Mobiliar, die Tische augenscheinlich State-of-the-Art.NACHWEHEN: L. Enzi & E. Breckner Immer wieder zoomen die HR-Managerin und Emma mit flotten Wischbewegung auf der Tischoberfläche in Emmas Arbeitsvertrag. Im Zeitalter von Smartphone und Touchscreen sind diese und ähnliche Gesten selbsterklärend.

Tatsächlich lässt das Bühnenbild angenehm viel Freiraum für die eigene Imagination. Wobei die Liebe zum Detail ins Auge fällt: So darf die dynamische, ständig unter Strom stehende HR-Managerin (Elisabeth Breckner) im Erfolg und Nachhaltigkeit suggerierenden Öko-Drehstuhl Platz nehmen. Ihre junge Mitarbeiterin (Larissa Enzi) muss sich mit der entschlackten, statischen Fassung begnügen. Spätestens jetzt wäre die Rangordnung geklärt.

NACHWEHEN: Von nun an ging’s bergab

Das Mächteverhältnis spiegelt sich aber auch auf intelligente Weise in den Kostümen wieder. Die sind eigentlich identisch; eigentlich, denn die Farbe verrät an dieser Stelle den Ton. Larissa Enzi schlüpft mit weißer Schluppenbluse und hellblauem Blazer in die Rolle der sanften Angestellten. Fröhlich ist sie eingangs bei ihren Gesprächen. Der leichte Sprung im Gang, der kecke Tanz über die Stufen zeugen von Tatendrang und Jugend.NACHWEHEN: L. Enzi Konträr dazu die verbissene Attitüde der anonymen HR-Managerin (Elisabeth Breckner). Ebenfalls weiße Schluppenbluse, jetzt aber mit rotem Blazer. Bereits die Farbe besitzt Signalwirkung. Alle Zeichen stehen auf Attacke.

Dass die Managerin im Laufe der Gespräche nichts von sich Preis gibt, noch nicht einmal ihren Namen, ist bezeichnend. Kontrolliert und immer einen Tick fahrig gibt Elisabeth Breckner ihre Version der Powerfrau. Fast scheint es so, als oszilliere die Managerin im Laufe des Spiels zur Allegorie des unpersönlichen Kapitalmarkts – eine anonyme kontrollierende Galionsfigur, eine Rattenfängerin, die die kalkulierende Menschheit in den kollektiven Untergang führen wird. Hauptsache der Umsatz floriert und die Zahlen explodieren. Our company first.

Pechschwarz und sehr treffend

Was leise und sachte beginnt, steigert sich rasch. Die Fragen von HR schrauben sich in impertinente Höhen. Das lässt sich eingangs relativ humorig an. In Emmas Antworten schwingt kaum verhohlene Ironie mit. Ob sie Freunde habe? Heiter beantwortet die junge Frau die Frage mit ja und lässt sich auf ausführliche Erklärungen ein. Der Ton wird rauer. Elisabeth Breckner verleiht ihrer Figur eine verbissene Hartnäckigkeit, die sie unter lose applizierter Liebenswürdigkeit verbirgt. Die Fassade ist brüchig, das Lächeln sitzt wie festgetackert und erhält einen bitteren Beigeschmack.  Tatsächlich bohrt sie immer tiefer, mischt sich immer stärker in das Leben ihrer Mitarbeiterin ein.

Larissa Enzi hält an der Ironie ihrer Figur fest, lässt aber gleichzeitig auch andere Gefühle zu. Zweifel mischt sich mit Wut, Trauer mit Resignation – die Mimik wird zum Spiegel der Seele und zur Chiffre für die Hoffnungslosigkeit einer Generation, NACHWEHEN: L. Enzi & E. Brecknerdie den Job nicht so einfach hinwerfen und zu neuen Ufern aufbrechen kann. Weil da eben doch 100 andere Bewerber auf den gleichen Posten lauern. Also beugt sich Emma und droht Gefahr, gebrochen zu werden. Das Lachen bleibt irgendwann im Hals stecken und bahnt sich dann doch seinen Weg nach draußen. Die Signatur des britischen Humors ist unverkennbar: bitterböse, aber ach so treffend. Michael Kolnberger transferiert sie mit viel Gefühl nach Salzburg.

Topographie der Verzweiflung

Spannend auch das Spiel mit Raum und Musik. Denn während sich die Dialoge zu einem ersten Höhepunkt hochschwingen, ändern sich auch die Positionen von Emma und ihrer Managerin. Sie sitzen nicht mehr am selben Tisch, sondern adressieren das nunmehr leere Stuhl-Gegenüber, während die andere zwei Tische weiter Platz genommen hat. Der Raum wird mittels Figurenführung zu einer Topographie der Verzweiflung, unterstützt von den temporeichen Tönen populärer Musik während der Wechsel. Intensive Momente, die die emotionale Distanz, Gefühle wie Wut und Verzweiflung verdoppeln und verdreifachen. Genauso wie zu fortgeschrittener Spieldauer die kecken Tanzschritte zu Aufwärmübungen werden, die an einen Boxkampf erinnern. Der Schlagabtausch erfolgt verbal, die Gier der Wirtschaft ist omnipräsent.

„(…) Careful what you say / Cuz you’re on display / Every night and every day“.

 

Fotonachweis: Piet Six

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