DIE TANZSTUNDE: T. Rath (Senga) & Th. Helm (Ever)

Die Tanzstunde – Schauspielhaus Salzburg

Die fabelhafte Welt des Ever Montgomery.

Überzeugende Schauspieler, magische Bilder und dann auch noch Humor? Bei DIE TANZSTUNDE hat Regisseur Simon Dworaczek so einiges richtig gemacht. Läuft – auf dem Spektrum und daneben.

Ein hochintelligenter, leicht verschrobener Professor der Geowissenschaften und eine junge Tänzerin, die nach einem schweren Autounfall an Depressionen leidet. Sie verbarrikadiert sich in ihrer Wohnung, er benötigt dringend Tanzstunden und fasst sich ein Herz. Schüchterner Nerd trifft auf labile Schöne, alles herrlich seichter Friede-Freude-Eierkuchen, alles Rom-Com ahoi? Nein, denn der merkwürdige Professor ist auf dem Spektrum. Für alle Neurotypischen da draußen, das bedeutet, dass er eine Form von Autismus aufweist. In Ever Montgomerys Fall ist es das Asperger-Syndrom. Kennt inzwischen vermutlich so ziemlich jeder. Danke „The Good Doctor“, „Rain Man“ – oder, übrigens ganz wunderbar und sehr empfehlenswert – „Ben X“. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, denn das Spektrum ist breit und aktuell sehr en vogue.

Mark St. Germain inspirierte die Begegnung mit einem autistischen und nicht-kommunikativen Fünfjährigen zu DIE TANZSTUNDE. Jahre später traf er erneut auf den nunmehr Teenager, der aufgrund von Förderung plötzlich mit der Welt interagierte und sich noch genau an ihre erste Begegnung erinnern konnte. Außerdem Temple Grandin, eine weltberühmten Dozentin für Tierwissenschaften – und Autistin. Alle diese Ideen und noch viel mehr Beobachtungen vereinen sich in Ever Montgomery: Amélie Poulain auf dem Spektrum.

Das Setting zu TANZSTUNDE  DIE TANZSTUNDE: T. Rath (Senga)

Die Amélie-Parallele drängt sich relativ zügig auf. Das mag zum Gros am magisch anmutenden Bühnenbild und dem musikalischen Arrangement liegen. Trennwände erzeugen nicht nur die gewünschte Distanz zwischen Berührungsphobiker Ever und der verletzten Senga. Die bespannten Rahmen dienen zugleich als faszinierende Tür in eine andere Welt und projizieren die wunderbarsten Schattenspiele nach außen. Angeheizt wird die Fantasie durch diverse zweckentfremdeten Gegenstände – wer hat, der hat: Deshalb nur schnell das Grammophon über den Kopf gestülpt und die Gießkanne zum Rüssel umfunktioniert.

Simon Dworaczeks Inszenierung beweist Hang zu Imagination (Ausstattung: Isabel Graf) und das wird belohnt. Gleichzeitig sorgt die musikalische Untermalung (Jörg Reissner) für die Intensivierung der magischen Momente. Der Abstand zwischen den Rahmen erzeugt Einbrüche der Realität – und ganz nebenbei eine funktionale Wohnungskulisse.

Konsequente Ticks

Tatsächlich ist DIE TANZSTUNDE ein sehr neurotypischer Blick auf das Spektrum und könnte deshalb auch schnell Gefahr laufen, in Klischees abzudriften. Das dies nicht geschieht, dafür sorgen die beiden Protagonisten.DIE TANZSTUNDE: Th. Helm (Ever)

Theo Helm hat die Rolle des Ever Montgomery perfektioniert und beherrscht alle Ticks. Wunderbar die Tatsache, dass er bis zum Schluss mit den Händen flattert und persistent starr in die andere Richtung blickt. Den Weg zu Senga meistert er, indem er etwas steif und ungelenk nur auf gewisse Bodenbereiche tritt. Witze und Sprachspiele nimmt er wörtlich und beantwortet sie mit trockener Sachlichkeit. Das löst im Publikum heiteres Gelächter aus, der Kühle und Ernsthaftigkeit von Ever Montgomery tut das keinen Abbruch. Nüchtern analysiert er Sengas Verhalten und serviert ihr dabei mit kindlicher Naivität eine Beleidigung nach der anderen, ohne sie als Schmähungen zu verstehen.

Alles Sache der Interpretation

Theo Helms Ever ist auf verschrobene Weise charmant und durch und durch authentisch auf dem Spektrum unterwegs. Zumindest bis zu dem Augenblick, als er plötzlich doch den Drang nach Berührung verspürt. Ein verwunderlicher Plot-Twist. Ein Autist, der eben aufgrund eines Händedrucks einen hysterischen Anfall bekam, soll in der nächsten Sekunde zum großen Umarmungsfan werden? Da ist er wieder, dieser neurotypische Blick von St. Germain, der Weg zur Rom-Com scheint erneut offen. Das Kostüm verhindert dann aber gröbere Kitsch-Ausfälle. Nackt sind die Darsteller nicht wirklich, stattdessen tragen sie zu Fesseln verknoteten Stoff (sagt Freundin B.) – der gleichzeitig an Narben von Menschen abseits der Norm erinnert (sage ich). Vermutlich ist es die Fesseln-Theorie, denn tatsächlich sind die beiden Protagonisten Gefangene ihrer selbst. DIE TANZSTUNDE: T. Rath (Senga) & Th. Helm (Ever)

Er lässt Konfetti für dich regnen

Als Senga hat Tilla Rath das große Los gezogen. Sie besitzt nicht nur ihr eigenes Schaukelpferd (Neid!), sondern darf sowohl Tutu als auch Wonder-Woman-Kostüm tragen. Herz, was willst du mehr? Tatsächlich erinnert Senga im schwarzen Ballett-Outfit an einen sterbenden Schwan, den die Schauspielerin mit viel Melancholie auf die Bühne bringt. Dafür bedarf es nicht viel Sprache, stattdessen setzt die Regie auf starke Bildlichkeit. Mit Musik, Tanz und noch mehr Ausdruck wird die Verzweiflung der Figur greifbar, ihre Geschichte erzählt die junge Frau, ohne sie tatsächlich auszusprechen. Schnell zeigt sich außerdem, auf psychischer Ebene ist Senga eine ähnliche Phobikerin wie Ever.

Der Wechsel ihrer Figur und der Ausbruch aus alten Mustern erfolgt fließend. Nur kurz darf Wut aufflackern, lieber wider der Logik die Umarmungsszene akzentuieren. Aber egal wie neurotypisch das sein mag, die Romantik sitzt; der Humor und der Tiefgang auch. Ziemlich viel richtig gemacht am Schauspielhaus Salzburg.

 

Fotonachweis: Jan Friese

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