Gaunerstück – Koveranstaltung der ARGEkultur mit Chromosom XX

Gaunerstück – Koveranstaltung der ARGEkultur mit Chromosom XX

Raus aus dem Prekariat, rein ins glitzernde Leben.

Ein biblisches Pärchen, fröhliche Ebenen-Sprünge und eine Österreichische Uraufführung: Chromosom XX inszenierte an der ARGEkultur mit dem GAUNERSTÜCK einen sehr aktuellen und wunderbar surrealen Gesellschaftsspiegel.

Der silberne Lamettavorhang funkelt mit den imaginären Diamanten aus dem Juwelierraub um die Wette. Gleichzeitig führt das glitzernde Bühnenbeiwerk hämisch die Träume von Jesus und Maria ad absurdum. Das Geschwister-Paar mit der sozial ungünstigen Ausgangskonstellation (Vater: verschwunden, Mutter: überfordert und alkoholabhängig) plant Großartiges. Es will sich aus seiner prekären Situation bis ganz nach oben arbeiten. Weil das auf ehrlichem Weg aber irgendwie nicht so funktioniert, fordern sie ihr Lebensglück einfach keck und dreist selbst ein. Zum Gefunkel, Gestrahle und Geleuchte des günstigen Lamettavorahngs, dieser optischen Parabel auf Jesus und Maria, beginnt der Gauner-Reigen an surrealen Zufällen und magischen Begegnungen. Das Glück? Zum Greifen nah.

Die Gesellschaft ist selten sozial, das wissen wir nicht erst seit gestern. Während die einen im Überfluss leben, dümpeln die anderen am Existenzminimum oder darunter vor sich hin. Das stört die Reichen meistens wenig, die Armen selbstverständlich sehr viel mehr. Ein Paradebeispiel für Letzteres sind Jesus und Maria. Wer jetzt „Bibel“ denkt, liegt gar nicht so falsch. Das Protagonisten-Pärchen scheint eine ironische Analogie auf ihre berühmten Vorbilder. Die haben es im Hier und Jetzt zwar nicht so mit der Religion, dafür stehen sie in Sachen Gerechtigkeitsfimmel den heiligen Blaupausen in nichts nach. Bernadette Heidegger inszenierte das durch ihre Geburt unfreiwillig determinierte Gaunerpärchen in abstraktem, fantastischem Rahmen. Als Basis dient der bereits erwähnte silberne Glitzervorhang – dieses dekadente Accessoire mit dem günstigen Beigeschmack, das die Bühne je nach Scheinwerfer-Typ und Musikeinlage in neue Welten und Fantasien taucht (Musik: Georg Brenner, Bühne: Dagmar Lesiak).

„Jesus Maria!“, soll der Vater der Zwillinge ausgerufen haben, als sich 8 Minuten nach Ankunft der Wunsch-Tochter („Maria“) noch ein Sohn durch den Geburtskanal zwängte. Ganz an dem positiv konnotierten Gauner-Begriff und dem berühmten biblischen Vorbild angelehnt, ist Daniel Jeromas‘ Jesus kindlich, idealistisch und ja, auch ein bisschen verkorkst. Die Mutter holte er früher liebend gerne vom Wäscherei-Job ab, weil es da so schön scharf nach Chemikalien duftete. Die amourösen Annäherungsversuche an die Zwillingsschwester schweben lose angedeutet im Raum und vor dem Fernseher kommentiert er sein fragwürdiges Lieblingsvideo mit dem immer gleichen Wortlaut und starr-stupidem Blick. Trotzdem, es muss einfach gesagt werden, hat sich Jesus für seine erschwerten Startbedingungen bisher recht wacker geschlagen. Was ihn selbstverständlich nicht davon abhält, aktiv von einem besseren Leben zu träumen. Wobei, eigentlich ist das nicht ganz richtig. Schließlich ist es seine Schwester Maria (ebenfalls sehr gelungen Katharina Pizzera), die ihr besseres Leben felsenfest überzeugt und trotzig einfordert. Marias Lebenlust ist ansteckend: Immer wieder reißt sie Jesus laut und wild aus seiner Lethargie und zieht ihn euphorisch mit in die verlockende Zukunft. Katharina Pizzera und Daniel Jeromas bilden ein starkes Geschwister-Duo, das sich großartig ergänzt. Die Energie zwischen den beiden stimmt auch dann noch, wenn sie zu Erzählern ihrer eigenen Geschichte oszillieren. Wieder so eine biblische Analogie, die sich stimmig ins Gesamtkonzept einfügt. Zudem verleihen die perspektivischen Brüche dem GAUNERSTÜCK eine eminente Vitalität.

Wunderbar verschroben wie ein fantastischer russischer Roman wird es mit Volker Wahls Auftritten (man denke an Michail Bulgakow und seinen „Meister und Margarita“). Egal ob als schmierig-naiver Porno Otto, lasziv-transsexuelle Wahrsagerin Bona Fides oder undurchsichtiger Herr Wunder, der wie von Zauberhand erscheint, jetzt hält das Surreale endgültig Einzug und feiert mit den Zwillingen das Prekariat. Die Ebenen wechseln spielerisch und werden immer verworrener. Es reicht schon längst nicht mehr, dass Jesus und Maria ihr trauriges Schicksal mit dem Publikum teilen. Zusätzlich fließen Träume in die Handlung ein und lassen sie an solider Bodenhaftung verlieren. Was ist Fiktion und was Realität? Die Entdröselung wird zunehmend komplizierter, aber Fortuna ist den Zwillingen dann trotzdem hold. Oder so hold wie sie zwei Verdammten aus dem Prekariat nur sein kann. Eigentlich ein sehr schönes, absolut stimmiges Happy End.

 

Fotonachweis: Hannah Inreiter

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