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Der thermale Widerstand – Theater der freien Elemente

AUF DIE THERMALEN BARRIKADEN

Greift euch die Badenudel und paddelt um euer Seelenheil:  Im THERMALEN WIDERSTAND des Theaters der freien Elemente ist Bademeister Hannes auf Krawall gebürstet. Wunderbar musikalische Absage an die Norm.

Eigentlich passt es wie Topf auf Deckel oder, nicht ganz so zurückhaltend formuliert, Faust auf Auge: Das Theater der freien Elemente nimmt sich dem Kampf der freien Radikalen an. Beide Male wird dem System getrotzt. Alles herrlich frei also, oder? Nein, denn da sind ja die Zwänge, gegen die die freien Radikale – oder im konkreten Fall Wut-Bademeister Hannes – in Ferdinand Schmalz‘ DER THERMALE WIDERSTAND kämpfen. An dieser Stelle wird es politisch, was nicht verwundert. Schließlich zählt der Dramatiker zur jungen Generation. Die nimmt sich mit Vorliebe die gesellschaftlichen Verhältnisse zur Brust, in dem sie ihnen eine gepfefferte, meistens überspitzte und oftmals sehr schräge Absage erteilt. Schmalz‘ THERMALER-Streich stellt keine Ausnahme dar und ist doch so herrlich anders: In einer wunderbar skurrilen und gleichzeitig höchst musikalischen Inszenierung transportierte Gerda Gratzer das Aufbegehren des Bademeisters auf die Bühne der ARGEkultur (Bühne: Alois Ellmauer, Licht: Gunther Seiser).

In aller Plot Kürze

Im Kurbad herrscht Aufregung: Nicht nur, dass Herr Moser Herrn Meyer ständig an die Fußdesinfektion erinnert, obendrein ruft Bademeister Hannes zum Widerstand gegen das System. Auslöser ist die geplante Übernahme der Badeanstalt durch einen Großinvestor. Da bleibt keine Anwendung auf der anderen und die bequemen Kurgäste müssen sich plötzlich mit der eigenen Situation befassen. Das stimmt nicht nur die oberste Etage unleidlich, auch das wohlsituierte Kurpublikum hat so seine Bedenken.

Gelebte Meta-Bereiche

In Gerda Gratzers  THERMALEM WIDERSTAND ist Hannes der Skilehrer unter den Bademeistern: Jugendlich-agil hält er im ersten Bild eine flammende Rede auf… seine weiße Bademeister-Montur. Richtig gelesen. Das kann man mögen und sollte man ganz dringend auch. Die Situation trieft vor dick aufgetragenem Pathos und führt sich selbst köstlich ad absurdum, wenn Hannes gefühlsduselig für seine Uniform schwärmt (sehr gelungen Wolfgang Kandler in entsprechender Pose, mit verklärtem Blick und hippie-eskem Haarband). Als Krönung wirft der selbsternannte Gott in Weiß dem Publikum noch ein kesses Skilehrer-Zwinkern zu. Was so oberflächlich und humorig daherkommt, ist kein bloßes Kabarett. Im Gegenteil, die Botschaften schlummern zwischen den Zeilen und das Figurenpersonal wird zu Chiffren für revolutionäres Denken oder Stagnation, je nach Ausrichtung. In der Metaebene verbirgt sich dann auch schon das eigentliche Problem: die Gesellschaft. Statt wie alle im Strom zu schwimmen, stellt sich Hannes gegen das Großunternehmen und damit die Mehrheit. Individualität statt Masse. Die Kurgäste nehmen es ihm übel. Haben sie es sich doch bereits sehr komfortabel in der florierenden Trägheit eingerichtet.

Gerda Gratzers THERMALEM WIDERSTAND gelingt es wunderbar, die innersten (Sprach-)Zustände nach außen zu tragen beziehungsweise in den Figuren zu verankern. So rumort es bereits zu Beginn sachte in Frau Brunners Magen (Julia Leckner in unangenehmer Situation), während sich der Ruhe vernarrte Herr Meyer pikiert nach Stille sehnt (Jurij Diez serviert eine ironische Pointe nach der anderen). Was sich wie eine harmlose, skurrile Episode anlässt, ist eigentlich bereits eine onomatopoetisches Prolepse. Als die Übernahme sprachlich noch nicht existiert, ist sie lautmalerisch bereits stark präsent. Erst langsam ergeben die nur scheinbar singulären, exzentrischen Puzzleteilchen ein homogenes Gesamtbild. Das bietet neben kritischen Denkanstößen und der Kant’schen Idee, sich doch um Himmels willen endlich des eigenen Verstandes zu bedienen, auch jede Menge komisches Potential.

Musikalische Revolution

Die Bühne erweckt bei schnellem Blick den Eindruck einer improvisierten Wäschekammer: Links Badetücher, rechts Badetücher, dazwischen eine kleine geflieste Mauer, die das Thermalbecken simuliert. Die Puristik trügt allerdings; genau wie alle anderen Bereiche birgt auch die Badeanstalt eine zusätzliche Ebene und die lebt das thermale Prinzip. Von wegen Wäschekammer; aus den verwinkelten Gängen schlurfen, tapsen oder hopsen in große Badetücher gehüllt die Kurgäste herbei, während sich Bademeister Walter (Peter Malzer mit Faible für Roswitha) vor dem hyper-motivierten Kollegen versteckt. Dem Letzteren gelingt sogar die beherzte Rettung eines widerwilligen Gastes, der gar nicht gerettet werden wollte. Für diese Szene laufen Wolfgang Kandler und Domenica Radlmaier (als machtbewusste Beraterin) zu choreografischen Höchstleistungen auf und bereichern den Abend um eine effektreiche Show-Einlage.

Besonders viel Aufmerksamkeit widmeten Gerda Gratzer und ihr Team der Sprachlichkeit – und damit sind nicht nur die von Domenica Radlmaier beinahe geträllerten Sätze gemeint. Ferdinand Schmalz hat sich für den THERMALEN WIDERSTAND nicht lumpen lassen: Hier gebundene Rede, dort Aphorismen und Syntax-Ekurse in andere Epochen soweit das Auge reicht – oder auch das Ohr. Die melodischen Wortspielereien und Jonglagen greifen die Schauspieler*innen auf und bringen sie zum Klingen. Balsam für das wortaffine Verfasserinnen-Herz! Substantive wandeln sich in Verben und werden in miteinander verbundenen Sätzen immer wieder aufgegriffen, ausgewechselt und ergänzt, dass eine ganz eigene Sprachlichkeit entsteht. Die birgt nicht nur eine musikalische Note, sondern lebt, ja ist diese Musikalität. Aber Achtung, jetzt bloß nicht im metaphernreichen und verspielten Diskurs verlieren. Tatsächlich wäre es wohl möglich, für die Dauer des gesamten Stücks nur den entstehenden Wortklängen zu lauschen. Das wäre allerdings schade, wo bliebe dann schließlich die politische Botschaft des THERMALEN WIDERSTANDS? Anderseits, man könnte es sich dann ja nochmals ansehen. Nur um auf der sicheren Seite zu sein. Anreiz genug bietet die Produktion des Theaters der freien Elemente dazu allemal.

 

Fotonachweis: Gerda Gratzer

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