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Der Gang vor die Hunde – Spielwerk

Keiner geht so spielfreudig vor die Hunde wie Fabian und seine illustre Runde

Das Spielwerk feierte mit dem GANG VOR DIE HUNDE frei nach Erich Kästner am OFF Theater eine umjubelte Premiere und rückt mit dem satirisch-psychedelischen Zeit-Theater die zensierte „Fabian“-Ehre wieder gerade.

Spätestens jetzt ist es offiziell, das Spielwerk besitzt eine Affinität für die Neue Sachlichkeit. Die Beweislage? Erdrückend! Nach zwei Horváth-Stücke inszenierte man (oder in diesen Fällen Georg Büttel) immerhin Erich Kästner. Genau! Der ist zwar heute vor allem für seine Kinderromane bekannt, verstand sich aber auch exzeptionell auf kritische Erwachsenenliteratur, die er sprachgewandt in Satire verpackte. Einsatz Spielwerk: Der unabhängige Theaterverein erhielt im Gnigler OFF Theater Asyl und inszenierte den GANG VOR DIE HUNDE frei nach – erraten – der Urfassung von Erich Kästners „Fabian“. Die fiel damals der Zensur-Schere zum Opfer. Auf Wunsch von Lektor Curt Weller musste Kästner die allzu schlüpfrigen und als ungustiös empfundenen Stellen streichen. Die Skandale und Skandälchen folgten trotzdem auf den Premieren-Fuß.

In aller Plot-Kürze

Es muss einfach raus: Jakob Fabian ist promovierter Germanist und Werbetexter. Hurra, wir sind Theater-Held, freut sich die werbetextende Germanistin! Die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten, schließlich ist Fabian zu allem Überfluss auch noch Moralist und Melancholiker. Eine, der Titel lässt es erahnen, gefährliche Säfte-Mischung, die kurz vor der Eruption steht. Gemeinsam mit seinem Freund Labude irrt Fabian als kritischer Zeitzeuge durch den Berliner Großstadtdschungel und gibt sich zur geistigen Zerstreuung niederen Vergnügungen und den eigenen Trieben hin – der vertrackten politischen Situation einer zerfallenden Weimarer Republik kann er natürlich trotzdem nicht entkommen. Beruf? Arbeitslos.

Kathartische Achterbahnfahrt

Eigentlich wäre DER GANG VOR DIE HUNDE eine Steilvorlage für Hipstertum und Gutmenschen-Theater: Ein paar Men Buns hier, ein paar Sneaker dort und für einen Soja Latte mit Shia Samen-Topping fände sich sicher auch noch irgendwo ein Plätzchen. Zum Glück inszenierte Georg Büttel (Regie & Textfassung) in eine andere Richtung und kreierte stattdessen eine feinnervige Hommage an die Zeit zwischen den Goldenen Zwanzigern und der Weltwirtschaftskrise. Die nimmt den Satire-Charakter wörtlich; mit Verve werden Pointen bis zum Knackpunkt gespannt und mit verbaler Sprengkraft in den Raum gepfeffert, dass die Ohren schlackern. Die konzisen Dialoge treffen so akkurat den Kern der politischen und wirtschaftlichen Situation, dass die Zensur-Ambitionen eines kleinen unterjochten Lektors plötzlich nachvollziehbar scheinen.

Eigentlich wäre das Sujet des GANG VOR DIE HUNDE eine ziemlich deprimierende Angelegenheit, aber bei so viel sprachlicher Eloquenz und adrett verpackter Satire wird der Humor zum Ventil und thematisiert das Verbotene auf wunderbar nüchterne Art und Weise. Das ist nicht nur der Neuen Sachlichkeit gezollt, sondern auch dem Schauspiel auf der Bühne. Abgebrüht überdreht hadern die Damen des Berliner Nachtlebens nur manchmal oder unterschwellig mit ihrem Schicksal (Nadja Petri, Veronika Hörmann und Katharina Mayer in zahllosen Rollen, die sie mit unterschiedlichen, humorigen Ticks garnieren). Wie formuliert es Fabian, der literarische Zeitzeugen-Wanderer, so treffend? Hier wird nicht mit Geld bezahlt, sondern getauscht – und da kann schon mal der eigene Körper zum Einsatz kommen. Cornelia Battenberg (Christine Winter) macht es vor; gelungen zerrissen changiert sie von der fröhlichen, angehenden Juristin zur gefeierten, aber leider desillusionierten Schauspielerin und menschlichen Währung. Ekel und Moral sind ihre neuen Begleiter. Comic-eske Reminiszenzen schrauben inzwischen den Satire-Charakter der Inszenierung weiter in die Höhe. Wenn Nadja Petri und Veronika Hörmann als Direktor Hanke I und II verschmelzen und mimikreich im Chor und XXL-Jackett den unpünktlichen Mitarbeiter tadeln, wird Kontenance zur Mammutaufgabe. Auch die amouröse Irene Moll (Nadja Petri in herrlich überdrehter Fasson mit verdächtigen Momenten plötzlicher Scharfsicht) und ihr, nun ja, ‚generöser‘ Gatte (verschroben Max Pfnür mit gewohnt gelungenem Hang zu gestischen Details) rühren zu Lachtränen bei gleichzeitig tragischem Innehalten. Das Resultat ist eine wunderbar kathartische Wirkung, die vermutlich auch Aristoteles goutiert hätte.

Cineastisches ErLeben

Das könnte es jetzt eigentlich auch schon wieder gewesen sein, von diesem neuen-alten Fabian – Ende nicht gut, alles gut. Nein, stattdessen verleiht Regisseur Georg Büttel seinen Übersteigerungen mit einer kräftigen Brise Surrealismus und psychedelischen Verzerrungen das gewisse Satire-Etwas. Stichwort Hommage an die Zwanziger: Die werden nicht nur mittels der Kostüme (Franziska Krug) evoziert, sondern auch mit musikalischen Arrangements (Thomas Unruh). Von der rockig-wilden Neuinterpretation einer „Bar zum Krokodil“ bis „Irgendwo auf der Welt“ schlägt DER GANG VOR DIE HUNDE mit dem Repertoire der Comedian Harmonists eine musikalische Brücke zwischen damals und heute. Fast schon leitmotivisch zieht sich eine Art Leierkastenmelodie durch die Inszenierung, flankiert von bunten Farbexplosionen, die sich homogen ins Chaotisch-Ganze einfügen. Das Nachtleben Berlins mit seinen tausend Lichtern, dem ständigen Rausch, exerzieren die Scheinwerfer bis zum Exzess. Wie in der literarischen Vorlage reihen sich filmische Sequenzen nahtlos aneinander und nutzen das puristisch-kreative Bühnenbild (Thomas Bruner) voll aus. Von wegen hölzerne Buchstaben-Suppe; nach und nach nehmen die gigantischen Lettern-Blöcke, die sich pittoresk über die Bühne zerstreut finden, Gestalt an und greifen den sprachlichen Charakter der Produktion geschickt auf verschiedenen Ebenen wieder auf.

Apropos Ebenen! Die flinken Wechsel zwischen den diversen Meta-Bereichen nehmen die unterschiedlichsten Figuren in die Pflicht. Immer wieder springen sie als Erzähler*innen ein und ermöglichen eine ganz eigene Art der Introspektion von Fabians Gefühlswelt. Besonderes eindrücklich sind diese Momente, wenn Briefe rezipiert werden und die Absender*innen plötzlich selbst das Wort ergreifen. Techniken, die einmal mehr filmische Reminiszenzen tragen.

Endzeitphantasien mit Anker in die Gegenwart

Den Dr. phil. Jakob Fabian mimt Thomas Pfertner mit großer Empathie und der Rastlosigkeit eines kontinuierlich Verzweifelnden. Peu à peu schlittert der anfangs durchaus ‚heitere‘ Melancholiker seiner Depression entgegen, begleitet von einer satten Brise Ironie. Dass das „Haus Europa“ einstürzen wird, davon sind Fabian und Labude überzeugt. Der Wandel verläuft aber so schleichend, dass der genaue Moment des Umschwungs nicht greifbar scheint. Was stattdessen in Erinnerung bleibt, ist der emotionale Wutanfall des nun gar nicht mehr so liebenswürdigen Moralisten, der dem intriganten Dr. Weckherlin (Katharina Mayer als polierter Antagonist) an die Gurgel will. Kein Wunder, sorgte dessen leichtsinniger Scherz schließlich für den Selbstmord von Freund Labude. Dem verleiht Max Pfnür als gutgelaunter Doktorand Kontur, der die Unzufriedenheit Fabians mit der politischen Situation teilt. Dass hinter der heiteren Fassade emotionale Abgründe lauern, wird in kleinen Gesten wie dem imitierten Lachen seiner untreuen Freundin Leda deutlich, das er sich sichtlich mühsam abringt.

Selbstverständlich besitzt Erich Kästners Skandalroman Wiedererkennungswert – wie das halt so ist mit den Texten der Neuen Sachlichkeit und der sich nicht ändernden Weltgeschichte. Die Sinn-Suche könnte also jederzeit weitergehen und würde für Nicht-Schwimmer einen vermutlich mindestens ebenso  verheerenden Ausgang nehmen. Dass sich Georg Büttels Inszenierung trotzdem mit den Mitteln der Vergangenheit der Gegenwart annimmt und sie mit subtilen Übersteigerungen im Hier und Jetzt verankert, ist eine gelungene Leistung, die dem GANG VOR DIE HUNDE eine großartig charmant-moderne Note verleiht und trotzdem wunderbar als Zeitspiegel funktioniert. Oder um Erich Kästner zu zitieren, der vielleicht eine Affinität für die 3. Person besaß. „Er wollte warnen. Er wollte vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland und damit Europa näherte.“ Höchst Zeit, diese Warnung endlich beim Schopf zu ergreifen, dem GANG VOR DIE HUNDE sei Dank.

 

 

Fotonachweis: Nadeshda Diring, Ernest Bierschneider (Szenenbilder)

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