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Viel gut essen – Koproduktion ARGEkultur mit dem Rabenhof Theater

Zorniger Jedermann

Wunderbar überspitzt und bitterböse: Sibylle Berg adaptierte mit der österreichischen Wut-Rock-Band Kreisky VIEL GUT ESSEN und schuf ein ungeschöntes Stück musikalisches Protesttheater.

Ein sichtlich verstimmter, bourgeoiser Anfangvierziger steht im leger karierten Anzug auf der Bühne und schreit sich die Seele aus dem Leib. Man wird sich doch noch wohl empören dürfen, ruft er erregt in den Zuschauerraum. Das aufmüpfige T-Shirt unter dem Jackett erinnert an den trotzigen Jugendlichen, der noch in ihm tobt. „Wir sind viele“, skandiert er, während der Chor lautstark mit einfällt „wir sind das Volk“.

Wütend ist sie, diese ironisch-provokante Absage an die Zeit, die sich VIEL GUT ESSEN nennt. Hinter dem Erfolgsstück steckt niemand geringerer als Sibylle Berg, die Königin des Sarkasmus und bitterbösen Humors. Dieser Ruf will gepflegt werden. Mit der österreichischen Wut-Rock-Band Kreisky hat sie jetzt ihr musikalisches Pendant gefunden. Was läge also näher als ein gemeinsames Projekt? Für die Koproduktion von ARGEkultur und Rabenhof Theater führte Sibylle Berg dann auch gleich selbst Regie (Bühne: Dominique Wiesbauer, Kostüme: Amelie Goetzl, Komposition Chor: Michael Mautner).

In aller Plot-Kürze

Ein Mann steht auf der Bühne und kocht nicht nur für Frau und Sohn ein mehrgängiges Menü, sondern auch vor Wut. Begleitet wird er bei diesem gepflegten Tobsuchtsanfall von einem Männerchor und eigener Band, deren Toleranzpegel ebenfalls gefährlich niedrig scheint.

Frustrierter Antiheld

Theater ist selten lieb und nett, aber die sich persistent steigernde Rage von VIEL GUT ESSEN ist noch viel rarer. Sibylle Berg hat mit ihrem wütenden Monologisierer einen wunderbar unbeherrschten Jedermann geschaffen, der sich laut und emotional empören darf. Davon macht Franz Adrian Wenzl als namenloser Protagonist auch ungeniert Gebrauch. Dabei ist es durchaus bemerkenswert, mit welcher Souveränität der Sänger der Band Kreisky und die Kunstfigur Austrofred sein offizielles Schauspieldebüt feiert. Letzteres erklärt dann auch die Freddy-Mercury-Reminiszenzen, die sich beim schlaksigen Herumwerfen der Gliedmaßen immer wieder einschleichen. Ironisch und verbittert erzählt der wütende weiße Mann vom Scheitern seiner Ehe, den Rückschlägen im Leben und den verpassten Chancen. Dabei redet er sich in einen konstanten Flow, der immer so weiterfließen könnte, wären da nicht die plötzlichen Einbrüche. Mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Eintagsfliege gesegnet, lässt er Sätze unvollendet im Raum schweben und wirft stattdessen den Nachbarn zornige Schmähungen zu oder springt in den nächsten Gedankenstrom. Franz Adrian Wenzls frustrierter Antiheld wird zum Sinnbild eines verbitterten Jedermanns und zur Pauschal-Schablone für die unterdrückten Emotionen des kleinen Mannes.

Emotionale Grauzone

Was ist Recht und was ist rechts, formulieren es Kreisky so treffend auf ihrer Homepage. Die Grenze scheint fließend und VIEL GUT ESSEN trifft mit der geballten Ressentiment-Faust ins Schwarze. Das muss natürlich ironisch und bitterböse sein, so wie auch die Texte von Sibylle Berg oder die Musik von Kreisky. Der griechische Chor oszilliert deshalb auch zu einem rechten Männerchor (Bernd Supper, Willi Landl, Maximilian Atteneder). Anfangs säuselt er noch die erlesenen Zutaten für das mehrgängige Menü ins Mikrofon und streift liebevoll über die Instrumente. Mit voranschreitender Dauer radikalisiert sich aber auch der Chor. Knickerbocker und karierte Strümpfe verlieren an Unschuld und werden mit rechten Konnotationen beladen. Das Outfit als stumme Verdoppelung des Protests. Ganz und gar nicht leise ihre Träger; Bernd Supper, Willi Landl und Maximilian Atteneder begeistern mit ihrem treffsicheren Gleichklang. Jedes Wort sitzt und scheint so einfach; selbst die längsten Tiraden werden unisono absolviert. Dazu wird noch keck so manche Hüfte gekreist oder stramm marschiert. Hinter dem Vorhang ertönt lautstark und höchst präsent die Band (Martin Max Offenhuber, Lelo Brossmann, Klaus Mitter), die den zornigen weißen Männern zur akustischen Unterstützung an die Seite eilt.

Gelungener Protest

Sibylle Berg und Kreisky adaptierten VIEL GUT ESSEN zu einem lauten Stück musikalischen Protesttheaters. Das erhält genau durch die Invertierung und die ungehemmte Entladung florierender Vorurteile seine verbale und akustische Schlagkraft. VIEL GUT ESSEN ist überspitzt, bitterböse und deshalb auch so absolut treffend. Ein gelungenes Stück Zeitkritik in zorniger Verpackung.

 

Fotonachweis: Rabenhof Nikolaus Ostermann

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