Hofspielhaus: JEDERMANN (c) Chris Hirschhäuser

Jedermann | Ein Hof Hör Spiel – Hofspielhaus München

JEDERMANN am Hofspielhaus: oans, zwoa, gspuit

Man möchte es in Salzburg kaum glauben, aber es gibt ein JEDERMANN-Leben fernab von Domplatz & Co. Wie wäre es beispielsweise mit dem am Münchner Hofspielhaus? Ein waschechtes Mysterien-Hörspiel.

Klangschale und Gong läuten die Rettung des reichen Mannes ein, die überdimensionale Deutschland-Tröte den Auftritt des Teufels mit den keck leuchtenden Hörnern. Ganz klar, dieser JEDERMANN nach Hugo von Hofmannsthal ist anders, muss aber auch so sein. Schließlich basiert das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes auf einem mittelalterlichen Blockbuster, der schon so manchem Christenmenschen Läuterung bringen sollte. Die Volksnähe war es dann auch, die Hofmannsthal betonte und dem Stoff ein Revival verpasste. Stichwort Salzburger Festspiele, man möchte es aus Salzburger Sicht kaum glauben, aber der JEDERMANN hat auch ein Leben abseits von Domplatz & Co. Beispielsweise in München. Am Hofspielhaus inszenierte Georg Büttel eine schlanke, corona-kompatible Variante des mittelalterlichen Dauerbrenners mit wenig Personal und viel Hörspielcharakter.

In aller Plot-Kürze

Jedermann steht in der Blüte seines Lebens und denkt nicht ans Sterben. Lieber feiert er: ausgelassen, ausgiebig und opulent – bis an just so einem Abend der Tod vorstellig wird, um ihn abzuholen. Jedermann erbittet sich einen kleinen Aufschub und begibt sich nach dem ersten Schreckensmoment auf die Suche nach Geleit. Niemand seiner Verwandten und Freunde zeigt sich allerdings sonderlich erpicht, ihm auf seinem letzten Gang beizustehen. Die Vettern verlassen eilig das Fest und auch die Buhlschaft nimmt lieber die Stöckelschuhe in die Hand.JEDERMANN am Hofspielhaus (c) Chris Hirschhaeuser

Abstand ist alles

JEDERMANN in Reinkultur, das steht für opulente Tafel und große Feier.  Gut, das lässt sich im Hinterhof des Hofspielhauses schon aus platztechnischen Gründen schwer inszenieren oder etwa doch? Selbst ist die Inszenierung. Statt riesigem Ensemble stehen drei Schauspieler*innen auf der Bühne, statt der großen JEDERMANN Tafel werden vor Beginn Amuse-Gueule und Sekt serviert, so dass das Publikum praktischerweise auch gleich zu den Teilnehmer*innen des Letzten Abendmahls von Jedermann wird. Es sind diese und ähnliche gelungenen Nuancen, die das selbst ernannte Hof Hör Spiel für sich einnehmen lassen. Dazu zählt auch die 1,50 m langen Stangen, die nicht nur von der Ankunft der jeweiligen Figuren künden, sondern auch als verlängerter, corona-kompatibler Händedruck fungieren. Unterstützt von einer persistenten Trillerpfeife, die das Potential besitzt, selbst den aufmerksamsten Gast aus dem Stuhl hochfahren zu lassen, aber eigentlich nur den Abstand mit Augenzwinkern einmahnt und Zeit-Reflexion betreibt.

Es flutscht im JEDERMANN

Georg Büttels Inszenierung ist als Hof Hör Spiel inszeniert – das heißt, einmal mehr die 1,50 m Abstand wahrend, steht sich das Schauspieltrio quer über den Hof verteilt an Pulten gegenüber und deklamiert abwechselnd in O-Ton Reimen nah am Knittelvers oder diverse zeitgenössische dialektale Varianten. Vom Wiener Soziolekt über Bairisch bis Sächsisch, David Hang stemmt sie alle im Alleingang. Tatsächlich entpuppt sich der Schauspieler und Kabarettist als Hans-Dampf-in-allen-Charaktergassen. Seine diversen Rollen akzentuiert er dabei mit viel Hörspiel-Schabernack, was für reichlich Amüsement zwischen den Reihen sorgt. So trippelt der gute Gesell schnellen, eifrigen Schritts herbei, wofür David Hang seine Beine unter dem Tisch schneidig sausen lässt oder als Koch schlurfend über den Boden zieht.

Marktschreierische Qualitäten beweist Hang mit der Beschreibung der Tafel, die er mit wortreicher Rede in die Imagination der Zuschauer*innen pflanzt. Inklusive Stiegen aus „echtem italienischen Marmor aus Brasilien“. Humor hat sie also auch, diese JEDERMANN-Inszenierung, die sich selbst nicht ganz so ernst nimmt. Hier zeigt sich, wie geschickt der Regisseur die originalen Textstellen mit den Knittelversanleihen und seine zeitgenössischen Ergänzungen verwoben hat. Statt hartem Bruch elegantes Übergleiten in den Dialogen.JEDERMANN © Chris Hirschaeuser

Ist gerettet

Markus Böker hat sich seine berühmte Titelrolle mit Wort und Seele einverleibt. Auch ohne Text versprüht er die Autorität des reichen Lebemannes. Laut schallt seine Stimme über den begrenzten Innenhof. Wenn er dann noch mit der Faust an die Säule schlägt, wird es richtig laut. Aber auch leise Töne und Reue beherrscht der Mime, wenngleich Letzteres an dieser Stelle etwas kürzer ausfällt und sujetbedingt auch an FAUST erinnert (selbst wenn das berühmte „Ist gerettet“ dann zum Glück selbstverständlich nicht ertönt). Böker gelingt es, dem verschwenderischen reichen Mann gleichzeitig eine sehr menschliche, verletzliche Note zu verleihen, indem er ihn rechtzeitig von aller Arroganz befreit und aufrichtig bereuen lässt. Auf einmal ist Jedermann ziemlich klein und verwundbar. Als er aber ins Grab steigt, mit einem väterlichen Glaube (Daving Hang) und einer mildgestimmten Gute Taten (Diana Marie Müller) an seiner Seite, ist die alte Präsenz zurück. Statt ins Negative schlägt sie diesmal ins Positive um.

Die Buhlschaft bitte, die Buhlschaft

Wo ein Jedermann, ist eine Buhlschaft nicht weit. Was in Salzburg jährlich zu einem riesigen Medienzirkus führt, lässt sich in München herrlich einfach an. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass in Georg Büttels Inszenierung überall ein gewisses ironisches Augenzwinkern drinsteckt und die Achtung vor dem Stoff dennoch stets präsent ist. Hofspielhaus: JEDERMANN (c) Chris HirschhäuserDiana Marie Müllers Darstellung der Freundin Jedermanns pfeift jedenfalls auf allzu enges Vorlagenkorsett. Selbstbewusst und besorgt gibt sie die liebevolle Buhle, die aber auch ganz anders kann. „Don’t touch my hair“ zickt die schöne Dunkelhaarige, wenn Jedermann gar zu anhänglich wird. Mit einem weiteren heiteren Spruch versagt sie ihm dann auch prompt das letzte Geleit. Aber, so versichert die davoneilende Buhlschaft dem verstörten Ex, sie werde ihn ja mal anrufen. Fehlt eigentlich nur noch der eigene Insta-Account.

In Neil Gaimans Verfilmung von „Good Omens“ sorgte die weibliche Stimme von Gott für Aufregung. In München stehen die Dinge anders und der weibliche Teufel (Diana Marie Müller) scheint als Femme fatale absolut stimmig. Charmant und quirlig steht sie vor der Himmelspforte, um sich ihre versprochene Seele abzuholen. Alleine, die ist nicht mehr da und Jedermann gerettet. Mit blinkenden Hörnern steigert sie sich von missmutig zu diabolisch verstimmt. Bringt ihr nur alles nichts. Und irgendwie ausgeglichen und ruhig steigt dann dieser Jedermann in sein Grab. Happy End auf fast ganzer Linie. Zumindest für den Jedermann.

 

Fotonachweis: Chris Hirschhäuser

 

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