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Emil und die Detektive – Schauspielhaus Salzburg

Berlin! Berlin! Emil fährt nach Berlin!

Bei der Premiere von EMIL UND DIE DETEKTIVE am Schauspielhaus Salzburg bleibt kein Bühnenelement auf dem anderen.

Endlich ist es wieder soweit: Pünktlich zum Mai inszeniert Petra Schönwald am Schauspiehaus Salzburg ein neues Jugendstück. Diesmal steht mit EMIL UND DIE DETEKTIVE ein echter Kinderbuchklassiker auf dem Programm. In den diversen Haupt- und Nebenrollen bereits die nächste Generation Schauspielschüler*innen.

In aller Plot-Kürze

Ein Ausflug zur Großmutter nach Berlin: Für Emil könnte alles so schön sein, würde ihm nicht im Zug ein Dieb sein gesamtes Geld entwenden. Aber nicht mit Emil! In Berlin heftet er sich an die Fersen des Bösewichts und wird dabei von einer Gruppe Großstadtkinder tatkräftig unterstützt. Wäre doch gelacht, wenn Emil und seine Detektive den Halunken nicht überführen könnten.

Nostalgie und Moderne

Die Prominenz des Erich Kästner Kinderbuch-Erstlings hält Petra Schönwald nicht davon ab, der Inszenierung ihre eigene Note zu verleihen. Sprachlich nützt die Regisseurin das vorhandene Potential und knüpft auf dialogischer Ebene an die Originalzeit an. Das ist einfach, schließlich zählt der Autor zu den Vertretern des Dokumentarismus‘ und die präferieren es nüchtern – das funktioniert auch 89 Jahre später noch einwandfrei. Als charmanter Nebeneffekt erhält EMIL UND DIE DETEKTIVE dann auch gerade durch die vergangene Sprachlichkeit ein spezielles, nostalgisches Flair. Das kontrastiert die Regisseurin gezielt mit Ausstattung und Bühnenbild, die beide einen Hang zum Zeitgenössischen aufweisen (Ausstattung: Elke Gattinger, Bühne: Isabel Graf). So ist zum Beispiel Emils ständig als „Anzug“ betitelte Kleidung mit Beanie, Hoodie und Jogpants eigentlich die Uniform aktueller Jugendlicher – und könnte durchaus auch in Berlin bestehen. Das stört die Figuren freilich wenig, wenn sie Emil raten, doch beim nächsten Mal einen ordentlicheren „Anzug“ anzuziehen und nicht so ein veraltetes Ding. Währenddessen dreht sich das Bühnenbild munter im Kreis. Unter einem pavillonartigen Gerüst liegen überdimensionale Bauklotz-Elemente verteilt. Die enthalten nicht nur die gesamte Garderobe Der kleinen Dienstag (Helena May Heber), sondern auch die Kleidung sämtlicher anderer Figuren der Darstellerin. Gleichzeitig bilden die ‚Tetris-Steine‘ den perfekte Spähposten – und ja, sie erinnern auch an Petra Schönwalds vergangene SUPERGUTE TAGE-Inszenierung. Die Drehbühne wird zum puristischen Abenteuerspielplatz der Kinderbande. Bunte Lichter und schnelle, harte Rhythmen lassen eine Ahnung von dem Großstadtdschungel und dem sozialen Milieu entstehen, dem der Plot entspringt.

Schlaue Kinderbande

Die Figuren sind ein sympathischer Haufen schlauer Charaktere, die konträr zu Erich Kästners Erwachsenen-Protagonisten über gesunden Menschenverstand verfügen. Bestes Beispiel der staunende Emil vom Land, den Tim Erkert zum liebenswerten Detektiv kürt. In der Großstadt verbündet er sich mit Gustav von der Hupe und den anderen Kindern. Warum Gustav dabei eine Verdoppelung erfährt, wird nicht deutlich. Vielleicht Rollenknappheit? Allerdings birgt der Kniff amüsante Nebeneffekte: Zum einen werden die beiden Gustavs (Jakob Kücher & Raphael Steiner) zu einer männlichen Doppelten-Lottchen-Allusion, zum anderen zu einer Reinkarnation von Rainhard Fendrichs „Razzia“-Song (der passt übrigens auch thematisch zu EMIL). Gustav 1 und Gustav 2 verleihen der Produktion eine zusätzliche humorige Note, wenn Jakob Kücher und Raphael Steiner fließend die Sätze des jeweils anderen beenden. Dass sie sich dabei sogar optisch ähneln, ist wohl ein sehr gelungener Zufall – aber auch der gleichen Frisur und identischen Kleidung geschuldet. Besonders sticht Julia Rajsp in ihrer Rolle als altkluge Professorin hervor. Dabei wahrt sie immer eine kindliche Note, die deutlich wird, wenn sie trotzig den Vater als Beweis zitiert, um doch im Recht zu sein.  Helena May Heber hat als sich ständig verändernde Kleine Dienstag und andere Rollen ziemlich viele Umzüge. Besonders amüsant, ihr Einsatz als herrische Großmutter, die an einen weiblichen Paten erinnert. Fehlt nur noch die passende Melodie. Die bekommt sie zwar nicht, dafür darf sie im großartig umgestalteten Einkaufswagen sitzen.

Den eigenen Intelligenzquotienten setzt Julian Dorner für Mittenzwey und Mittendrey großartig auf Sparflamme, auch wenn die Idee hinter dem „brüderlichen“ Boxhandschuh im Dunkeln verweilt. Dafür ist die Rolle des Antagonisten klar: Nico Raschner – der älteste Schauspielschülerjahrgang (was für ein Wort!) im Team – lebt den maliziösen Grundeis durchtrieben aus und lässt ihn hinterlistig Emils Ersparnisse ergaunern. Spätestens an dieser Stelle wird für die Kinder im Publikum deutlich, warum es doch ganz ratsam sein könnte, den Ratschlägen der Eltern Folge zu leisten – und eben keine Süßigkeiten von Fremden anzunehmen. Intendiert oder nicht, unvermutet wird Petra Schönwalds EMIL UND DIE DETEKTIVE gar zum Kinder-Knigge.  Gut, Pony Hütchen (lebensfroh Stefanie Herzgsell) übertreibt es dann vielleicht ein wenig, als sie die Handgranate wirft… 😉

Ein echter Detektiv-Roman kommt nicht ohne Verfolgungsjagd aus. Damit die nicht zu statisch verläuft, führt sie mit enthusiastischer Gesangseinalge durch das Publikum. Am Ende weht dann sogar ein Hauch Antike durch den Raum: Bösewicht Grundeis schiebt die Drehbühne vor sich her, wie einst Sisyphos seinen Stein. Mit dieser humorigen Pointe endet die Inszenierung. – Wer hätte gedacht, dass so viele Impulse und Genres in ein EMIL UND DIE DETEKTIVE passen? Dadurch erhält die Produktion zwar ihre moderne Note, gleichzeitig scheint zu viel Unterschiedliches in sechzig Minuten gepresst worden zu sein. Der rote Faden wird deshalb phasenweise unstet und die Inszenierung büßt etwas an Stringenz ein. Spaß macht er aber natürlich trotzdem, dieser Emil und seine Berliner Detektive.

 

Fotonachweis: Jan Friese

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