Dionysien – Salzburger Landestheater

Dionysien – Salzburger Landestheater

Dionysius bittet zum Fest

Wenn Salzburg nicht zu den Dionysien zeitreisen kann, dann kommen die Dionysien eben in abgespeckter Variante nach Salzburg: vier Stunden leicht bekömmlicher Mehrsparten-Reigen in der Felsenreitschule.

Aischylos, Euripides, Sophokles und Aristophanes sollten sich dieser Tage nicht wundern, wenn sie auf ihrem Dichter-Wölkchen von Schluckauf befallen werden. Tatsächlich ist das Unwahrscheinliche eingetreten: Ihre ehemaligen Gewinner-Texte treten noch einmal bei den Dichterwettkämpfen, den Dionysien, an. Freilich, nicht ‚ganz‘ den originalen. Statt griechischer Sonne, luftigem Amphitheater und jede Menge Volk erwartet die griechischen Heroen Salzburger Schnürlregen, eine Felsenreitschule mit überdachtem Amphitheater-Charme und ebenfalls jede Menge Volk. Wann hat Publikum schließlich die Gelegenheit, ein pompöses vierstündiges Dreisparten-Fest zu erleben? (Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem, Lichtdesign: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Maren Zimmermann, Tamara Yasmin Quick, Orchester: Mozarteumorchester Salzburg, Kooperation „Der Frieden“ Partnerschulen)

Selbst ist der Intendant

Der Aufbau des leicht bekömmlichen Theaterabends ist einfach: Regisseur Carl Philip von Maldeghem orientierte sich am griechischen Vorbild. Drei Tragödien und eine Komödie treten gegeneinander an. Da sich die vier ausgewählten antiken Dichter mit ihrem Stoff aber längst bewiesen haben, findet der eigentliche Wettkampf im Kopf des Publikums statt. Die lehnen sich dafür vier Stunden – mit kleiner Schlemmer-Unterbrechung – zurück und genießen die Sparten-Vielfalt.

Dichter-Exzesse schön und gut, bei den Salzburger DIONYSIEN ist das Spektakel aber wohlgeplant. So sind bereits Bühnenbild und Ausstattung homogen aufeinander abgestimmt. Da als Setting die bekannte Felsenreitschule mit ihrem beeindruckenden Bühnen-Ambiente dient, wurde nur sparsam Kulisse hinzugefügt. Das Ergebnis ist mit allen Stücken kompatibel und mutet puristisch-modern an. In die gleiche Kerbe schlägt die Ausstattung, die mit einem Crossover aus Anzügen, Military, Spitze und zarten Pastelltönen so ziemlich alle Moderichtungen abdeckt und das Geschehen dezent in den aktuellen Zeitkontext hebt. Apropos schlagen!

Prometheus: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Als erste Tragödie geht Aischylos‘ PROMETHEUS an den Start (Bühne & Kostüme: Stefanie Seiz). In der Bearbeitung von John von Düffel erlebt der Mythos rund um den antiken Vorausdenker ein Revival. Prometheus hat aus Sicht seiner Götter-Kollegen einen großen Fehler begangen: Er hat dem Menschen nicht nur Feuer, sondern (oh Graus!) auch kulturelles Wissen mit auf den Weg gegeben. Der tyrannische Zeus lässt Prometheus für seine Missetat prompt von Hephaistos (dem Schmiedegott) in Ketten legen und an eine Felswand schlagen.

Wenn Götter toben, dann aber richtig. Einen kleinen Vorgeschmack darauf liefert Kratos (Tim Oberließen), der als aggressiver, göttlicher Soldat den inhaftierten Titanen (stimmstark Christoph Wieschke) in Grund und Boden brüllt. Inzwischen hadert Hephaistos (Georg Clementi) mit seinen Gefühlen; obrigkeitstreu führt er Zeus‘ Befehl zwar aus, aber moralisch scheint ihm dabei alles andere als wohl zu sein, wie sein zerrissener Gestus eindrücklich demonstriert. Danach darf ‚gebouldert‘ werden: Prometheus erklimmt sein von Hephaistos hübsch gezimmertes Exil in luftiger Höhe. Bei dem Workout bleibt es aber nicht. Wenig später schwebt ein gut gelaunter und tiefenentspannter Okeanos (Georg Clementi) über Prometheus herbei und will den Freund in Not beraten. Der ist allerdings resistent und Okeanso fliegt weiter. Während Prometheus mit dem Chor der Okeaniden (Britta Bayer) philosophisch disputiert, kommt die gehörnte Io (Nikola Rudle mit großartigem Tick) ihres Weges – ein Opfer von Heras Eifersucht und Zeus‘ Promiskuität. – Bei den DIONYSIEN wird, so viel ist schnell klar, großer Stoff einfach dargeboten. Die Dichter-Spiele gehen in die zweite Runde.

Medea – Der Fall M.

In ihren Schuhen möchte niemand stecken: Zuerst tötete die eifersüchtige Medea die Geliebte ihres Mannes und dann auch noch ihre eigenen Kinder. An Euripides Vorlage orientierte sich auch die Choreografie von Reginaldo Oliveiras MEDEA – DER FALL M. (Kostüme: Judith Adam). In der kurzweiligen Ballett-Inszenierung hält eine Menschenmenge Gericht. Was wie eine Traumsequenz mit hellen Farbnuancen und leichten Bewegungen anmutet, artet schnell in einen Albtraum aus. Als Frau in Rot sticht die vorgeladene Medea (Márcia Jaqueline) nicht nur optisch bereits aus dem luminösen Bild hervor. Bei der Anhörung kreuzen sich die Ebenen: Die vergangenen Ereignisse werden rekapituliert. Schnelle, abgehackte Bewegungen, die ins Aggressive tendieren, brechen immer wieder den zarten Fluss und akzentuieren die Eifersucht, die von Medea Besitz ergreift. Wütend bedrängt sie ein ums andere Mal ihren Gefährten (Flavio Salamanka), der sich aus jeder noch so engen Umarmung windet. Das Resultat ist ein moderner Albtraum, mit sehr grazilen Zügen.

Oedipus Rex: Der gefallene König

Ödipus? Kennt jeder, zumindest mehr oder weniger. Schließlich liegt dem Stoff die Sache mit dem unabsichtliche Mord am Vater und der inzestuösen Beziehung zur Mutter zugrunde. Überhaupt scheint dieser Ödipus vom Glück verlassen. Eine besondere Variation vom ur-alten Mythos ist allerdings das Opern Oratorium OEDIEPUS REX von Igor Strawinsky (Bühne & Kostüme: Stefanie Seiz, musikalische Leitung: Dennis Russell Davies). Eigentlich in lateinischer Sprache gehalten, setzt die Inszenierung auf deutsche Untertitel und einen eigenen Sprecher. Den gibt Sascha Oskar Weis gewohnt souverän und mit bekannt mephistophelischen Zügen. Der Mime trägt damit zum Mehrspartenkunstwerk bei. Denn OEDIPUS REX vereint alle Künste – und vielleicht ist genau das das Rezept für seine Schlagkraft. Während Ödipus (Roman Payer) keine Ahnung vom eigenen Unglück hat, seine Frau Jocasta (Aude Extrémo) am Orakel zweifelt und der Bote (stimmlich stark Raimundas Juzuitis) zu viel verrät, wird das Ensemble um mehrere Chöre ergänzt (Chor und Extrachor des Salzburger Landestheater, Philharmonie Chor Wien). Die fallen stimmgewaltig auf der Bühne ein und verleihen dem Opern Oratorium seine pompöse Note. Aber nicht nur das; zugleich sind da auch noch die Tänzer*innen vertreten, die das Volk mimen. Sie pendeln zwischen den am Boden liegenden Gerüsten hin- und her und geben dem Pest gebeutelten Theben ein Gesicht.

Der Frieden – Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb

Poppig frech wird es während des Griechen-Revivals mit der einzigen Komödie DER FRIEDEN. Der Klassiker von Aristophanes wurde dafür freilich, nun, ein wenig aufgepeppt (Bühne & Kostüme: Stefanie Seiz, Choreografie: Kate Watson). Der Schweinehirt, der mit dem Mistkäfer Richtung Olymp aufbricht, ist immer noch Trygaios (Tim Oberließen). Und was die Freude, also den „gaios“, im Namen trägt, kommt in der Salzburger Felsenreitschule selbstverständlich genauso lustig daher. Als Kölsche Frohnatur mit losem Mundwerk und starken Hausmeister Krause Analogien, verdreht Trygaios nicht nur Fremdwörter, sondern hat es auch nicht ganz so mit Namen. Als fahrbarer Untersatz dient ihm in dieser neuzeitlichen Fassung allerdings ein tatsächlicher Käfer, also das Auto, das er mit körpereigenem Abfall speist. Außerdem darf er damit nicht nur in den Olymp springen (was nach sehr viel Spaß aussieht!), sondern wird dabei obendrein noch mit Schaum beschossen (was nach noch sehr viel mehr Spaß aussieht!!). Mindestens genauso amüsant, Trygaios‘ österreichisches Pendant – Götterbote Hermes (Sascha Oskar Weis) nämlich, der sprachlich an Hans Moser erinnert. Gemeinsam schenkt sich das Duo nichts, sondern befreit auf amüsante Weise den Frieden (blumig Nikola Rudle) aus ihrem Loch im Olymp, als der Krieg (blutig Christoph Wieschke) einmal nicht genau hinsieht. Mit der kurzweiligen und nicht immer sehr tiefsinnigen Überarbeitung von Aristophanes FRIEDEN klingt das Mehrsparten-Festival humorvoll aus. Gleichzeitig sorgt die temporeiche Inszenierung für eine lachende Abwechslung, die bei so viel Tragödie in jedem Fall wohl platziert ist. Da kann auch die kleine Flower-Power-Gute-Laune-Einlage am Ende nicht schaden, an der alle teilnehmen, die Lust dazu haben.

 

 

Fotonachweis: Anna-Maria Löffelberger

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