Die Wilde Party | OFF Theater

Die Wilde Party – OFF Theater Salzburg

Die Wilde Party – OFF Theater Salzburg

BOWLE SICH, WER KANN.

Kommt ein Clown ins Foyer, feiert Georg Büttels WILDE PARTY am OFF Theater in Salzburg Uraufführung. Dafür lässt es das Ensemble so richtig krachen: Sex, Drugs und die Bowle des Grauens.

Zugegeben, nach dem Steckenpferd-Einhorn mit Dildo auf dem Kopf und vorgetäuschter Beinrasur, für die eine Zuschauerin geduldig die Schale hinhält, dürfte eigentlich nichts mehr verwundern. Weder der humorige Udo Lindenberg-Verschnitt in pornösem Leo-Mantel mit Dauerschnute noch die Bowle des Grauens. Tut es dann aber doch. Denn das ominöse Getränk im Epizentrum des Geschehens harrt stoisch der Dinge und erduldet alles, was man – also Schauspieler*in – so in sie hineinkippt. Und das ist an diesem Abend eine ganze Menge. Am Ende ist die Bazillen-Sause perfekt – und Georg Büttels WILDE PARTY außer Rand und Band, auch in der Bowle.

In aller Plot-Kürze

Jazz-Age und Prohibition: Vaudeville Tänzerin Queenie und Vaudeville Clown Burrs sind ein Paar, allerdings ohne eitlen Sonnenschein. Der eine kriminell und eifersüchtig, die andere maßlos und verrucht; um dem Leben einen weiteren Kick zu geben, beschließen sie, eine Party zu werfen. Mit an Bord, jede Menge bunte Gestalten. Vom lispelnden Boxer bis zur unschuldigen kleinen Schwester und lasziven Damen. Es könnte alles so ungehemmt schön sein, würde nicht plötzlich eine Flasche durch die Luft sausen und ein Schuss knallen.

Clown-Alarm

Wer „Wild Party“ hört, denkt vermutlich meistens zuerst an das gleichnamige Musical. Das übrigens auch auf Joseph Moncure Marchs romaneskem Gedicht basiert. Tatsächlich aber darf Hollywood an diesem Abend zu Hause bleiben. Die Wilde Party | OFF Theater SalzburgAuf der Bühne des OFF Theaters in Gnigl feiert stattdessen Georg Büttels wilde Hommage an die ‚Roaring Twenties‘ Uraufführung (Spielfassung & Inszenierung: Georg Büttel, Künstlerische Mitarbeit & Technik: Jonas Meyer-Wegener, Kostüme & Maske: Andrea Linse, Bühnenbau: Florian Strohriegl & Team).

Die Roaring Twenties ist hier kein schnödes, geflügeltes Wort. Regisseur Georg Büttel löst das Versprechen umgehend ein. Dafür wurde selbst das Theater umfunktioniert. Im Foyer hat Clown Burrs (Max Pfnür) seinen Auftritt. Mit großen, okay, übergroßen, weil größer geht eigentlich eh fast nicht mehr, Gesten und mindestens genauso viel Dramatik, will Burrs seinem Leben ein Ende setzen. Das funktioniert halt nur nicht so ganz, sehr zum Amüsement des Publikums. Max Pfnür läuft sich clowntechnisch indes richtig warm, legt ein hölzernes Scherflein drauf und beweist, wenn es einmal nicht mehr so mit der Schauspielerei laufen sollte, Nouveau Cirque wäre auch eine Lösung.

Reime sich, wer kann

Während Burrs also seinen großen Auftritt hat und dem Publikum einen Blick vor die Kulissen gewährt, führen Party-Dramaturg und Party-Dramaturgin durch den Abend. Alex Linse und Anja Clementi übernehmen als Concierge das Zepter und laufen ebenfalls zu Hochform auf – zu wortjonglierender wohlgemerkt, indem sie das Publikum ad hoc Reimpaare bildend zu ihren Plätzen führen. Tatsächlich ist der WILDEN PARTY ihr Faible für Lyrik dick und fett anzukennen und macht unglaublich viel Spaß. Wo sonst lassen sich zwei Stunden Reim-Spiele locker und einfach wegstecken? Vielleicht liegt es an der mnemonischen Form. Wie Merkverse in Kinderliedern reihen sich die Hebungen und Senkungen aneinander und ein Texthänger würde vermutlich zum sprachlichen Supergau führen. Es sei denn, der passender Ersatzreim scharrt bereits eloquent in den Startlöchern.

All that Jazz

Nicht scharren, sondern sitzen, tut auch das Publikum – und befindet sich zum Teil mitten im wilden Getümmel. Irgendwie scheinen Schauspieler*innen auszublenden, dass Nicht-Theater-Menschen selten gerne partizipieren. Die Wilde Party | OFF Theater SalzburgMöchte man meinen. Das Publikum im OFF scheint da aber ohnehin ganz anderer Meinung zu sein und wirft sich freudig ins Geschehen, dass eine nur noch staunen kann (und sich über ihren Platz ganz hinten freut – daaanke!). So mischen sich Zuschauer*innen und Schauspieler*innen, bis die Grenzen verschwimmen, zu den jazzigen Tönen der Roaring Twenties oder den eingejazzten Klängen eigentlich viel späterer Songs, aber das konstituiert auch gerade den Reiz der musikalischen Untermalung. Die wird übrigens live am Klavier produziert; Milan Stojkovic (Musikalische Leitung) und Katrin Lehismets greifen dafür enthusiastisch in die Tasten, manchmal auch in die Worte, und sorgen für das perfekt abgemischte, jazzig-verruchte Arrangement.

Sei wild und frech und äh, wunderbar

Wild treiben es auch die Figuren auf der Bühne und nehmen sich dabei gar nicht so ernst. Erotik und Triebe treffen auf Eifersucht und enden im Herumgetolle und sportlicher Ertüchtigung auf diversen Sitzgelegenheiten und Betten. Dabei driftet die Inszenierung niemals ins Schmierige oder Lächerliche ab. Im Gegenteil; erstaunlich zielsicher trifft das Ensemble stets den richtigen Ton und kokettiert humoresk mit dem Amourösen und dem Amoralischen.

Mit Wasserwelle, goldenem Glitzerkleid und voller Lebenslust intrigiert Veronika Hörmanns Queenie. Lasziv und gleichzeitig verwegen gibt sie die Femme fatale, das blonde Dummchen und die kindlich Naive. Die Wilde Party | OFF Theater SalzburgAlles binnen weniger Sekunden – zwischendurch schmettert sie ziemlich eindrücklich den einen oder anderen Song, während sie weiterturnt. Über Betten, über Körper, über Zuschauer. Manchmal entkommt Queenie auch ein „uuups“, so wie allen anderen auch, wenn sie über die Pflanze (?) am Boden stolpert. Eines von vielen kleinen, heiteren Details, die der WILDEN PARTY ihr verrücktes, psychedelisches und zugleich sehr gelungenes Flair verleihen.

Dass Clowns nicht so beliebt sind, mag eingangs verwundern. Wenn Max Pfnürs Burrs allerdings mit kunstvoll verschmierter Maske seine niederen Triebe auslebt und zu Gewalt ansetzt, dann scheint das höchst legitim. Tatsächlich ist das Schaudern nie fern, was an der großartigen Darstellung des Bösen liegt – von wegen Clowns sind immer lustig und nett. Max Pfnür verleiht Burrs Stimme eine so intensiv bedrohliche und kalte Note, dass das Pathologische nie fern scheint und irgendwann auch hängen bleibt.  Ja, man möchte dem Clown nicht unbedingt abends begegnen (auch tagsüber scheint durchaus entbehrlich). Janusköpfig kann aber auch Tom Pfertner und zwar sprichwörtlich. Immer zwischen Udo Lindenberg inspiriertem Party-Spirit und Mister Black oszillierend, muss er aus Zeitmangel plötzlich auf der Bühne die Figur wechseln. Kein Problem, Auftritt Udo Black.

Temporeiche Tanznummern

Selbst der präzise durchgereimte Text nimmt sich nicht immer völlig ernst, woraus Georg Büttels WILDE PARTY weiteren Charme zieht. Diese Eigenschaft zelebriert auch Alex Linses Eddie. Der Boxer mit dem Sprachfehler lispelt sich kosequent durch das Stück und macht das unglaublich sympathisch und schlagfertig. Die Wilde Party | OFF Theater SalzburgGenau wie Freundin Mae (Diana Paul), die nie um eine Ausrede verlegen, fälschlicherweise herrlich dramatisch, hysterisch um ihren Eddie trauert, ehe sie in komatösen Schlaf fällt. Große Augen und unschuldiger Blick indes sind die Paradedisziplinen von Anna Knotts Nadine; die Teenager-Schwester von Mae, die auf Abenteuersuche stimm- und musicalstark durch die Party geistert, versucht immer wieder unbemerkt von der Bowle des Grauens zu trinken. Dazwischen temporeiche Tanznummern, die den Zeitgeist längst vergangenerr Tage aufgreifen und hervorragend mit der musikalischen Untermalung harmonieren (Choreografie: Diana Paul).

Viva la Twenties

In die Bowle des Grauens kippen alle Figuren ihre diversen Spirituosen und andere ominöse Flüssigkeiten, rühren um, verteilen sie spendabel ans Publikum oder waschen gleich ihr Antlitz darin. Alle bis auf Kate (Anja Clementi). Die ist aber auch viel zu sehr damit beschäftigt, schlagfertig und amoralisch ihren Toyboy  Mister Black zur Räson zu bringen oder, als das nicht so recht fruchtet, sich mit Burrs an eben jenem nicht minder amourös zu rächen.

An diesem Abend wird sehr viel Lippenstift über sehr viele Gesichter verschmiert. Es dürfte einen Grund geben, warum Moncure Marchs Vorlage 1928 erst nach Jahren zur Aufführung gelangte und dann in Boston verboten wurde. Das ist in Salzburg zum Glück nicht der Fall. Stattdessen wird der Topos des Lebensgefühls der – man kann es nicht oft genug erwähnen – Roaring Twenties aufgegriffen, mit Augenzwinkern in den Saal geworfen, und der ehemaligen Prohibition mit der Bowle des Grauens eine lange Nase gedreht. Das freut sicherlich auch die Bazillen, die darin längst ihre eigene WILDE PARTY feiern. Wohl bekomms. 😉

 

Fotonachweis: Mark Prohaska

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