MARTENSTEIN LIEST, CLEMENTI SINGT

Martenstein liest, Clementi singt – Oval

Die emotionale Intelligenz möchte aus dem Bällebad abgeholt werden.

Kluge Chansons und pointierte Kolumnen: Mit MARTENSTEIN LIEST, CLEMENTI SINGT ist das kongeniale Duo zurück in Salzburg und begeistert das Publikum. Ziemlich unvergesslich.

Im Internet kursieren die kuriosesten Trends. Schon von Marie Kondo gehört? Falls nicht: Sie umarmt ihre Kleidung. Nur wenn ihr der Lieblingspulli vermittelt, dass sie ihn immer noch total lieb hat, behält ihn Kondo im Schrank. Fehlt dieses Gefühl, setzt sie den Pulli knallhart vor die Tür. Die Kondo-Methode ist längst viral. Millionen von Menschen herzen ihre Kleidung, um zu spüren: Darf bleiben oder muss gehen. Wer jetzt spöttisch grinst, Achtung, das könnte nach hinten losgehen. Denn seit MARTENSTEIN LIEST, CLEMENTI SINGT im Oval ist es raus, Marie Kondos Fashion-Hype hat einen ziemlich coolen Bruder: die Martenstein-Methode. Dieses Prinzip basiert auf Harald Martenstein, seines Zeichens Kolumnist, Redakteur und Autor, und funktioniert sehr ähnlich. Statt einen alten Cashmere-Pullover zu liebkosen oder einen bejahrten Leinen-Blazer zu herzen, greift Martenstein zu Büchern. MARTENSTEIN LIEST, CLEMENTI SINGTSeine Bibliothek umfasst nach eigenen Angaben exakt 1.000 Stück. Das soll auch so bleiben. Wenn Harald Martenstein also neue Bücher kauft oder geschenkt bekommt, werden die alten einer Prüfung unterzogen. Und nur so viel sei gesagt, eines zieht immer den Kürzeren. Marie Kondo auf literarisch.

Martenstein und Clementi: Oops, they did it again

MARTENSTEIN LIEST, CLEMENTI SINGT ist eine musikalisch-literarische Lesung, die bisher vergebens ihresgleichen suchte. Das liegt am hohen Unterhaltungsfaktor und dem scharfsinnigen Humor, den das Programm versprüht. Das basiert auf dem Zeitlieder-Konzept von Georg Clementi. Der Sänger, Regisseur, Schauspieler und eh überhaupt Hansdampf in allen Gassen ist begeisterter ZEIT-Leser und hatte irgendwann die sehr begrüßenswerte Idee, die besten Artikel als Chansons zu vertonen. Dabei ist Clementi Wiederholungstäter. Sein liebstes Opfer? Harald Martenstein. Irgendwann lernten sie sich kennen, weil Georg Clementi halt auch Fan und hartnäckig sein kann. Zum Glück! Seither treten die beiden nämlich gemeinsam auf.

His brother from another mother

Auch an diesem Abend wird deutlich, Georg Clementi und Harald Martenstein sind nicht nur Meister ihres Fachs, sondern inzwischen ein eingespieltes Team. Das Arrangement des musikalisch-literarischen Repertoires greift nahtlos ineinander über. Dass das im Zeichen der Literatur steht, scheint naheliegend. Auch bevor Harald Martenstein die Anekdote seiner Bibliothek zum Besten gibt. G. Clementi, B. Popovicki, O. PardellerKaum auf der Bühne schlüpft Georg Clementi in sein Zeitlieder-Ich. Der Sänger schwärmt von den roten Augen seines  elitären Publikums und stimmt „Der Bibliophile“ an. Dass er dabei gerne wie ein Flummi über die Bühne hüpft, erinnert an Michael Stipe. Der Sänger von R.E.M hatte einst in einem Interview über sich selbst verraten, wenn er auf der Bühne stehe, sei er „wie ein Eichhörnchen auf Speed“. Wer Georg Clementi während seines Konzerts beobachtet, erkennt die Parallelen sofort; die Fahne ist gehisst, das Motto verkündet und das Eichhörnchen von der Leine.

Einmal Schauspieler, immer Schauspieler

Diese Energie muss und kommt raus. Die Melodien unter kundiger Darbietung von Bojana Popovicki am Akordeon und mit oho! Stimme sowie Ossy Pardeller an der Gitarre fliegen leichtfüßig durch den Raum. Bei aller scheinbaren Leichtigkeit von Chansons wie „Anna“, „Küss die Hand“ oder „Das Kopftuch“ besitzen sie aber unglaublich viel Tiefe – oder wie es der Liedermacher selbst nennt: „Lieder zur Förderung der emotionalen Intelligenz“. Diese emotionale Intelligenz fest im Blick, richtet Georg Clementi den Blick mit wohldosierter Ironie und manchmal herrlich flapsigen, aber immer präzise formulierten Texten auf das Problem. Zu diesem Zweck schlüpft er in die Rollen seiner musikalischen Protagonisten – einmal Schauspieler, immer Schauspieler. Auf diese Weise lassen sich selbst unangenehme Dinge charmant verpacken. Gleichzeitig beherrscht der Chansonnier das Langsame, Nachdenkliche. „Hitze“ und „Lied einer alten Frau“ sind melancholische Reminiszenzen, kluge Absagen an die Zeit.

Harald Martenstein: ein Autor auf Freiersfüßen

Klar, dass an diesem Abend das Gros des Publikums nicht nur wegen Georg Clementi, Bojana Popovicki und Ossy Pardeller ins Konzert strömten. Harald Martenstein hatte da noch ein Wörtchen mitzureden. Seine Kolumnen begleiten den Abend und zeugen einmal mehr von einem sehr präzise ausgetüftelten Arrangement. Dramaturgisch wunderbar homogen, ergänzen sich Lieder und Texte und greifen lückenlos ineinander. Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Dazu ist es sehr förderlich, dass Harald Martenstein keine Bühnenscheu kennt. Heiter und versiert erzählt er aus dem Leben, die Pointen immer auf seiner Seite. Hier zeigen sich die Parallelen zu Georg Clementi. Was ist sorgfältig arrangierter Witz, was ist zufällige Anekdote? Man weiß es nicht und lehnt sich deshalb auch lieber zurück, genießt und amüsiert sich dabei königlich.

Fan-Liebe

Das Beste: von wegen verstaubtes Programm. Auch wenn das Repertoire selbst schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, die persistente Aktualität stimmt nachdenklich. Georg Clementi als Kassandra und gewitzter Mahner, der dann auch noch selbst überrascht wird. Die Zugabe brachte es ans Licht, für die Harald Martenstein taufrisches Material aus dem Ärmel zauberte und damit nicht nur das Publikum beglückte, sondern auch einen sichtlich strahlenden Georg Clementi.  Tja, wenn’s läuft, dann läuft’s – nicht nur für das Publikum, sondern auch den Fan-Jungen auf der Bühne des Zeitlieder-Konzerts.

 

Fotonachweis: Marco Riebler (Gruppenbild Zeitlieder), C.Bertelsmann (Harald Martenstein)

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