Der Hässliche

Der Hässliche – kleines theater

kleines theater DER HÄSSLICHE: Dr. Frankensteins Vision geht in Serie

Willkommen zurück. Das kleine theater feiert das Ende des Lockdowns mit der Premiere von DER HÄSSLICHE. Ein kritisches Stück über den Drang zur Selbstoptimierung. Pointierte Unterhaltung auf klugem Niveau.

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, kündete Ingeborg Bachmann. Damit hat sie bestimmt recht. Trotzdem verschließt Herr Lette die Augen vor der Realität. Die Erkenntnis ereilt ihn also viel zu spät, längst mit beiden Beinen im Erwachsenenalter stehend. Lette ist hässlich. Lette ist sogar so hässlich, dass seine Frau ihm nur ins linke Auge blicken kann und der Assistent an Lettes Stelle zum Kongress soll, um dessen Erfindung, den 2CK Steckverbinder vorzustellen. Da brennt irgendwas bei Lette durch. Eigentlich sympathisch und grundsolide, legt sich der Ingenieur zur Selbstoptimierung unter das Messer. Ein neues Gesicht muss her. Bekommt er auch, nur der Charakter kann da halt leider nicht so ganz mithalten und auch das Umfeld reagiert anders als erwartet.

Die Ästhetik des Hässlichen

Mit dem Schönen beschäftigt sich die Literatur eigentlich schon seit… immer. Da folgt das Hässliche zwangsweise auf den Fuß. Dazu muss man gar nicht erst in einer Zeit leben, wo das eigene Aussehen täglich mehreren Prüfungen unterzogen wird. Social Media & Co lassen grüßen. Es hilft allerdings. Im Grunde hat Ingenieur Lette Glück. Denn sein antiker Kollege Minotauros – dieses Mischwesen aus halb Mensch, halb Stier – war aus göttlicher Rache nicht nur äußerlich hässlich, sondern auch innerlich kaum anzusehen. Hin und wieder wurden ihm ein paar Menschlein als Appetithäppchen ins Labyrinth serviert. Cundrie aus Wolframs Parzival war auch hässlich wie die Nacht, aber innerlich ziemlich schön und äußerst klug. Das Phantom der Oper wiederum von Gaston Leroux war zwar normal begabt im Kopf, musste sich aber trotzdem hinter einer Maske irgendwo im Keller einer Oper verstecken, um manchmal in Loge Nr. 5 für Chaos zu sorgen und Frauen reihenweise aus ihren Stilettos kippen zu lassen.

DER HÄSSLICHE: Wie viel Erkenntnis erträgt ein Mensch?

Herr Lette indes lebt glücklich und zufrieden, bis ihm seine Hässlichkeit demonstrativ vor Auge geführt wird. Die Szene ist rührend und von philosophischer Reminiszenz. Als würden die Menschen in Platons Höhlengleichnis erkennen, dass sie eigentlich nur in einer Höhle hausen. Aber ob sie diese Erkenntnis glücklicher macht? Herr Lette (Max Pfnür) wäre vermutlich ohne besser dran. Er und sein Kollege (Sebastian Maria Rehm) stehen in der Warteschlange der Cafeteria. Tablett im Anschlag. Fröhlich vorfreudig der eine, peinlich berührt der andere. Am Ende wird alles auf den Chef geschoben. Den gibt Hans-Jürgen Bertram als überlauten Choleriker, der es halt nicht so mit Worten hat, dafür aber umso mehr mit Obst. Warum auch immer. Das hält zumindest die Hände beschäftigt und lässt sich schön auf der Bühne verteilen.

Die Erkenntnisvermittlung delegiert der Chef ungefähr genauso geschäftig wie er Obstschalen wirft an Lettes Ehefrau Fanny (Cristina Maria Ablinger). Rührend-humorig versucht sie, ihrem Mann das Unvermeidliche möglichst schonend beizubringen. Dass sie ihm auch davor schon nie in beide Augen blicken konnte, fällt Lette erst jetzt auf. Diese und ähnliche kleine Szenen mit äußerst pointierten Dialogen unterstützen die tragisch-komische Komponente von Bálint Walters Inszenierung (Bühne: Otto Beck).

Hier bin ich Publikum, hier darf ich’s sein

Wunderbar die Szenenwechsel, die auf Pomp und Gloria verzichten. Bühnenbild und Schauspieler*in bleiben die gleichen, nur Ambiente und Figuren ändern sich in Sekundenschnelle mit dem Licht. Das kreiert ein sehr stimmiges Ambiente, ohne, dass die Personen ihre Positionen verlassen müssten. Max Pfnürs Ingenieur Lette ist das sehr gelungene Psychogramm des Hässlichen auf dem Weg zur Erkenntnis. Anfangs gutmütig, später sprach- und ratlos, schließlich größenwahnsinnig bedient Pfnürs Figur alle Facetten und stürzt schließlich genauso affektstark ins Depressive, wie er davor mit allen Fasern den Ahnungslosen mimte.DER HÄSSLICHE Komödie von Marius von Mayenburg

Max Pfnür großartig zur Seite, Cristina Maria Ablinger. Ohne große Aufregung eignet sich die Schauspielerin sowohl die Rolle der Fanny, als auch die der Krankenschwester oder der betagten Schönheitsfanatikerin an. Tatsächlich ist genau diese Omnipräsenz des Ensembles einer der großen Vorzüge der Inszenierung, die zur Authentizität beitragen. Zugleich vertraut die Regie erfreulicherweise auf die Fähigkeit des Publikums, sich das Hässliche selbst vorzustellen. Deshalb wird Pfnür keineswegs entstellt oder Ablinger einer Alterungskur unterzogen. Auch Rehm agiert als Lette Doppelgänger mit eigenem Gesicht – und bleibt erfreulich authentisch. Daran ändern auch die Lette-Masken nichts, die dann doch kurz auftauchen. Fast wie ein Sicherheitsnetz, dessen es allerdings nicht bedurft hätte.

Philosophie to go

Lette ist zwar äußerlich hässlich, aber innerlich schön, bis sich die Parameter verschieben. Die Idee ist toll, die Mission gelungen – meistens. Denn dann sind da noch diese anderen Momente. Da wird der konstruierte Charakter des Schauspiels sichtbar und das verzweifelte Bemühen um philosophische Anleihen. Dadurch erhalten aber Figuren und Dramaturgie Sollbruchstellen. Beispielsweise Fanny. Eigentlich mit Lette verheiratet, angeblich wegen der inneren Werte. Die werden schnell vergessen, als der Göttergatte sein neues, fabelhaftes Antlitz erhält. Und plötzlich ist er auch austauschbar. Gegen einen neuen, der mehr an den alten erinnert, obwohl man davor das unsagbar Hässliche kongenial ignorierte. Das macht Sinn, aber erst auf gedanklichen Umwegen. Richtig schwierig wird die Sinnsuche beim Mutter-Sohn-Gespann. Der inzestuösen Verbindung steht Lette genauso kritisch gegenüber wie die beiden seiner unvermutet auftauchenden Moral. Dass just die beiden ihn dann vor einem Fehler bewahren und glücklich und zufrieden Händchen haltend in den Lift steigen, scheint definitiv zu viel an Inkongruenz.

locus amoenus der Großstadt in DER HÄSSLICHE

Am Ende wird es wieder ein bisschen antik, beim emotionalen Zwiegesprächs Lettes mit sich selbst und einem Chor an Doppelgängern. Die großartig irgendwo zwischen Mephistophelischem und absoluter Verzweiflung oszillierende Stimmung wird lediglich durch den finalen Schritt getrübt. Denn ganz wie für Narziss die versteckte Quelle der locus amoenus ist, in welchem er sich unsterblich in sich selbst verliebt, scheint dieser magische Moment für Lette ganz oben auf dem Dach stattzufinden. Das Spiegelbild steht in Fleisch und Bild vor ihm (Sebastian Maria Rehm als überdrehter, liebesbedürftiger Sohn). Lette scheint entzückt. Dass er kurz davor seine Doppelgänger grosso modo aus tiefstem Herzen verabscheute, mutet seltsam an.

Oder liegt die Idee darin verborgen, dass Lette just in diesem Moment, am locus amoenus der Großstadt, für sich selbst entbrennt? Auch wenn der Abgang der drei Figuren Sinn entbehrt, beweist Chirurg Scheffler Stringenz. Hans-Jürgen Bertram geht ganz in seiner Rolle des größenwahnsinnigen Arzt-Künstlers auf, der sich sein eigenes – wunderhübsches Monster – schafft und grandios vermarktet. Der Irrsinn spricht ihm aus jeder Pore, ganz besonders aber aus der finalen. Denn, merke: Zuerst kommt die Nase dran, weil die ragt am meisten aus dem Gesicht hervor. Von slapstickartiger Fabelhaftigkeit, die an einen Splatterfilm erinnernde Operationen als Schattenkino hinter der Leinwand.

 

Fotonachweis: Christoph Strom

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2 Kommentare

    1. Author

      Ich. Veronika von What I saw from the cheap seats.

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