BLAU / ORANGE

Blau/Orange – Ensemble Juvavum

I see… blue oranges.

Das Ensemble Juvavum inszenierte mit Nicholas Monu das britische Drama BLAU/ORANGE am OFFtheater in Gnigl – ein Stück über Rassismus, Ego-Trips und blaue Orangen.

Der Independent war nach der Uraufführung von Joe Penhalls BLUE/ORANGE im Jahr 2000 ganz aus dem Häuschen und bejubelte das psychiatrische Drama als „contemporary classic“. Weil unterschiedliche Länder aber unterschiedliche Klassiker haben, dauerte es ganze neunzehn Jahre, bis das Stück seinen Weg als Österreichische Erstaufführung nach Salzburg fand. Nicholas Monu holte BLAU/ORANGE mit dem Ensemble Juvavum ans OFFtheater und sorgt mit dem Drama für großstädtisches Flair, NHS Turbulenzen und kulturelle Diversität.

In aller Plot-Kürze

Der junge psychiatrische Patient Christopher steht vor seiner Entlassung aus der geschlossenen Abteilung. Sein behandelnder Arzt Bruce Flaherty zweifelt allerdings an der Diagnose Borderline und vermutet Schizophrenie. Er fordert, dass Christopher nicht entlassen werden darf. Sein Vorgesetzter Robert Smith sieht das anders – aus Kostengründen will er Christopher Gesund sprechen und ist ohnehin der Meinung, dass die Probleme des Patienten durch dessen genetische Herkunft bedingt sind.

Lehen in Gnigl

Eigentlich hätte sich Lehen als Veranstaltungsort angeboten. Wenn schon kulturelle Diversität und ein Ansatz von melting pot, dann doch sicherlich im buntesten Viertel der Stadt. Dass es dennoch Gnigl wurde, ist trotzdem naheliegend, schließlich liegt der Veranstaltungsort ja auch genau dort. Nicholas Monu holte das gefeierte britische Stück also mit viel Enthusiasmus und Engagement nach Salzburg (Bühne & Kostüme: Simone Monu, Dramaturgie & Regieassistenz: Felicitas Biller, dramaturgische Unterstützung: Cornelius Obonya). Dass sich der Regisseur nicht vor Konflikten scheut, wird rasch deutlich. BLAU / ORANGE: EnsembleBei BLAU/ORANGE handelt es sich zwar um ein psychiatrisches Drama, gleichzeitig bilden die pathologischen Neurosen und Psychosen nur den Rahmen der Inszenierung. Sie dienen als Aufhänger für das, was sich peu à peu und in aller Deutlichkeit entfaltet: Machtmissbrauch, Rassismus und Ego-Trips.

Millennium trifft 2019

Der Einstieg ist holprig. Nicht von Seiten der Schauspieler. Christopher (Ron Iyamu) kaut bereits nervös auf seinen Fingernägeln herum, als der Einlass beginnt. (Falls er sie bis zum Vorhangfall abgekaut haben sollte, liegt das an der zu spät gekommenen Dame, für die sich der Beginn verzögerte). Hendrik Winklers Bruce Flaherty ist ganz verständnisvoller Halbgott in Weiß, wenn er umsichtig, aber auch latent entmündigend seinen Patienten davon abhalten möchte, aufputschende Getränke zu konsumieren. Überhaupt verbietet Dr. Flaherty Christopher ziemlich viel. Relativ rasch verliert Christopher, der sichtlich Mühe hat, sein Temperament zu zügeln, die Fassung.

Nein, das Problem der Österreichischen Erstaufführung ist vielmehr die Sprachlichkeit. Die Übersetzung von BLAU/ORANGE – das vermutlich auch BLAUE/ORANGE heißen könnte – schwankt irgendwo zwischen Millennium und bemüht großstädtischer ‚Lingo‘. Dass die bereits wieder veraltet oder kulturell in den österreichischen Breiten erst gar nicht verankert ist, sorgt für Stolpersteine (Deutsch von Wolf Christian Schröder).

Sein oder Nichtsein

Ron Iyamu legt seinen Christopher gelungen pathologisch an. Von manisch über depressiv, wütend bis verzweifelt durchwandert die Figur sämtliche Stadien unterschiedlicher Krankheitsbilder und lässt sich nicht so einfach festlegen. Was ist hier Schein und was Sein? Gleichzeitig manifestieren sich in Christopher die Problematiken, mit denen Minderheiten konfrontiert sind.BLAU / ORANGE: Ensemble Immer wieder ruft er „Rassismus“ wie Äsops Hirtenjunge „Wolf“. Gleichsam nutzt sich der Vorwurf relativ rasch ab – und als es dann tatsächlich soweit ist, will ihm niemand mehr Glauben schenken. Bruce Flahertys (Hendrik Winkler) Ambitionen sind so gar nicht rassistisch motiviert. Der junge Mediziner steckt voller Tatendrang und will seinen Patienten schützen, am meisten vor sich selbst. Eindringlich und immer etwas beschwörend redet Flaherty deshalb auf Christopher ein und treibt ihn gerade mit seiner Sanftmut zur Raserei.

Spannend übrigens das Motiv des Rassismus, wenn man es auch auf Bruce Flaherty anwendet. Wenn der junge Arzt von Christopher als Nazi beschimpft wird, ist nicht genau auch das Rassismus und macht Christopher selbst zum Rassisten? Dass Dr. Smith (Klaus Haberl) just Dr. Flaherty Xenophobie vorwirft, scheint ebenfalls von Belang; nicht nur, weil der Oberarzt der eigentliche Rassist im Stück ist, sondern weil Flahertys Familienname ins Irische verweist. Der uralte Konflikt der Briten mit den Iren ist bekannt und war in den Nullerjahren noch sehr präsent. Die Schikanen des Oberarzt könnten also auch von Flahertys (vielleicht) irischer Herkunft motiviert sein.

Guter Cop, böser Cop

Die Figur des Oberarztes führt bei der blauen Orange in die Irre. Klaus Haberl legt Dr. Smith sehr ambivalent an. Seltsam emotionslos und unscheinbar mischt er sich in die Unterhaltung von Christopher und Bruce ein. Während Christopher durch wütende Anfälle auffällt und Bruce durch charismatische Beschwichtigungsversuche, verhält sich Smith still und rät nur immer wieder dazu, den Patienten wie geplant zu entlassen. Relativ rasch wird deutlich, Smith handelt aus ökonomischen Gründen. Gleichzeitig mischen sich immer häufiger diskriminierende Ansätze und eine rassistische Voreingenommenheit in seine Argumentation. Je mehr die Figur von sich Preis gibt, umso spannender die Plot-Entwicklung. Was sich anfangs sehr in die Länge zieht und von mehr Kürze profitiert hätte, nimmt gegen Pause hin an Tempo auf.

Wenn der Oberarzt seine Maske fallen lässt, kommt Hässliches zum Vorschein, das sich unter anderem auch in akutem Größenwahn manifestiert. Bleibt die Frage nach dem eigentlichen Patienten. BLAU/ORANGE wirft nach einiger Anlaufzeit gesellschaftlich determinierte Rollenbilder über den Haufen. Damit regt die Inszenierung im besten Fall zum Nachdenken an – über Wölfe, über Schafpelze, über Vorurteile, über Ängste und (ironischerweise) das britische Gesundheitssystem im Allgemeinen.

 

Fotonachweis: Ensemble Juvavum

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