Besuchszeit – Kleines Theater Salzburg

Freunde des Aluhuts

Drei Hörspiele als Basis eines berühmten Einakterzyklus‘ und schräge Tönen, die zum Verweilen einladen: BESUCHSZEIT am Kleinen Theater in Salzburg.

Wenn sich einer mit Enge auskennt, dann ist es der geborene Tiroler Felix Mitterer. Rechts Berge, links Berge und dazwischen sieht es nicht viel besser aus. Statt aber mit der Norm zu schwimmen, oder den Gämsen zu springen, und an jener Starre zu laborieren, die ‚Gebirglern‘ gerne nachgesagt wird, schulte der Dramatiker und Schauspieler lieber sein Auge. Geschickt und sprachgewandt verpackt er seither Gesehenes und Gehörtes in gesellschaftskritische und provokante Texte.

BESUCHSZEIT stellt keine Ausnahme von Mitterers-(Theater)Norm dar, ganz im Gegenteil. Hanspeter Horner setzt mit seiner Inszenierung des längst zum Klassiker avancierten Stücks auf jede Menge Dialekt und ungeschönte Realitätstreue.

In aller Plot-Kürze

Die resolute und emsig Erdnüsse in sich hineinschaufelnde alte Mutter ist beim Besuch der Schwiegertochter auf Krawall gebürstet, während sich die reuige Gefängnisinsassin ihre eigene Tat nicht mehr erklären kann. Dem aggressiven Ehemann gibt sie in allen Punkten recht und scheint sich im Laufe der Besuchszeit auf der Suche nach Vergebung regelrecht selbst aufzulösen. An Revolte denkt indes der unbequeme, ausrangierte Altbauer in der Nervenheilanstalt, der immer wieder von den ‚Elektrischen‘ beginnt und eine große Verschwörung der seelenlosen Wesen vermutet – mit dem Schwiegersohn als Kopf der Bande.

Satirischer Dreiakter und Frauen-Power

Das Bühnenbild ist denkbar simpel und konstituiert sich großenteils aus den umstehenden Kostümen. Die greifen als originelle Requisiten den anderen und teilweise alten Charme der Figuren wieder auf. Papier ähnliche Kreationen erinnern bereits durch ihr Rascheln an welke Haut; steif und ungelenk wie in die Jahre gekommene Knochen bilden sie das optimalen Setting für diesen absurd-realen Ausflug auf die Schattenseiten des Menschseins. BESUCHSZEIT wird in drei singulären Mini-Episoden zum emotionalen Einakter mit starkem Frauen-Duo.

Als störrische Alte, büßende Ehefrau und verfolgter Vater schlüpft Anita Köchl in alle tragenden Rollen. Mühelos wechselt die Schauspielerin zwischen den Charakteren; damit demonstriert sie nicht nur große Wandlungsfähigkeit in nuce, sondern beweist zugleich ein Händchen für variierende Gestiken und Sinn für Ticks. Verbissen knackt sie als verstoßene Familienmonarchin Erdnüsse und sammelt die Überreste im Schoss, um sie beim mühsamen Aufrappeln effektiv von ihrem Thron zu verstreuen. Schalkhaft-hämisch blitzen die Augen, als sie von ihren kleinen Streichen erzählt. Als Bestrafte übt sich Anita Köchls Figur in verbaler Selbstkasteiung; dass sie den aggressiven Ehemann angegriffen habe, sei natürlich nur ihre Schuld. Zerknirscht sitzt sie vor ihm und ist ganz reuige Sünderin. Als er ihr dann aber verspricht, vielleicht doch noch die Kinder vorbeizuschicken, strahlt das traurige Gesicht plötzlich vor Freude. Bitter-komisch der abgeschobene Alte, der von den Elektrischen warnt, und forsch-humpelnden Schrittes über die Bühne schreitet – resolut den Gehstock schwingend. Tochter Erika (Doris Kirschhofer) kann oder will er nicht erkennen und überhaupt ist Schwiegersohn Rudi an allem Schuld. Mitleid zeichnet sich nicht nur bei Erika ab. Gleichzeitig sind da diese anderen Momente; in einem spontanen Wutanfall wirft der Alte seiner Tochter die Blumen um die Ohren und bezichtigt sie, ebenfalls Teil der Elektrischen zu sein. Was sich latent verrückt anlässt, scheint gar nicht mehr so abwegig, als Erika eine volkstümlich-surreale Weise anstimmt. Höchste Zeit, in einen Aluhut zu investieren.

Doris Kirschhofer durchwandert alle Besucher*innen-Rollen mit gleichbleibend schuldbewusstem Ausdruck; trotzdem verleiht die Sängerin dem Dreiakter gesanglich eine ganz eigene Note. Mit Harmonika und beeindruckender stimmlicher Akrobatik schreibt sie das Genre der volkstümlichen Lieder neu. Gleichzeitig akzentuiert die Sängerin in BESUCHSZEIT die Unangepasstheit der Protagonisten*innen. Auf die ist auch Anita Köchl spezialisiert: Fein ziseliert sie in die harten Schalen, störrischen Kerne und feindseligen Wesen die sympathischen, einnehmenden Seiten der Außenseiter-Figuren, die tief unter der Oberfläche schlummern. Rasch wird deutlich, die Weggesperrten und Verrückten sind gar nicht so anders und durchaus liebenswürdig. Man muss nur genau genug hinsehen.

 

 

Fotonachweis: Edi Jäger (Sujetbild) & Bernhard Rothschädl

 

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