AUFZEICHNUNGEN EINES WAHNSINNIGEN: A. Jaehnert

Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen – Toihaus

Inauguration des Wahnsinns.

Hunde, die Briefe schreiben, und Wörter, die im Mund zerfallen: Arturas Valudskis bringt mit AUFZEICHNUNGEN EINES WAHNSINNIGEN den Klassiker der russischen Literatur ans Toihaus. Wunderbar grotesk, tragisch und empathisch.

Woran erkennt man das Pathologische? Bei Gogol und „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ an der Sprache. Ganz in Werther-Manier führt der einfache Beamte Poprischtschin Tagebuch und wird so zum Protokollanten des eigenen Verfalls. Exzessiver Erzähldrang verbrüdert sich mit steigendender Kommunikationsunfähigkeit. Immer fragmentierter fallen die Verschriftlichungen des Antihelden aus, zerfallen und drohen sich aufzulösen. Dieses verdichtete sprachliche Spiel Gogols greift Arturas Valudskis für seine Inszenierung AUFZEICHNUNGEN EINES WAHNSINNIGEN auf und fügt ihm weitere spannende Ebenen hinzu, die das grotesk-tragische Element intensivieren (Bühnenfassung, Regie, Dramaturgie, Ausstattung: Arturas Valudskis).AUFZEICHNUNGEN EINES WAHNSINNIGEN: A. Jaehnert

In aller Plot-Kürze

Der einfache Beamte Poprischtschin verliebt sich in die Tochter seines Direktors. Ein aussichtsloses Unterfangen im Standesdünkel behafteten Sankt Petersburg. Beruflich unterdrückt und gepeinigt, flüchtet sich Poprischtschin alsbald in die eigene Fantasiewelt. Sein Wissen über die Angebetete bezieht er aus dem Geplauder und der Korrespondenz zweier Hunde. Selbst die Vierbeiner sind dem Federkielanspitzer aber alles andere als wohlgesonnen und überhäufen ihn mit Spott. Am Ende wähnt sich der pathologisch Fantasierende auf dem spanischen Thron, während er eigentlich in einer Irrenanstalt dubiosen Behandlungsmethoden und Folter unterzogen wird.

Unter Dauerstrom

Das sensible menschliche Individuum versus der strengen, hierarchischen Gesellschaft. Eine Kombination, die nicht nur im Sankt Petersburg anno 1835 funktioniert und zum Bruch führt – in diesem Fall dem Poprischtschins. Für Arturas Valudskis Bühnenfassung schlüpft Andreas Jähnert in die Rolle des ambivalenten Antihelden. AUFZEICHNUNGEN EINES WAHNSINNIGEN: A. JaehnertTatsächlich kann hier nicht von simplem Wahnsinn die Rede sein. Jähnert verleiht der Figur unglaublich viele nuancierte Facetten, die zeitlos wie die literarische Vorlage selbst sind.

Sein Titularrat Poprischtschin steht ständig unter Anspannung. Immer wieder zuppelt er nervös an seinem Hemd mit den offenen Ärmeln herum. Puhlt gedanklich meilenweit entfernt an der Nase oder kratzt sich selbstvergessen an Hand und Bauch. Kleine Gesten und Ticks, die wie zufällig anmuten, aber der Figur eine wunderbare Tiefe verleihen. Die spiegelt das Äußere wider und katapultiert gleichzeitig das Gesagte mit subtiler Sprengkraft in ungeahnte Höhen. Genau wie der Monolog, der durch das Spiel von Stimme und Tempo eine ganz eigene pathologische Note erhält. Eingangs noch relativ ruhig, erfahren seine Beobachtungen bald eine gehetzte Dringlichkeit; werden hervorgepresst, unterdrückt oder stolpern über sich selbst. Wirre fragmentarische Fantasien sprudeln atemlos aus der Figur hervor und kommen abrupt zu einem starken Stillstand.

Realität und Fiktion

Wer denkt, die persistente Anspannung des Antihelden sei nicht steigerbar, irrt. Andreas Jähnert bringt sie in der Szene rund um Ferdinand VIII zur Explosion. Hinter den Sprossen der Stuhllehne fantasiert der gebeutelte Beamte. Er liegt mit hochrotem Kopf und weit aufgerissenen Augen auf dem Boden, um sich der Folter zu entziehen. Während er wie im Wahn nach dem Grund seiner Strafe ruft, öffnet sich die reale Ebene. Es wird angedeutet, dass sich Poprischtschin eigentlich in einer Anstalt befindet. Die Schergen sind nicht der Geheimdienst, sondern die Ärzte und Pfleger. Gleichwohl der Antiheld dem Publikum unaufdringlich das Tor zur Realität öffnet, bleibt es ihm selbst verschlossen. Die Worte zerfallen ihm im Mund wie die modrigen Pilze im Chandos-Brief eines Hofmannsthals. Von klaren Datumsangaben sind die Tagebucheinträge inzwischen meilenweit entfernt. Der 43. April oder der 30. Februar und das Jahr 3000 werden von Poprischtschin unter Anstrengung hervorgepresset.

Groteske Komik

Es war Thomas Mann, der feststellte, dass Literatur erst seit Gogol komisch sei: „(…) komisch aus Realismus, aus Leid und Mitleid, aus tiefster Menschlichkeit, aus satirischer Verzweiflung.“ AUFZEICHNUNGEN EINES WAHNSINNIGEN: A. JaehnertDiese Komik liegt auch Arturas Valudskis Inszenierung von AUFZEICHNUNGEN EINES WAHNSINNIGEN zugrunde. Es hat etwas zutiefst Komisches an sich, wenn sich der Protagonist auf die Spur der sprechenden Hunde begibt. Dafür arbeitet Andreas Jähnert die menschlichen Schwächen seiner Figur präzise und mit großem Ernst hervor, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Deformation führt dazu, dass die Komik ins Tragische kippt und das Lachen im Hals stecken bleiben möchte.

Purismus rules

Groteske Komik befeuert auch das Bühnenbild. Die puristische Ausstattung mutet an die Kargheit einer Zelle an, die der kleine Beamte am Ende tatsächlich bewohnen wird. Der Weg zur pathologischen Inauguration des Narren führt über Zeitungen. Wer die Brücke ins Jetzt schlägt, könnte die Verbindung zu ‚Fake-News‘ ziehen, denen der falsche König aufsitzt. Gleichzeitig drückt sich der Gehorsam des kleinen Beamten auch in der Akkuratesse aus, mit der er seine Stiefel feinsäuberlich anordnet oder das Jackett penibel an der Stuhllehne aufhängt. Gelungen auch das Heraufbeschwören der anderen, die nur in Poprischtschins Erzählung präsent sind. Der leidende Held adressiert den leeren Stuhl mit dem Jackett oder lässt den Blick prüfend über das Publikum wandern. Die Welt des pathologisch Fantasierenden ersteht vor den Augen des Publikums aus diesem Nichts. Der Abgang ist stark wie kurz.

 

Fotonachweis: Herman Seidl

Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmailby feather

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.