Die unsichtbare Hand | Bashir (Ch. Schulzer) & Nick (B. Özdil)

Die unsichtbare Hand – Schauspielhaus Salzburg

Frankensteins Börsenmonster.

Ein Börsianer, der den religiösen Terroristen zum Wirtschaftskapitalisten ausbildet: Florian Hackspiel inszeniert Ayad Akhtars DIE UNSICHTBARE HAND am Schauspielhaus Salzburg als perfiden Börsenthriller zwischen den Finanzwelten.

Die Matrix lebt, möchte man mit erstem Blick auf das Bühnenbild von DIE UNSICHTBARE HAND meinen (Ausstattung: Annett Lausberg, Regie: Florian Hackspiel). Statt unendliche von den Wänden rauschenden Zahlencodes setzt Florian Hackspiels Inszenierung aber auf konstante Quadrate, die den Boden des Studios in Nonntal pflastern und sich im Mobiliar spiegeln: eine beengende, drehbare Geiselkammer und zwei verschiebbare Quadrate. Später wird einer der Protagonisten im schwarzen Kaftan auftauchen, die nächste Matrix-Analogie. Das mag Zufall sein, garantiert keiner ist aber der Umstand, dass Ayad Akhtar und das Schauspielhaus Salzburg Wiederholungstäter sind. Der eine, weil er nach „Geächtet“ wieder ein Stück mit pakistanischem Problemhintergrund verfasste. Das andere,  weil es nach dem Erfolg von GEÄCHTET erneut auf eine Dramatisierung von Ayad Akhtar mit pakistanischem Problemhintergrund setzt.

In aller Plot-Kürze

Die Lage sieht für Nick Bright so gar nicht „bright“ aus. Der Börsianer mit den pakistanischen Wurzeln wurde von einer radikalen Splittergruppe entführt. Die Entführer verlangen eine hohe Summe, die niemand zu zahlen bereit ist. Nick Bright bietet an, aus seinem Finanz-Können Kapital für die Entführer zu schlagen, um sich sein Lösegeld selbst zu erwirtschaften. Dafür unterweist er Bashir in die Kniffe der Börsenwelt. Bald schon wächst der Schüler über den Lehrer hinaus.

Live und in Farbe

Wer an einer Waffen-Phobie laboriert, muss bei Florian Hackspiels Regiewerk starke Nerven beweisen. Um das Publikum bereits vor der Vorstellung in die richtige Stimmung zu bringen, sitzt einer der Terroristen (Thomas L. Hofer) bei Einlass bewaffnet auf der Bühne. Die unsichtbare Hand | Schauspielhaus SalzburgStoisch, ernst und kerzengerade behält Dar im Schneidersitz die Reihen im Auge. Hin und wieder schlägt der Handlanger eine Fliege tot oder pult in der Nase herum. Im Hintergrund gedämpftes Hundegebell und sonstige Geräusche, die man mit einer pakistanischen Einöde irgendwo im Nirgendwo verbindet.

Das radikale Tableau vivant wird von Nick Bright (Bülent Özdil) und Imam Saleem (Antony Connor) abgerundet; der eine kauert als Paradebild des westlichen Finanzspekulanten zusammengesunken im Nadelstreif in seiner kargen Zelle. Der andere harrt versteckt im Publikum und beobachtet die Situation mit wachsamem Blick. Die Stimmung wird punktgenau serviert und heizt sich auch ohne Worte im Stillstand auf. Wenn der Vorhang fällt, befinden sich die Zuschauer bereits mitten im Lösegeld-Wirrwarr.

„Die Währung ist König“

Das Bühnenbild von Annett Lausberg bildet eine Basis, die nicht nur an die Matrix erinnert, sondern auch an Anselm Webers UNSICHTBARE HAND-Inszenierung in Bochum (2016). Bülent Özdil ist als Nick Bright in diesen Quadraten gefangen, die des Nächten und bei Szenenwechsel auch mit Illumination und Musik bespielt werden. Entsprechend temporeich fließend, um die Dramatik subtil zu steigern (Musik: Philipp Tröstl).Die unsichtbare Hand | Bashir (Ch. Schulzer) & Nick (B. Özdil)

Den Börsianer gibt Özdil mit allen emotionalen Facetten; von verängstigt, über rasend bis resigniert und verzweifelt – immer wieder, auch wenn die Luft längst raus sein könnte, überrascht sein Charakter mit einer Färbung, die dem Spiel eine neue Wendung verleiht. Effizient unterweist Nick den eigentlich aus London stammenden Terroristen Bashir (Christopher Schulzer) in die schwarze Kunst des Börsentums und kreiert damit zugleich eine fatale Die-Geister-die-ich-rief-Situation. Denn der Schüler ist findiger als gedacht. Zugleich steigert sich die Spannung ins Unermessliche, wenn der Finanzmensch mit dem jungen frustrierten Mann an der Börse zockt. Die Aktien sind im freien Fall, Nick brüllt Bashir an zu verkaufen, doch der stiert mit Rupien-Zeichen in den Augen ekstatisch in den Computer.

Emotionale Bandbreite

In Sachen emotionalem Wechsel ist Christopher Schulzers Bashir seiner Geisel immer dicht auf den Fersen. Flatterhaft lässt sich der Charakter nicht festlegen. Ayad Akhtar demonstriert, wie die Macht des Geldes selbst den Terrorismus dominiert, der scheinheilig auf religiöse Werte pocht und sich im gleichen Atemzug gierig die Taschen vollstopft. Bashir wandelt sich vom gedemütigten Außenseiter mit terroristischen Eifer zum ausgebufften Erpresser. Stichwort, die Geister, die der andere rief. Ganz Dr. Frankenstein, wird der fassungslose Nick mit den Taten seines Monsters konfrontiert. Das tritt am Ende im muslimischen Kaftan mit westlichem Jackett und Fliegerbrille auf – ein symbolisch-diabolisches Crossover aus islamischem und westlichem Kapitalterrorismus, das auch vom Kostüm unterstützt wird. Nonchalant abgebrüht gibt sich Bashir plötzlich exorbitant selbstsicher. Eine explosive Coming-of-Age-Mischung, die auch den Imam umwirft – sprichwörtlich.

Fleckenfreie Prügelei

Antony Connor verleiht dem Imam-Charakter eine intensive Note, die ins Pathologische kippt. Gütig und allwissend, dieses Bild, das Bashir von seinem Helden hat, dekonstruiert die Figur mit dem anfänglich väterlichen Charme auf perfide Weise und entwickelt eine janusköpfige, durchtriebene Persönlichkeit. Die unsichtbare Hand | Imam Saleem (A. Connor) & Nick (B. Özdil)Je nach Fasson setzt er seine Maske auf, die ihm schließlich auch – die Geldgier ist ein Hund – zum Verhängnis wird. Masken besitzt Dar (Thomas L. Hofer) keine, dafür aber militärisches Gehorsam. Dabei zeigt sich Regisseur Florian Hackspiel keinesfalls zimperlich und lässt den einen auch mal kunstvoll durch den anderen verprügeln. Was spätestens an dieser Stelle auffällt… egal wie liebevoll die Atmosphäre der pakistanischen Geiselhaft zelebriert wurde, inklusive Theater-Prügel oder Hundegebell und Drohnengesäusel aus dem Off, die Protagonisten stehen immer wieder auf, wie aus dem Ei gepellt. Keine Spur von Schmutz, keine von Kampf, keine von Verwahrlosung – das höchste der Gefühle sind zerknüllte Klamotten und permanent ab- und angelegte Handschellen.

Terror-Treibstoff

DIE UNSICHTBARE HAND fokussiert sich nicht auf Terrorismus und Islam, vielmehr steht der Versuch einer Entdröselung der Frage im Zentrum, was der Treibstoff des Terrors sein könnte. Ja, was denn nun eigentlich? Die Dramatisierung spricht eine klare Sprache und stellt die Divergenz zwischen arm und reich in den Vordergrund, den Egoismus der Einzelnen und die Macht des Kapitals. All das verkörpern auch die Protagonisten, die – das ist ebenfalls wieder total Ayad Akhtar – sehr paradigmatisch ausfallen. Wobei die persistente schwarz/weiß Zeichnung keinesfalls bedeutet, dass das well-made-play ohne Spannung auskommen muss. Im Gegenteil, DIE UNSICHTBARE HAND entpuppt sich als packender Börsen-Crash-Kurs für alle und Thriller, der die Tür in eine dunkle Richtung aufstößt.

 

Fotonachweis: Jan Friese

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