Aquarium | Kammerspiele Salzburg

Aquarium – Kammerspiele

Aquarium – Kammerspiele

Lasst mich ins Becken, ich habe Seepferdchen!

In den Kammerspielen des Salzburger Landestheater feierte das Theater-Experiment AQUARIUM Uraufführung und wird zum Erfolg auf ganzer Linie.

Synchronschwimmen fristet ein Mauerblümchen-Dasein. Wer sieht sich schon Live-Übertragungen dieser Sportart an? Ja, noch dringlicher, gibt es überhaupt so etwas wie Live-Übertragungen von Synchronschwimmen? Die israelische Autorin und Regisseurin Ronnie Brodetzky nutzte das meistens vernachlässigte Potential des Wasserballetts, um gemeinsam mit ihrem Ensemble „Haifa Group“ Diskurse zu brechen und bewusst in einen neuen Kontext zu setzen – ein Generationsspagat. Dafür interviewte Brodetzky alte Menschen, ließ sie von ihrem Leben, ihren Sorgen und Wünschen erzählen. Aus dem gesammelten Material kreierte sie eine Klang-Collage, die das Ensemble mit den eingespielten Originalstimmen zum Besten gibt.

Gehörtes und Gesehenes

Die Salzburger Uraufführung von AQUARIUM basiert auf dem Prinzip der israelischen Vorlage, gleichzeitig wurden für die Eigenproduktion ältere Menschen aus und um Salzburg interviewt. Aquarium | Kammerspiele SalzburgSie erzählen oft charmant, manchmal verlegen, amüsant oder berührend ihre persönlichen Geschichten und gewähren auf diese Weise ungeahnte Einblicke. Das Besondere an der Produktion ist aber einmal mehr der Bruch, der durch AQUARIUM läuft. Die Worte erklingen vom Band und das junge Ensemble des Landestheaters wird zum Chor der Synchronschwimmer: Elisa Afie Agbaglah, Genia Maria Karasek, Lilian Mazbouh, Jaqueline Bergrós Reinhold, Tim Oberließen, Gregor Schulz, Hanno Waldner. Die Schauspieler*innen bewegen ihre Lippen simultan zu den Aufnahmen. Das Resultat sind spannende Divergenzen zwischen Gehörtem und Gesehenem, die durch den Kontrast von jungen Körpern und alten Stimmen entstehen und multipliziert werden. Fließend lassen die Schauspieler*innen die Gefühle und Gedanken der älteren Generationen in ihre Mimik und Gestik übergehen und verleihen ihnen gleichzeitig neue Bedeutung.

Der Körper als Projektionsfläche

Das Ensemble wird für AQUARIUM auf seine Mimik und Gestik reduziert: Die Bewegungen sind jung und agil – Ballett mässig tanzen sie reduziert durch den tatsächlich trockenen Raum. Einzig das homogen abgestimmte Badeequipment, das aus einem gekachelten Schwimmbereich und dem einen oder anderen Schwimmutensil besteht, dient als Kulisse. Der farbliche Gleichklang wirkt so ruhig und entspannt wie die Choreografien selbst. Aquarium | Kammerspiele SalzburgGleichmäßig und ohne Hektik, aber immer synchron, bewegen sich die Darsteller*innen in einer ausgeklügelter Performance durch den Raum. Dadurch entsteht ein Bild, dass tatsächlich kaum ästhetischer ausfallen könnte (Choreografie: Tal Cohn, Bühne und Kostüme: Ruth Miller, Sounddesign, Ton und Schnitt: Dan Hirsch).

Die eine oder andere Überspitzung darf in dieser jungen Produktion nicht fehlen; kokett lassen die Männer in ihren rosaroten Badeanzügen die Hüften kreisen oder trippeln die Damen im identischem Outfit in Minischritten über die Bühne. Was so einfach und elegant aussieht, bedeutet für die Darsteller*innen vermutlich sehr viel Taining. Immer sind die Arme in ballett-esker Bewegung, dass die eigenen Gliedmaßen schon beim bloßen Zusehen an akutem Muskelkater laborieren möchten. Trotzdem bleiben die Darsteller*innen synchron, auf allen Ebenen. Eine gelungene Leistung, die besser kaum ausfallen könnte.

Ehrlichkeit und HumorAquarium | Kammerspiele Salzburg

Es ist gerade die unaufgeregte, hyperbolische Übertreibung, die AQUARIUM so nonchalant wie elegant zelebriert und zum besonderen Charakter des Stücks beiträgt. Die Körper werden zur Projektionsfläche. Gerade weil die Schauspieler*innen selbst stumm sind und auch bleiben, entwickelt AQUARIUM eine großartige Eloquenz, die kaum beredter ausfallen könnte.

Die Inszenierung von Ronnie Brodetzky ist eine rührende, tiefgründige und zugleich humorreich und intelligente Produktion. Der Bruch durch die jungen Körpern in Kombination mit den alten Stimmen kreiert ein Kaleidoskop an Eindrücken und Kontrasten, das sehr feinsinnig ausfällt und Mut zur Selbstironie demonstriert. Hut ab für so viel Offenheit und Ehrlichkeit – vor allem von Seiten der Interviewten. AQUARIUM wird gerade deshalb zu einem Erlebnis, das unter die Haut geht, nachdenklich stimmt oder zum Schmunzeln anregt – selbst wenn der Ton anfangs merkwürdig elektronisch verzerrt scheint.

 

Fotonachweis: Tobias Witzgall

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