Die Damen warten

auf der Resterampe.

Kürzlich habe ich einen Bericht über Sibylle Berg gelesen. Eigentlich war es ein Interview, das anlässlich ihrer neuesten Romanpublikation „Der Tag, als mein Mann eine Frau fand“ im Feuilleton der ZEIT erschien. Und auch eigentlich habe ich nur zu lesen begonnen, weil der Einstieg ein amüsantes Zitat barg. Dann konnte ich nicht mehr aufhören und musste infolgedessen auf meinem Twitter-Account sofort Sibylle Berg folgen, obwohl ich momentan auf diesem Medium eher durch Abwesenheit glänze. Für den Fall der Fälle, dass mich aber doch wieder irgendwann die Twitter-Leidenschaft packt, bin ich nun gerüstet. Inzwischen erfreue ich mich bei meinen seltenen Stippvisiten über die scharfzüngig intelligenten Beobachtungen einer Sibylle Berg.

Diese Anekdote musste ich voranschicken, um meine immense Freude über Caroline Richards Inszenierung von DIE DAMEN WARTEN am Schauspielhaus Salzburg Ausdruck zu verleihen. Ein Stück, so dürfte spätestens jetzt klar geworden sein, das ebenfalls aus der Feder der Schweizer Autorin stammt.

Vier Frauen im besten Alter erhalten zum Weltfrauentag von der Regierung eine Einladung zu einem Wellness- & Beauty-Tag. Dort werden sie nach allen Regeln der Kunst verwöhnt, oder zumindest das, was ihr „staatlich geprüfter Masseur, Fitnesstrainer, Stilberater, Hair-Make-Up-Artist und eine Weiterbildung als Hormonexperte und Therapeut. Da sind fast alle Frauenleiden abgedeckt, was?“ – Coach darunter versteht. Während sich die Damen in dem Schönheitssalonambiente die Seele aus dem Leib pflegen lassen (und die Zuseherin plötzlich von einem Heißhunger auf Manner-Schnitten überfallen wird,  weil doch alles so schön mannerfarben ist…), kollidieren Lebensentwürfen, die konträrer nicht sein könnten. Die Damen geraten ins Plaudern und fahren die Krallen aus. Das verwundert nicht, ist doch spätestens seit dem Nibelungenlied klar, dass ein Streit unter Frauen sehr hässlich enden kann (es sei an dieser Stelle auf das Schicksal der Burgunder verwiesen; alle niedergemetzelt in König Etzels Schloss und das nur, weil Kriemhild nicht mit Brünhild konnte). In den folgenden 90 Minuten entfaltet sich eine unsagbar komische Tragikomödie vor dem erwartungsvollen Publikumsauge, die von Pointe zu Pointe springt und sich zu immer neuen grandiosen Beobachtungen hochschaukelt. Alles dreht sich um Lebensentwürfe, Menopause, finanzielle Abhängigkeit, Familiensorgen und Männer. Die Bilder, die bei dieser Gelegenheit entstehen, sind bitterböse und unterhaltsam zugleich. DIE DAMEN WARTEN zeichnet ein so treffendes Gesellschaftsporträt, dass das Lachen im Halse stecken bleiben möchte. Nur kann es das nicht. Stattdessen bahnt es sich seinen Weg nach draußen und befindet sich dort in bester Gesellschaft. Humor als einzige Lösung.

In C. Richards Inszenierung wird Bergs triefend schwarzer Humor absolut pointiert und nonchalant von einem motivierten und wunderbaren Ensemble auf die Bühne transportiert. Diese Lässigkeit verleiht dem Stück eine absolut unterhaltsame Note, die bei allem Depressisionspotential des eigentlichen Sujets – das unter einem rosa[bzw. manner]farbenen Zuckerguss und viel verbaler Flapsigkeit verborgen wird – dominiert. Die vier Frauentypen könnten nicht besser die Theaterwelt erobern: Frau Luhmann (großartig Ute Hamm) ist die ökoangehauchte Alleinerzieherin, die sich mit den Video- und Hormon-Eskapaden ihres Sohns herumschlägt. Die unabhängige Frau Töss (ebenso wunderbar Martina Dähne), eine Leomuster tragende und an Bulimie leidende Femme fatale,  unterhält meistens Verhältnisse mit verheirateten Heinz-en. Die burschikose Pathologin Frau Grau (genauso herrlich Bernadette Heidegger) stiefelt nicht nur grandios maskulin durch den Schönheitssalon, sondern seziert genauso skeptisch alles und jeden. Die biedere Frau Merz-Dulschmann (ja, ich wiederhole mich, genauso famos Susanne Wende) schließlich ist mit einem Heinz verheiratet, Mutter zweier großer Söhne und möchte eine Friede-Freude-Eierkuchen-Ehe vorgaukeln, die sich am Ende als (Überraschung) gar nicht so Friede-Freude-Eierkuchen entpuppt. Der einzige Mann in der Runde (absolut gelungen und zum Schreien komisch Magnus Pflüger) enthüllt im Verlauf der Handlung sein wahres misogynes Gesicht. Natürlich ist wieder irgendwie die Mutter Schuld. Namenlos steht er für alle Männer und lässt sich deshalb stellvertretend „Horst“ nennen.

Das Tüpfelchen auf dem bissigen Stück-i ist das musikalische Arrangement (Musik: Axel Müller), das mit einer solchen Inbrunst aus allen Kehlen erklingt (mitunter unsagbar schräg, wie es aber gleichzeitig treffender nicht sein könnte), das es den schwarz-bösen Humor famos akzentuiert. Die Damen von der Resterampe und Horst zeigen dabei erstaunlichen Körpereinsatz, der amüsanter nicht ausfallen könnte. Das Ende ist unerwartet und viel zu früh. Zu gerne hätte man dem bunten Haufen noch länger beim Lamentieren, Disputieren und Philosophieren beobachtet. Der begeisterte Schlussapplaus spricht dann eigentlich auch schon für sich.

Fotonachweis:  Gregor Hofstätter// SSCH

NB: Ein schönes Kompliment gab’s übrigens von Freundin B. Die befand DIE DAMEN WARTEN nämlich als bestes Stück ihrer Theatersaison. Das ist tatsächlich eine großartige Flatterie, Freundin B. ist nämlich ziemlich anspruchsvoll und kritisch 😉

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