Eine Odyssee

Die Götter müssen verrückt sein.

Freude, Liebe, Hass, Intrigen und Vetternwirtschaft – alles Eigenschaften des Menschen? Mitnichten. Die Götter sind den Sterblichen bisweilen ähnlicher, als ihnen lieb sein kann und in einen Streit zwischen Zeus und Poseidon möchte man keinesfalls geraten.

„Ich bin dann mal eben Krieg führen“, dachte sich vermutlich Odysseus und ward die nächsten 20 Jahre nicht mehr in Ithaka gesehen. „Alles Odysseus!“ erschallt es dagegen im Schauspielhaus Salzburg, das vom weltberühmten homerischen Epos keinesfalls genug bekommt und auch weiterhin mit der literarischen Vorlage schäkert. Nach der Inszenierung von Christoph Ransmayrs kritisch-ernstem ODYSSEUS, EIN VERBRECHER folgt Ad de Bonts frech-unterhaltsames Jugendstück EINE ODYSSEE. Basierend auf dem großen homerischen Klassiker wurde der Stoff neu aufgearbeitet und auf kompakte 90 Minuten komprimiert (Regie: Christoph Bartscheider, Bühne: Georg Lindorfer, Kostüme: Elke Gattinger, Choreographie: Jasmin Rituper). Wie im Original wird dabei keinesfalls an Pro- und Analepsen gegeizt, während verschiedene Figuren ihre Erzählungen rund um Odysseus Abenteuer präsentieren. Die geschickt platzierten Vor- und Rückgriffe, diese (von der Schreiberin innig verehrten) antiken Spoiler, ermöglichen es dem jungen Publikum, der Handlung problemlos zu folgen und die Übersicht zu wahren.

Im Anfang war das Wort. Odysseus (Simon Ahlborn) resümiert sein Dilemma: Abgeklärt und in Rockstar-Pose steht er auf der Bühne und berichtet nüchtern von dem Krieg, für den er auszog; von seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos, die er nach 20 Jahren Abwesenheit schmerzlich vermisst. Sie alle sind anwesend und doch nicht präsent. Odysseus kann sie nicht greifen, dem Publikum werden sie präsentiert. Die Ursache für Odysseus Misere liegt bei den Göttern. Nachdem es sich der Städteverwüster mit zwei mächtigen Vertretern verscherzte, befindet er sich auf seiner Irrfahrt. Eine Heimkehr scheint ausgeschlossen. – Eben noch infantil über etwaige Bühnengeräusche gekichert, ist das junge Publikum jetzt ganz Ohr. Der jugendliche Odysseus, an dem alles „I don’t care“-Attitüde brüllt, gefällt. Lässig und relaxt ist er, wütend und zornig, wenn er Widerstand erfährt (und das geschieht des Öfteren. Ja, wem die Götter zürnen…). Alles funktioniert. S. Ahlborns Odysseus ist eine ausdrucksstarke Projektionsfläche für heroische Emotionen. Zum Charme der Figur trägt aber auch seine ungewöhnliche Sprache bei, die sofort auffällt und allen Charakteren gemein ist. Einmal in Hexametern, einmal umgangssprachlich, in Ad de Bonts Theaterstück wird Sprache ausprobiert und mit ihr gespielt; Sprache als ungemein reizvolles Accessoire, als faszinierendes Flair, das zum Erfolg eines Stücks beiträgt.

Dazwischen immer unterhaltsame Momente. Die aus Zeus Kopf entsprungene Athene (Eva Weingärtler), eilt als leicht verliebte und sehr bemühte Göttin der Weisheit Odysseus zur Hilfe und setzt als Papas kleine Prinzessin auch meistens ihren Willen durch. Das verleiht der Figur etwas zutiefst sympathisch Menschliches. Odysseus darf dank Athenes Bitten heimkehren. Ebenso köstlich die humoreske Darstellung des Götterboten Hermes (Jonas Breitstadt). Wenn er in Liebesangelegenheiten und für andere Botendiensten ganz in gold gekleidet über die Bühne flitzt (mit Batman – Titelmelodie), oder voll jugendlichem Elan agil im Götterhimmel neben Zeus hochschießt, bleibt kein Auge trocken. Gold ist hier überhaupt Thema: Die Familie Zeus hegt einen Hang zu der edlen, opulenten Farbe. Familiäre Verbindungen werden durch die entsprechende Kostümwahl betont, die andernfalls aber auch gerne modern, rockig, jung oder eben antik ausfallen darf. Gespielt wird nicht nur mit den verschiedenen sprachlichen Facetten, sondern auch mit kleidungstechnischen Möglichkeiten.

EINE ODYSSEE birgt neben seiner jugendgerechten Aufbereitung auch eine moralische Ebene. Im Stück werden Themen behandelt, die nicht nur im Olymp bei den Göttern oder im alten Griechenland aktuell sind. Telemachos (J. Breitstadt) zürnt seinem Vater und schmollt, weil er seit 20 Jahren durch Abwesenheit glänzt. Ganz beleidigter Jugendlicher (und weniger 20jähriger Königssohn) steht er im Jogging-Outfit auf der Bühne vor seiner Mutter Penelope (Marena Weller) und widerspricht ihr prinzipiell und überall. Da muss erst eine Athene kommen und ihm die Wahrheit einflüstern. Wobei Penelope eine ziemlich verträumte Mutter ist, die das Gemaule ihres Sohn meistens auszublenden vermag. Lieber sinniert sie über kürzlich erfahrene Träume, die ihr die stets bemühte Athene zwar schickt, die sie aber vollkommen falsch interpretiert. Ups! Altersmäßig scheint Penelope dann auch nur geringfügig über dem Alter ihres Filius zu liegen. Doch mit diesen Grenzen darf man es bei EINE ODYSSEE nicht ganz so genau nehmen. Auch Göttervater Zeus ist erstaunlich jung und als wirklich „alt“ möchte man selbst Odysseus nicht bezeichnen. – Kalypso (Betty Bauer) – genauso jung wie der Rest – fällt in die Kategorie „wahnsinnig verliebt“ und könnte als emergentes amour four Phänomen durchgehen. Liebestoll stellt sie dem „Sterblichen im fortgeschrittenen Alter“ nach und kann ihn einfach nicht ziehen lassen. Sie ist kurz davor, sich den Zorn der Götter zuzuziehen, bevor sie Odysseus auf einem simplen Floß verabschiedet. Hier endet die 11 Jahre währende Irrfahrt natürlich keinesfalls, so einfach machen es die Götter Odysseus dann doch nicht. Da wären beispielsweise auch noch die gefährlichen Sirenen. Absolut unterhaltsam tauchen plötzlich drei junge Damen am Firmament auf; gehüllt in rosa Abendkleider und mit blonder Walle-Haar-Perrücke buhlen sie um den poppigen Odysseus. Vergebliche Liebesmüh‘. Natürlich weiß es der homerische Held besser, lässt sich an den Mast binden und umschifft das kleine Problem souverän. Dafür fällt eine der drei „Holden“ besonders ins Auge: Sebastian M. Rehm ist eine liebliche Femme fatale, die zwar noch am Augenaufschlag arbeiten könnte, der die Farbe rosa aber ungemein steht und die sich mindestens genauso lasziv räkelt wie ihre zwei Sirenen-Kolleginnen.

Es freut das Verfasserinnen-Herz, dass auch „die Sache mit dem Zyklopen“ Eingang finden durfte. Fabelhaft wurde das Auge Polyphems realisiert. Mit Luft befüllt, darf es Odysseus schließlich dank seiner List effektiv durchstechen. Es knallt sogar. Allerdings hat der Held der Odyssee jetzt einen neuen mächtigen Feind, denn der verwundete und erblindete Riese kann noch seinen Vater Poseidon um Rache bitten.

Poseidon (B. Bauer – Kostüm und Tontechnik verwandeln sie in einen maskulinen Gott) gerät übrigens relativ rasch mit seinem Bruder Zeus, der Odysseus ja inzwischen begnadigen möchte, in Streit. Der Konflikt eskaliert. Merke: Wenn sich Götter streiten, sollte sich der Mensch besser versteckt halten. Wobei er dann allerdings auch verpassen würde, wie musikalisch pompös die Auftritte von Zeus (S.M. Rehm als sehr junge Gottheit) ausfallen. Mit viel Gedöns und Trara erscheint er am Götterhimmel; an der Grenze zur Persiflage verharrend, macht das auch richtig Spaß zu beobachten.

Die Zuschauer dürfen sich gerne amüsieren. Diese Grenze überschreitet Ch. Bartscheiders Inszenierung einige Male. Es ist wunderbar anzusehen, wie spielerisch und leicht dieser heldenhaft-große Epos auf die Bühne gebracht wird, ohne dabei schulmeisterlich zu wirken. Als Hirten kabbeln sich Eumaios (S.M. Rehm) und Mesaulios (Marena Weller) ziemlich menschlich. Als Mesaulios keine Ahnung hat, wer Agamemnon war, wirft ihm Eumaios vor, im Schulunterricht einmal mehr nicht aufgepasst zu haben. Die Jugendlichen im Saal fühlen sich offenbar ertappt und brechen in Gelächter aus. Es ist dieses Verschwimmen der Grenzen, das Vermischen von Antike und Moderne, die den Stoff auch für Jugendliche ansprechend macht.

Am Ende trifft der Held Ithakas auf seinen Kontrahenten Antinoos (S.M. Rehm). Das geschieht ziemlich aufsehenerregend; zu Ennio Morricones „Spiel mir das Lied vom Tod“ schlendert Odysseus langsam und entspannt die Stufen herab. Es baumelt zwar kein Revolver an seiner Hüfte, aber spätestens jetzt ist klar, dass gleich ein Duell folgen wird. Leider ohne berühmte Bogenprüfung (schade, die Verfasserin hätte gerne einmal in „echt“ gesehen, wie ein Pfeil durch die  Öhren von 12 hintereinander aufgestellten Äxten geschossen werden kann; dagegen ist doch Wilhelm Tells Schuss der reinste Kindergeburtstag), dafür aber eine sehr eindrückliche Szene, in der Stock auf Stock knallt und gelärmt wird, was das Zeug hält. Weil das noch nicht ausreicht, kommen auch jede Menge Gliedmaßen zum Einsatz, die gerne auf dem Körper des Gegenüber landen dürfen. Die Verfasserin staunt und überlegt, warum sich eigentlich niemand versehentlich selbst mit diesen langen Dingern auf den Kopf schlägt? (Ihr ist es nämlich tatsächlich schon passiert. Mehrmals. Danach hat sie sich wieder vom Aikido-Unterricht abgemeldet). Während die Schreiberin dieser Zeilen also noch diesen und ähnlichen Gedanken nachhängt und es auf der Bühne weiter kracht, was das Holz hergibt, geraten die vier kleinen Jungs hinter ihr förmlich in Ekstase. „Boah, wie geil“, ruft einer von ihnen aus, während sie alle vier über das ganze Gesicht strahlen und reine Bewunderung aus ihren Blicken spricht. Tatsächlich beginnen sie vor Aufregung sogar in ihren Sitzen zu hüpfen.

Um noch ein bisschen bei den Klischees zu verweilen. Kleine Mädchen sind ähnlich berechenbar. Im Fall von EINE ODYSSEE ist der Held offenbar gekommen, um zu bleiben. Das Licht wird ziemlich gedimmt, nur noch schemenhaft sind Odysseus und Penelope, die ihm mittlerweile verziehen hat, zu erkennen. Sie küssen sich. Und der Saal? Der kichert. Zumindest die jüngeren Mädchen. Irgendwo vernimmt die Schreiberin ein versonnenes „mei, wie süß“. Happy End in diesem Fall.

Der Schlussapplaus demonstriert nicht nur allgemeine Begeisterung, sondern zeigt auch einmal mehr, dass der Stoff der alten Griechen einen gigantischen Fundus an literarischem Material bildet, von dem sich auch die Literatur und Filmindustrie der Neuzeit speisen. Es ist schön, wenn diese Klassiker einem jugendlichen Publikum nähergebracht werden können. Und wer weiß, vielleicht entfacht sie ja die eine oder andere Liebe zu den alten Griechen. Bei einer poppigen Version wie EINE ODYSSEE scheint ziemlich viel möglich.

Fotonachweis: SSCH / Gregor Hofstätter

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