Wolflicht

Wolflicht

Entdecke den Wolf in dir.

Sagt eine Stück zum anderen… – Davor sammelt sich das Publikum in einem Lykophos. Das ist griechisch, steht für „Wolflicht“ und ist ein Schwellenzustand. Dunkelheit trifft auf Licht, Dämmerung auf Schatten. Die ersten 20 Sekunden verbringen die Zuschauer dann auch überhaupt im absolut Dunklen. Das schärft die Sinne und zwar so stark, dass mit einem Mal Gelächter aus dem Nebenraum eindringt. Imagination? Auf der Bühne setzt sich einstweilen die Performance-Künstlerin (Myrto Dimitriadou) in Bewegung, dicht gefolgt von den beiden Musikerinnen (Gudrun Raber-Plaichinger – Violine & Yoko Yagihara – Klavier) und den zahlreichen Lichtquellen, die sich temporeich abwechseln und im Stärkegrad variieren. Sie regen zum Träumen an und reißen die Träumerin sogleich wieder auf den harten Boden der Realität zurück.

Die Gedanken sind frei, ganz besonders an diesem Abend. Gedanken lauern im Dunkeln, pirschen sich wolfsgleich an und schleichen durch die Dämmerung. Sie gleiten durch den Raum und kennen keinerlei Barrieren. WOLFLICHT (Choreographie, Regie & Idee: Katharina Schrott) ist ein vielseitiges, variables Stück Perfomance-Kunst, das dem eigenen, höchstpersönlichen Inneren entspringt. Alles scheint möglich. Während sich Geräusche vermengen, schwebt der Klang der Violine unstet durch den Raum; nur das Klavier ist (klavierbedingt) fixiert. Die Melodien, die G. Raber-Plaichinger und Y. Yagihara auf ihren Instrumenten hervorzaubern, besitzen magische Qualitäten und sind klug arrangiert. Sie greifen den unberechenbaren Weg der zahlreichen Lichtquellen auf, verebben langsam oder unvermutet und stehen in unsichtbarer Verbindung zu M. Dimitriadou, die sich langsam, schnell oder stockend über die Bühne bewegt. Während die Schauspielerin das Licht scheut, zieht es sie gleichzeitig wieder genau dorthin zurück. Unvermutet buhlt sie um seine Aufmerksamkeit.

Manche alten, abgetragenen Erinnerungen tauchen auf und verschwinden wieder. Neue fordern ihr Recht. Manche verweilen auch. Und dann sind da noch die Gerüche, die sich in das visuelle und akustische Konzert mischen. Kerzenrauch schwebt über der Bühne und zieht langsam gen Publikum, Zigarettenqualm sucht sich hübsch pittoresk im Lichtkegel seinen Weg nach oben. Die Protagonistinnen tappen im Dunkeln. Das beeindruckt, weil die Geige dabei voluminös erklingt, das Klavier sich heiter dazugesellt und keine der drei Künstlerinnen auch nur ansatzweise ins Straucheln gerät. Oder sich im Ton vergreift. – Ganz anders übrigens als der weltschlechteste Kinderkirchenchor, dem die Verfasserin angehörte (Achtung nostalgischer Exkurs!). Kein anderer Chor tönte jemals so dermaßen atonal und wurde dennoch immer wieder zu kleinen Auftritten gebeten, bei denen die Entlohnung aus Würstel und Torte bestand. Das lag vermutlich an den wenigen wirklich niedlichen jüngsten Mitgliedern, den Geschwistern der älteren also. Dann kam dieser fatale Adventabend. Während die Kinderschar auf ihrer  Bühne im Ortsgasthof stand und vor einer Runde sehr beschwingter SeniorInnen ihr Repertoire zum Besten gab, drehte der Wirt nichtsahnend die Beleuchtung ab. Das sollte idyllisch wirken, intonierten der Kinderchor doch gerade aus voller Inbrunst „Stille Nacht“. Allerdings war diese fidele Kinderschar, die sich da eingefunden hatte, neben ihrer Atonialität auch bemerkenswert textresistent. Ein Lykophos wider Willen ward geboren, das tollpatschige Herumirren von Wolfswelpen begann. Nach der erste Strophe verebbte der letzte schiefe Ton unsicher im Raum – Kapitulation auf ganzer Linie. Schnell tastete eine beherzte Seele nach dem Lichtschalter. Danke. (Nostalgischer Exkurs Ende!).

WOLFLICHT. Der Tanz durch Dunkelheit und Licht gelingt. Das verdient Applaus, zumal an diesem Abend tatsächlich erschwerte Bedingungen herrschten. Spricht also ein Stück zum anderen, „komm‘ lass uns uns gegenseitig überbieten“. Vermutlich liegt es dann aber doch an der Architektur des Gebäudes – und wenn die Schreiberin ihre geographischen Kenntnisse nicht trügen, dann liegt neben der Bühnenwand des Toihaus Theaters die Bühne vom Nachbarlokal auf der anderen Hausseite. Dort fand an diesem Abend die vorletzte Vorstellung von „Take Off Again“ (*) statt, eine Produktion des Theater (Off)ensive. Zumindest lässt das anfangs durch die Wand klingende Song-Repertoire von „Don’t cry for me Argentina“ bis zu „New York“ darauf schließen. Immerhin kann man aber nicht behaupten, dass WOLFLICHT bei aller Dunkelheit, Stille und Emotionalität nicht musikalisch zurückgeschlagen hätte. 😉

Fotonachweis: Michaela Grieshaber // Toihaus Theater Salzburg

 

Ad (*): Eine Produktion, die absolut vielversprechend klingt, leider terminlich nicht mehr einzuplanen war und deren Dernière am 29. Mai bereits ausverkauft ist.

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