Das bin doch ich – Kleines Theater

Letztens wurde in einem Artikel erwähnt, dass ein Gros der männlichen Population ausschließlich Bücher von männlichen Autoren lese. Ich fand diesen Ansatz erstaunlich, hatte ich mir doch über ein genderähnliches Rezeptionsverhalten bislang noch keinerlei Gedanke gemacht. Das wollte geprüft werden. Ich startete eine Umfrage in meinem männlichen Bekanntenkreis. Die umfasste einen Teilnehmer; Männer, die (Romane) lesen, scheinen rar gesät, lernte ich. Zumindest der eine mir bekannte gab freimütig Auskunft. Ja, es stimme, sinnierte er. Auch er lese meistens Texte von männlichen Autoren; warum, konnte er mir trotzdem nicht genau beantworten.

Thomas Glavinic ist einer dieser männlichen Schriftsteller, der vielleicht auch besonders gerne gerade von Männern gelesen wird. Zumindest aber ist er mit seiner Arbeit ziemlich erfolgreich und als Autor etabliert. Sicherlich ein langer Weg, dessen steinige Wendungen und andere Alltagsszenen Glavinic humorig im 2007 erschienen Roman DAS BIN DOCH ICH verarbeitet hat. Es geht um Erfolge und Misserfolge, Beziehungen, schwindelerregenden Alkoholkonsum, familiäre Strukturen, Hypochondertum und noch so einiges mehr. Wiedererkennungswert? Beinahe vorprogrammiert, auch ganz ohne schriftstellerische Ambitionen.

DAS BIN DOCH ICH in der Regie von Thomas Gratzer kommt an. Deswegen gab es kürzlich im Kleinen Theater in Salzburg noch eine Zusatzvorstellung der Rabenhoftheater-Produktion mit Christian Dolezaldolezal_dasbindochich_3 in der Rolle des autobiographisch inspirierten Thomas Glavinics. Das Bild, das Dolezal von seinem Glavinic entwirft, ist unglaublich unterhaltsam. Grantelnd, nörgelnd und dabei höchst ironisch raunzt sich die Figur ziemlich menschlich und sehr österreichisch durch das Stück und lässt das Publikum in die Welt der Literaten-Nöte eintauchen. Gekränktes Ego, große Träume gepaart mit latentem Größenwahn und sehr realen Ängsten prägen den Charakter, den Dolezal im Alleingang wuchtet. Glavinic, dem die Verfasserin dieser Zeilen noch nie zuvor begegnet ist, und von dem sie jetzt unbedingt etwas lesen möchte (grandiose Werbung!), erwacht auf der Bühne zum Leben. Die Grenzen zwischen Fiktion und Autobiographischem zerfließen. Mit einem Mal ist es nicht mehr der Schauspieler in der Rolle seiner Figur, der da vorne steht, sondern Glavinic höchstpersönlich, der aus dem Literaten-Nähkästchen plaudert und gesteht, warum er sich nicht mehr nackt im Spiegel sehen möchte oder was ihm Daniel Kehlmann so als Textnachrichten schreibt. Er lamentiert ausführlich und sehr gerne und erstaunlicherweise wird Dolezal auch optisch zu einer Glavinic-Imitation (ich weiß das, ich habe gegoogelt). Dabei stören auch nicht die Doppel- oder Dreifachrollen, die dem Alleinunterhalter im Kleinen Theater auf eine Probe stellen. Mühelos wechselt der fiktive Glavinic zwischen seinen Charakteren und tritt auch immer wieder aus den Dialogen hervor, um zu erläutern, zu kommentieren oder einfach nur sehr ausdrucksstark zu jammern. Er kreiert eine fabelhafte, unglaublich schnelle und humoreske Reise durch absurde Gedankenspiralen und Lebenswelten und changiert eloquent zwischen realen Situationen und rein hypothetischen, aber ziemlich komplexen Gedankengängen. Dass er sich dabei nicht verliert, ist erstaunlich. Stattdessen führt Dolezal sein Publikum wieder wohlbehalten zurück in den Saal und endet viel zu schnell mit einer großartigen Pointe. DAS BIN DOCH ICH hätte gerne noch ein wenig länger dauern dürfen. Aber es gibt einen kleinen Trost; der Schlussapplaus wird dank Dolezal zu einer Extraeinlage.

Eine Frage bleibt dennoch offen. Wer ist denn jetzt eigentlich dieser eingangs oft bemühte „weltberühmte westliche Schriftsteller“, der nie mit Namen genannt wird und stark an Thomas Bernhards noch viel öfter zitierten „Burgtheaterschauspieler“ aus HOLZFÄLLEN erinnert? Sachdienliche Hinweise werden gerne und jederzeit entgegengenommen. 😉

 

Fotonachweis: Ingo Pertramer

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