ALLES HEILIGE: Ensemble | Salzburger Strassentheater

Alles Heilige – Salzburger Straßentheater

Blood, sweat & tears: Wir sind Theater.

Das Salzburger Straßentheater tourt wieder. Mit im Gepäck Stephan Lacks Weihnachtskomödie ALLES HEILIGE – eine Maßanfertigung für die bunte Schauspieltruppe. Ist ja auch sehr naheliegend, so im Hochsommer…

Wann hat man es als Theater in die kulturellen Annalen geschafft? Wenn ein namenhafter Autor dem Haus ein eigenes Stück auf den Leib schneidert. Gut, Haus ist man keins, aber man trifft sich jeden Sommer und darf jetzt sein Häkchen drunter setzen – wir sind Theater. Gleichzeitig war die bunte Straßentruppe der Salzburger Kulturvereinigung bereits längst an dieser Stelle. Weil: ein Sommer ohne mobile Sommerbühne im Stil der Commedia dell’Arte? Für viele Salzburger unvorstellbar. Dann doch lieber auf den 101. von Hofmannsthal verzichten und die Perner-Insel ist eh auch so weit weg. Statt Festspieltrubel trifft man sich lieber bei heißen Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke im Park und wartet gespannt auf den Wagen der Stiegelbrauerei. Die beiden Noriker ziehen zwar kein kühlendes Hopfengebräu (von ein oder zwei Kisten für die Requisite abgesehen – ist das eigentlich schon Product Placement?), dafür aber die gesamte Bühne der nimmermüden und hitzeresistenten Schauspieltruppe.

In aller Plot-Kürze

Eltern sind peinlich, das wissen Teenager. Lukas hat es mit den seinen aber ganz besonders schlimm getroffen, findet zumindest der pubertierende Filius. Die beiden leiten den hiesigen Adventchor und leben Weihnachten das ganze Jahr. Dieses Mal steht Besonderes an; wenn alles nach Plan verläuft, wird es die letzte Aufführung sein, Bahrein und sein Kronprinz rufen. Dass die anderen Mitglieder des Chors davon nicht sonderlich erfreut sind, lässt sich ahnen. Lukas hat ebenfalls Pläne und sucht sein Glück beim Cating-Format DSDKS – dort will er nicht nur zu Ruhm und Ehre gelangen, sondern gleichzeitig herausfinden, ob nicht doch Schlagergott Frank Fahrich sein Vater ist.ALLES HEILIGE: Ensemble | Salzburger Straßentheater

Pointen-Reigen

Wer ein Stück auf den Leib geschneidert bekommt, darf sicher sein – hier wird es aktuell. Tatsächlich scheint sich Autor Stephan Lack für ALLES HEILIGE vom 200jährigen „Stille Nacht“-Jubiläum inspiriert haben zu lassen. Das stand zwar bereits letztes Jahr auf dem Stundenplan, aber wer wird denn schon so kleinlich sein. Weihnachten funktioniert immer, selbst im Hochsommer, und bei ALLES HEILIGE fliegen ohnehin die Pointen und saust der Wortwitz, dass der Kopf ins Wackeln gerät und mentaler Ausnahmezustand droht. Tatsächlich ist der Anspielungsreichtum der stramm getakteten Texte so divergent, dass sich die Pointen teilweise selbst das Rampenlicht streitig machen. Das ist amüsant, lässt aber gleichzeitig die Sehnsucht nach Entschleunigung oder zumindest mehr Spielzeit aufkeimen.

Der Widerspenstigen Zähmung

Georg Clementis Inszenierung passt sich der temporeichen Vorlage an: Mit vereinten Kräften nimmt das Schauspieler-Ensemble die Verfolgung auf und übt sich in professioneller Pointen-Zähmung. Das funktioniert meistens recht fein. Nora (Larissa Enzi) zum Beispiel gehört zu den Glücklichen, bei der jeder ALLES HEILIGE: Ensemble | Salzburger StrassentheaterSatz ein potentieller Kalauer ist. Larissa Enzi tritt dafür ganz reduziert als verkniffene Ehefrau in Erscheinung und pfeffert ihre Dialoge mit einer Portion abgeklärten Ironie nach draußen. Das kommt an, das Publikum biegt sich vor Lachen. Aber auch Georg Clementis Frank profitiert von der Lack’schen Steilvorlage. An Casting-Formaten ist dieser Tage kein Vorbeizappen möglich und auch Dieter Bohlen kennt inzwischen vermutlich jeder. Clementi wirft für seinen Bohlen-Verschnitt gehörigen mit kreativen Beleidigungen um sich und hat sichtlich Spaß am Fiesling mit dem weichen Kern. Ebenfalls mit von der gnadenlosen Jury-Partie: Gloria (Patricia Pfisterer als herrlich blonde, ewig flirtende und sehr stereotype Co-Jurorin mit relativ nieder angesiedeltem Intelligenzquotienten) und Jean-Eric (Eric Lebeau als sympathischer französischer Lebemann mit erstaunlicher Weitsicht).

Kill Bill

Die Dramaturgie ist bei aller Leichtigkeit der Sommerkomödie durchaus spannend. Schließlich hat sogar das Nibelungenlied ein Cameo. Wenn Marcus Thills Martin herrlich entrückt von der Schlägerei mit den Adventkontrahenten schwärmt und die Hiebe mit musikalischen Genüssen in Analogie setzt, dann erleben Spielmann Volker und Hagen eine Wiederauferstehung und treten noch einmal gegen die Burgunder an Etzels Hof an. Die Doppelung von Szenen ist ein weiterer ALLES HEILIGE-Streich, der gleich mehre Fliegen auf einen Schlag erledigt. Zum einen wird mehr Stoff auf kompakte Weise ans Publikum gebracht, zum anderen löst sich das beschränkte Raumproblem quasi von selbst. Wunderbar der Streit der Schwestern. Während Nora dramatisch quietschend hyperventiliert, entdeckt Anja Clementis Melanie die Zicke in sich und kontert gnadenlos. Gleichzeitig geraten ihre Männer aneinander. Noras Göttergatte Basti (Alex Linse mit humorigem Faible für schlechte Witze) sackt tränenreich zusammen und verlässt fluchtartig und laut schluchzend die Bühne. Josef (Andreas Goebel) fällt unfreiwillig ein. Das ist echte Bromance.ALLES HEILIGE: Ensemble | Salzburger Strassentheater

Ihr Kinderlein kommet

Apropos findige Dramaturgie. Dass die meisten der Songs nur angestimmt, aber fast nie beendet werden, entpuppt sich als kluger Regiezug und linguistisches Fest. Die schönsten dieser Stumm-Sing-Momente hat vermutlich Paul Clementi auf der minimalistischen Casting-Bühne. Der gibt den bockigen Teenager mit der fixen „du bist nicht mein Vater“-Idee und ist alterstechnisch noch so richtig nah am adoleszenten Hormonwahnsinn gebaut. Aber auch die anderen machen eine sehr passable tonlose Figur. Übrigens funktioniert es auch mit, also dem Ton. Da stimmen selbst die Hirtenkinder ein, die frech und selbstbewusst ihr Weihnachtsrepertoire rappen und selbstverständlich zu Publikumslieblingen avancieren. Zumindest ist das den entzückten „Ahhhs“ und „Ohhhs“ der diversen Sitznachbarn zu entnehmen. Übrigens wenig verwunderlich, schließlich sprudelt der Wortwitz nur so aus Benjamin Linse, Simon Clementi und Nikolaus Unger hervor. Das Wechselspiel von deutschem und österreichischem Standard sorgt für zusätzliche Erheiterung. Wenn dann die Hirtenkinder noch keck ihren Lohn fordern und in Sitzstreik treten, ist die Verzückung perfekt.

Musikalische Collage

Die Pointe kommt zum Schluss und wird von der so gar nicht engelhaften Stella zum Zünden gebracht. Dafür darf Anna Knott das liebe Mädchen beiseite schieben und kräftig auf den Putz hauen. Wer hätte es geahnt? Der Überraschungseffekt sitzt. Mit Letzterem fallen auch die finalen Hüllen und auf einmal zeigt die Weihnachtsbranche ihr so gar nicht feierliches Antlitz. Mit Kritik hält Stephan Lacks ALLES HEILIGE kaum hinterm Berg. Aber wie schon bei den straff getakteten Texten gilt, mitunter wäre weniger mehr. Von der Aufführungskürze profitiert das Publikum, das an diesem Abend so viel mentalen Sport absolviert, dass die kleinen grauen Zellen danach wieder völlig erschlankt sein dürften. Muskelkater ist vorprogrammiert, aber das ist ja das Schöne am Theatersport.

 

Fotonachweis: Wolfgang Lienbacher

Inszenierung: Georg Clementi, Arrangements, Komposition und musikalische Leitung: Marc Seitz, Choreographie: Anna Knott, Bühnenbild: Alex Linse, Harald Schöllbauer, Bühnenbau: Harald Schöllbauer, Kostüm & Maske: Andrea Linse, Regie- & Ausstattungsassistenz: Patricia Pfisterer, Anna Knott

 

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