Sage mir, was du liest.

Handke, Kafka und ich: Eine stilistisch todsichere Methode. Meistens.

Es fiel mir irgendwann während meiner Schulzeit auf. Meine persönliche Literaturrezeption wirkte sich stilistisch auf meine schulischen Resultate aus. Das machte ich mir sogleich zunutze und begann, vor Schularbeiten nur noch angesehene Autoren zu lesen. Ich gestehe, dass ich Handke oder Kafka-Exemplare bewusst bis kurz vor schriftlichen Arbeiten zurückhielt, um mich dadurch selbst zu überhöhen. Und es wirkte. Deshalb setzte ich die gleiche Methode auch bei anderen Sprachen ein. Englisch-Schularbeit? Kein Problem, dann lese ich meinen Jane Austen-Lieblingsroman einfach zum 101. Mal. Es sind eher umgangssprachliche Resultate gefordert? Wie toll, dann doch lieber der neue „chick lit“, den ich verschämt unter einem Stapel Bücher versteckt halte, damit es nicht so auffällt, der aber für Entspannungszwecke unabdingbar ist.

Mein System ist in langen Selbsttests erfolgreich erprobt und funktioniert ganz hervorragend. Gerade rezipierte Fremdtexte färben ab und bereichern den eigenen Schreibstil. Auch der Wortschatz profitiert; während schriftlicher Arbeiten fallen mir plötzlich Wendungen und Wörter ein, von denen mir bisher nicht einmal bewusst war, dass ich sie kenne. Unvermutet formuliere ich eleganter und komplexer. Danke liebes Unterbewusstsein!

Aus diesem Grund setzte ich diese Methode während meiner universitären Laufbahn fort und präzisierte sie sogar. Ich ging jetzt strategisch vor und las bewusst Texte bestimmter Autoren, für die die prüfenden Professor*innen als Experten*innen galten. Das fruchtete. Meistens. Nicht immer. Die Handke-Koryphäe schätzte mich zwar persönlich, wie sie mir mitteilte. Nur konnte sie sich leider nie meinen Namen merken. Dumm gelaufen bei der schriftlichen Prüfung. Ich war trotzdem stolz, diese nahezu unfehlbare Methode entdeckt zu haben. Der herbe Rückschlag kam, als ein Professor genau dieses, nämlich „mein“ System während einer seiner Vorlesungen öffentlich darlegte. Ich musste konsterniert zur Kenntnis nehmen, dass es schon lange vor meiner Zeit entdeckt worden war. Nun ja, ist auch okay. Irgendwie halt. Und immerhin bestätigten mich die berühmten Literatur-Theoretiker ja damit.

Gestern stand ich an der Bushaltestelle, um auf einen Freund zu warten. Während ich den Tauben beim auf dem Boden Herumhüpfen zusehe und staunend bemerke, dass sie die Fahrbahn todesmutig trippelnd überqueren (nichts da mit fliegen!), setzt sich ein junger, ganz gut aussehender Mann auf das Wartebänkchen daneben, das ich aufgrund der Tauben kritisch auf Distanz beäuge. Der junge, ganz gut aussehende Mann hat eine Zeitung dabei, die er demonstrativ aufschlägt. Vermutlich um zu suggerieren, wie toll und belesen er sei, weil er ja auf einer Wartebank an der Bushaltestelle Zeitung liest. Vergessen das Taubenfest, das offensive Verhalten des jungen, ganz gutaussehenden Mannes finde ich jetzt doch unterhaltsamer. Auch wenn es nicht fruchtet. Denn was er da so hingebungsvoll liest, während er eigentlich gar nicht liest,  weil er die ganze Zeit damit beschäftigt ist, sich zu vergewissern, dass ich auch sehe, dass er liest, ist [Trommelwirbel] … die „Krone“. Genau. Der Todesstoß für jeden Annäherungsversuch. Der junge, ganz gut aussehende junge Mann zelebriert ihn dafür mit Verve.
Vermutlich wäre es besser, in solchen Situationen andere Zeitungen zu bevorzugen. Das würde wahrscheinlich (was heißt wahrscheinlich…) zu bessere Resultaten führen. So aber bin ich lediglich amüsiert und entdecke irgendwann besagten Freund auf der anderen Straßenseite. Schon sprinte ich in seine Richtung, während ich noch einen mitleidigen Blick zurück werfe. Dabei bemerke ich, dass der Unbekannte sein intensives Kronen-Zeitungsstudium vorzeitig beendete, er konzentriert sich jetzt voll und ganz auf uns.
Die Tauben kümmert es wenig. Sie versuchten weiterhin, neben dem jungen, ganz gut aussehenden Mann auf die Wartebank zu hüpfen und nicht existente Brotkrümel einzusammeln.

 

Fotonachweis: VZ // What I saw from the cheap seats

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