Rechnitz

Man darf dem Schauspielhaus gratulieren. Gratulieren dazu, den Mut aufgebracht zu haben, RECHNITZ in den Spielplan aufzunehmen. Gratulieren aber auch zu der gelungene Umsetzung des Vorhabens. Denn Elfriede Jelineks RECHNITZ ist alles andere als leicht verdaulich; auf einen stringenten und klar erkennbaren Handlungsverlauf, auf einen knallroten Faden, wartet das Publikum vergebens. Geschultert wurde stattdessen ein Jelinek’sches Theaterstück, das einer tragischen, menschlichen Abnormität ein mahnendes und sprachgewaltiges Denkmal setzt.

Im burgenländischen Rechnitz wurden im März 1945 während eines Fests auf dem Schloss von Gräfin Margit Batthyány ca. 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter erschossen. Nach dem Fest sollen die Täter, Gäste der Feier, ins Schloss zurückgekehrt sein und weitergefeiert haben. Nach Beendigung des Krieges und auch Jahre später konnten nicht alle Schuldigen angeklagt werden. Aufgrund von sich widersprechenden bzw. zurückgezogenen Zeugenaussagen, selbst von ermordeten Zeugen ist die Rede,  wurden nur dreizehn Personen inhaftiert. Die Hauptverdächtigen sind geflohen, Gräfin Batthyány gelang ebenfalls die Flucht. Ihre genaue Rolle in dieser Nacht wurde nie gänzlich geklärt und das Massengrab der Zwangsarbeiter bis heute nicht ausfindig gemacht.

Ein sprachgewaltiges, literarisches Mahnmal. Federleicht wird das Spiel mit dem Wortmaterial exerziert, wandeln sich Substantive zu Verben und zurück; das Ganze wird so konsequent zelebriert, erscheint so einfach und ist mit einer natürlichen Grazie versehen, dass es dem schrecklichen Geschehen eine aufrüttelnde und doch wunderhübsche Beinote verleiht. Die Sprache als Vermittlerin einer Tragödie ist auch unter der Regie von Peter Arp das wichtigste Accessoire des Abends. Klar, spöttisch und nuanciert agieren die Boten auf der Bühne. Und Boten sind sie an diesem Abend alle. Scheinbar unbeteiligt, aber dennoch hochgradig sarkastisch berichten die fünf Schauspieler in ihren Rollen über die Gräueltaten während des rauschenden Festes; einem Ereignis, an das sich im Heute ohne ihre Berichte fast niemand mehr erinnert. Stimmgewaltig treten sie in Chören auf, fixieren das Publikum im Vorbeigehen, richten ihre Monologe an einzelne Anwesende oder besingen die Banalität des Bösen gemeinsam.

RECHNITZ wandelt sich. In der literarischen Vorlage naturgemäß nur auf Buchstaben und das Vermögen des Lesers, der Leserin reduziert, diese und die Metaebene entsprechend zu dechiffrieren, erleichtert das Unterfangen in der aktuellen Inszenierung eine unerwartete, aber höchst opportune Musikalität und das grandiose Schauspiel der DarstellerInnen. Mikrofone – mittels denen deklamiert wird – reißen die Zuschauer aus ihrer Lethargie und fordern sie zu erhöhter Aufmerksamkeit. Kinderlieder und kirchliche Gesänge erhalten völlig neue Bedeutungen; überhaupt wird sich häufiger in sakralen und biblischen Anspielungen ergangen.

Fotonachweis: Manuela Seethaler

Die Bühne selbst ist im Publikum und die Zuseher werden zum Teil der Aufführung, ob sie das nun wollen oder nicht. Immer wieder durchbrechen die DarstellerInnen die imaginäre Wand zu ihnen. Aber dann wiederum wurden auch die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter in Rechnitz nicht vor die Wahl gestellt. Im Heute muss sich an das Gestern erinnert werden und RECHNITZ führt das sprachgewaltig und deutlich vor Augen. Ein Teil des Publikums ging an diesem Montagabend dabei allerdings verloren. Hat mich persönlich RECHNITZ wieder mit Jelinek versöhnt („Die Liebhaberinnen“ haben vor Jahren eine regelrechte Antipathie meinerseits ausgelöst und die allgemeinen Huldigungen an die Autorin meinen Trotz verstärkt), dürfte bei anderen das Gegenteil eingetreten sein. Trotz grandiosem Schauspiel und sehr gelungener Inszenierung war offenbar die Sehnsucht nach einer verständlichen, stringenten Handlung größer: Besonders erheiternd (für mich und Freundin M.) – der Mann im grünen Pullover, der fast die ganze Vorstellung verschlief. Tatsache. Und das tat er obendrein sehr ungeniert. Auch bei dem einen oder anderen Besuchern schien gegen Ende hin langsam die Schwerkraft über die Augen zu siegen, sie kämpften allerdings tapfer. Schade eigentlich. Dabei wäre die Lösung so einfach gewesen: Berieselungsmodus ausschalten und selbst aktiv werden. Brecht hatte durchaus Recht, wenn er für das Theater den analytischen Verstand einforderte.

Und um das Ganze jetzt nicht in ein Plädoyer auf mehr Mitdenken ausarten zu lassen, frage ich mich gerade, wie ich diesen post am besten beenden könnte? Darf es die Wetterlage sein? Es stürmt. Nein, nicht an den örtlichen Wetterverhältnisse interessiert? Okay, dann sollte ich es vielleicht mit meiner letzten Impression aus dem Theater probieren? Also abgesehen von Freundin M. und mir selbst, die ob der müden Augen so manches Besuchers, mancher Besucherin grinsend das Studio verließen, erheiterte mich auf dem windigen Heimweg, während ich mit meinem Regenschirm kämpfte, dann auch noch die Erinnerung an den männlichen Osterhasen. Jawohl. Der gehörte wohl schon zur SONDERBAR, die im Anschluss stattfand, aber er (und auch seine Hasengefährtinnen, derer ich im Vorbeigehen ansichtig wurde, sahen bzw.) sah so amüsant aus mit seiner bunten Ohrenmütze und dem leicht spöttisch-ironischen ich-bin-mir-durchaus-darüber-im-klaren,-dass-ich-wie-ein-gigantischer-Osterhase-aussehe – Blick , dass sich der Eindruck eingebrannt hat. Und mich eigentlich immer noch amüsiert. Mea culpa (ja, ich weiß, ich bin einfach zu unterhalten).

Es ist das Osterfest alljährlich für den Hasen recht beschwerlich.
(Wilhelm Busch)

Alternativ hätte ich übrigens noch meinen gestrigen „Löffeleier-Rausch“ anzubieten. Zwei Löffeleier auf einmal und danach völlig ausgeknipst auf dem, eigentlich zum Schlafen zu unbequemen Sofa, eingeschlafen. Oh du herrlicher Oster-Exzess. 😉

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailby feather

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.