Das Sprachenkarussell

Mehrere Sprachen (nach Jahren der Nichtanwendung nur noch rein hypothetisch) zu beherrschen, kann ein Hund sein. Meistens fällt einem das benötigte Vokabular sowieso just in einer anderen, gerade nicht erforderten Variante ein. Und wie gut beherrscht man vergangenes Sprachenarsenal eigentlich wirklich? – Ich hatte unlängst das Vergnügen, meine Französisch-Kenntnisse genau dieser Prüfung zu unterziehen und wurde dann doch dauernd von Hebräisch heimgesucht.

Um 15 Uhr sollte ich vor Ort sein, um einen Gast aus Frankreich in Empfang zu nehmen. Das hat mich eingangs, zugegeben, etwas irritiert, nachdem ich kurz zuvor in seiner Biographie las, dass er nur Französisch spricht. Seit einem Paris-Urlaub vor ein paar Jahren weiß ich zwar, dass ich Französisch noch einigermaßen gut verstehe, aber eben auch, dass es mit meinem eigenen Sprechvermögen nicht mehr allzu weit her ist. Meine Panik erfuhr erst dann eine Beruhigung, als man mir mitteilte, dass P. eine Dolmetscherin erhält. „Prima“, dachte ich mir, „dann kann ja nichts mehr schief gehen“. An dieser Meinung hielt ich optimistisch fest, bis ich mich um 14:45 vor einer noch verschlossenen Tür einfinde und einen Mann auf mich zuschreiten sehe, der verdächtig nach P. aussieht. Ach du… ! Er kommt näher und näher. Mit jedem Schritt sende ich Stoßgebete gen Himmel, dass es nicht er, der Franzose, sein möge. Und er ist es doch. Kurz vor mir bleibt P. stehen. „Wo ist die Dolmetscherin???“, schreit es da bereits in mir. Die Straße hinter ihm ist und bleibt verwaist. Schließlich kann ich mich nicht länger blind stellen und begrüße ihn. Der unfreiwillige Sprung ins eiskalte Wasser gelingt:

[Szene, eine verschlossene Tür in einer engen Gasse. Ich warte davor und sehe P. auf mich zukommen. Da ich weiß, wer er ist, ist es ein wissendes Erkennen. Dennoch bin ich unschlüssig, trete schlussendlich aber auf ihn zu].

Er: „Hallo?“ [das klingt nach dem Versuch eines englischen Gesprächsbeginns]
Ich: „Hi! Mr. P.?“
Er: „Yes!“

[Ich denke, oh, er kann doch Englisch, hurra, hurra, möchte aber guten Willens sein, vor allem, da es ein sehr gebrochenes Englisch ist.]

Ich [mit neu gefasster Courage, krame in meinem Unterbewusstsein längst antiquiert geglaubte Gesprächsfloskeln hervor]: „Bonjour. Je suis V.“ stelle ich mich vor. – So weit, so gut. Danach wird es deutlich holpriger und unsere Konversation rutscht in ein heiteres Französisch-Englisch ab. Ich verstehe ihn relativ gut in seiner Muttersprache, antworte aber spontan stets auf Englisch. Für mehr reicht die angebrachte Reaktionszeit nicht, wobei dann aber doch noch Vokabular aus dem Französisch-Unterricht zurückkehrt (und noch viel mehr aus dem Hebräischen). Wir können uns also zumindest „ausfranzösischen“, dass sich mein Französisch seit der Schulzeit verschlechtert hat. Er versteht mich und schlägt in die selbe Kerbe. Sein Englisch, so er lächelnd, sei auch mies. Wir amüsieren uns blendend, so in unserer ganz eigenen Englisch-Französisch & Gebärdensprachen-Welt. Dann schaffe ich es aber doch noch und äußere einen halbwegs formvollendeten französischen Satz (zumindest bilde ich mir das ein und ich will hier nichts Gegenteiliges hören). „Où est votre car?“. Er deutet sofort in die entsprechende Richtung; „ici“, dort, würde sein Auto stehen. Danach erst bemerke ich, dass ich aus dem geplanten „voiture“ ein „car“ wurde. Seine Reaktion lässt aber zumindest darauf schließen, dass bei ihm die Sprachen ebenfalls wild durcheinander wirbeln und er Feinheiten ignoriert. P. eilt dann auch sofort davon, um sein Auto umzuparken. Und unvermutet trudelt schließlich die lang ersehnte Dolmetscherin ein, die endlich übernimmt. Schade eigentlich, gerade wo wir uns warm geplaudert haben.

NB: Am nächsten Tag glänzte Frau Dolmetscherin einmal mehr durch Abwesenheit und ich durfte feststellen, dass – wenn man die grammatische Strukturen und etwaige Tempusfehler außer Acht lässt – ich doch noch Französisch gesprächskompatibel bin und sogar wichtige Dinge selbstständig erfragen kann. Eigentlich hätte die Dolmetscherin gleich zu Hause bleiben können…

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2 Kommentare

  1. Ich kenn das. Ich wohn gerade in Brüssel, hab heute versehentlich jemanden, der nach dem Weg gefragt hat, (auf französisch) darauf hingewiesen, dass er den zweiten König rechts nehmen soll. Roi statt Rue.
    Naja. Aber am schlimmsten sind meine Mitschriften an der Uni: Kurssprache Niederländisch, Prüfungssprache Englisch. Ich versuche in Englisch mitzuschreiben, aufgrund der Nähe des Niederländischen zum Deutschen rutsche ich aber immer wieder ab und hab schließlich dreisprachige Notizen. Furchtbar! 😉
    Viel Erfolg bzgl. Franz auffrischen. =)

  2. Author

    Ich muss sagen, der „zweite König rechts“ ist ziemlich kreativ! 😉 Wobei sich die Mitschriften-Situation dann doch etwas stressig anhört. Ich stelle mir gerade Niederländisch-Englisch-Deutsche Satzkonstrukte vor und finde es tatsächlich beeindruckend, dass du davon noch lernen kannst. 😉 Wobei, vermutlich funktioniert es nach dem Prinzip des einfach nicht darüber Nachdenkens; sobald man nach den richtigen Wörtern in der richtigen Sprache grübelt, ist vermutlich der Vortragende schon 10 Sätze weiter. Zumindest ging’s mir immer so, wenn ich über die richtige Rechtschreibung bei meinen Mitschriften zu sinnieren begann. 😉
    Vielen Dank und viele Grüße nach Brüssel. Ich beneide dich um dein Französisch. 😉

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