Loriots dramatische Werke – Sonderbar im Schauspielhaus

Loriot ist los: „Loriots dramatische Werke“ in der Sonderbar am Schauspielhaus Salzburg

Von B wie Büroromantik bis zu V wie Vertreterschwips – in LORIOTS DRAMATISCHE WERKE wird (fast) kein Sketch ausgelassen. Very 70s, sehr spaßig.

Die Erkenntnis folgt in den letzten Minuten. Der fleißige Ehemann (Marcus Marotte) sitzt breitbeinig und stoisch in seinem plüschigen Feierabendtraum. Die brave Hausfrau (Susanne Wende) werkelt hübsch beschürzt in der Küche, Geschirr klappert. „Hermann – was machst du da?!“, tönt es von hinten. „Ich sitze“, brummelt er ein bisschen missmutig und sorgt zugleich für ein Déjà-vu. Jeder, also wirklich jeder im Saal, sogar die Loriot-Unbescholtenste (die Verfasserin outet sich an dieser Stelle!) kennt diesen einen von sehr vielen Sätzen und Wortneuschöpfungen, mit denen sich Bernhard-Victor Christoph-Carl von Bülow, kurz Loriot, ins kulturelle Gedächtnis schrieb. Auch fünfzig Jahre später kennt der Saal kein Halten, wenn die Schauspieler*in eine legendäre Wortspende nach der anderen ins Publikum entlassen.Loriot: O. Salzer, S. Wende

Liebe zum Detail

Die Inszenierung von Daniela Meschtscherjakov präsentiert sich dem Original verpflichtet. In liebevoller Kleinarbeit erwachen die alten Sketche auf der Bühne der Sonderbar zu neuem Leben. Dafür beschränkt sich LORIOTS DRAMATISCHE WERKE auf wenige Accessoires. Drei Sitzgelegenheiten im Biedermeierstil sorgen für das optimale Loriot Setting und lassen sich variabel verschieben. Die Originalstimme aus dem Off ersetzt den Moderator, also Loriot selbst. Das ist nicht nur eine charmante Lösung, sondern zugleich auch eine schöne Verbeugung Richtung Großmeister des Humors.

Die Situationskomik der Siebziger Jahre greift die Produktion auf und sorgt für nostalgische Erheiterung. Die Rollenbilder wurden dafür unangetastet belassen und funktionieren erstaunlicherweise – oder gerade deshalb – noch immer. Es ist amüsiertes Schmunzeln und wohlwollendes Lachen, das erklingt, wenn Susanne Wende sämtliche Frauenklischees durchläuft. Als von ihrem amourösen Chef Karl-Heinz überrumpelte Sekretärin Renate kneift sie erstaunt die Augen zusammen und blinzelt verzweifelt. So ganz ohne Brillen sehen sie sich halt schlecht. Die beiden küssen amüsant ins Leere und Karl-Heinz versenkt ein ums andere Mal den Sessel seiner Angestellten, was diese mit einem leidenschaftlich verzückten „Sie machen mich ganz verrückt Herr Meltzer“ quittiert.

Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann“

Beim Vertretersketch wird es dank Herrn Blümel (Olaf Salzer) so richtig weinselig. Während er seine Ware feilbietet, von der „Oberföhringer Vogelspinne“ über das „Hupfheimer Jungferngärtchen“ bis zum „Klöbener Krötenpfuhl“ ist Herr Blümel selbst bereits sein stärkster Kunde. Beim Jungferngärtchen kann sich der charmante Weinhändler das verschämte Kichern nicht verkneifen. Wenig überzeugt, Mutter Hoppenstedt, die befindet, „schmeckt alles wie der Erste!“. Falsch, „wie der Zweite, das ist das Geheimnis“. Humorig, als Vertreter Jürgens (Marcus Marotte) euphorisch seine Aufwartung macht und eine Erfindung präsentiert, die staubsaugt und zugleich das Haar der braven Hausfrau pflegt. Komplettiert wird die Runde von Versicherungsvertreter Herrn Schober (Antony Connor), der ebenfalls bald eifrigst zum Glas und den Schnittchen greift, die Frau Hoppenstedt serviert. Im Herrenladen-Sketch flitzt Antony Connors Figur ein ums andere Mal herrlich beflissen und auf Kommando der Frau (Susanne Wende) in die Kabine. Die brave deutsche Hausfrau kann auch anders.

Pygmalion erblasst vor Neid

Als besonders wandelbar erweist sich Olaf Salzer. Zwar einmal mehr ohne Bademantel, dafür mit sehr vielen Perücken und bisweilen sogar Kleidchen kokett ausstaffiert. In der Rolle der Psychologin tastet er sich mehr oder minder einfühlsam an die Probleme eines Paares heran und verdonnert sie zu Kussübungen am Schaufensterpuppenkopf. Teilen ist aber nicht so seines, äh, ihres. Leidenschaftlich versinkt die Psychologin anschließend selbst mit ihrem Puppen-Freund in einen sehr intensiven Kuss. Szene Ende. Als überdrehte Moderatorin will Olaf Salzer Loriots Horrorfilmstar (Marcus Marotte) die Maske abschwatzen. Der versteht nicht so recht. „Maske?“ nuschelt die Hollywood-Prominenz schleppend. Irgendwann begreift selbst die gedankenlose Moderatorin – ein herrliches Erwachen. Es sind diese Schlusspointen, die allerletzten Bilder jedes Sketches, auf die die Szenen genauso regelmäßig wie pointiert zulaufen. Dazwischen wunderbar durchdachte Sprachspiele und Doppeldeutigkeiten, die für Amüsement sorgen.

Absurder Humor und Unsterblichkeit

Das Ensemble zelebriert den berühmten absurden Humor von Loriot mit Verve und viel Liebe zum Detail. Figuren geraten in groteske Situationen und klammern sich an gesellschaftliche Regeln und Normen. Die Schlüpfrigkeit der Dialoge wird gekonnt und gleichzeitig nonchalant präsentiert und die deutsche Sprache großartig zelebriert. Die Erkenntnis folgte in den letzten Minuten. So also funktioniert sie, die Unsterblichkeit. Man muss sich weder einfrieren noch klonen lassen. Es genügt, ein wirklich begnadeter Beobachter zu sein, menschliche Mängel humoristisch in Texte zu verpacken und sich dann von einem erprobten Ensemble zu neuem Leben erwecken zu lassen. Zumindest für Loriot – und für LORIOTS DRAMATISCHE WERKE am Schauspielhaus Salzburg.

 

Fotonachweis: Schauspielhaus Salzburg

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