Kunst – Frankenfestspiele Röttingen

Kunst – Frankenfestspiele Röttingen

Feiner französischer Humor, tiefgründige Introspektiven und große Emotionen. – Yasmina Rezas Komödie KUNST bei den Frankenfestspielen in Röttingen.

Drei Männer, ein Bild von 1,20 x 1,60 Meter („weiß mit weißen Strichen“) und exzeptionelle Gefühlswallungen sind die signifikanten Komponenten des viel gerühmten Theaterstücks KUNST aus der Feder der französischen Schriftstellerin Yasmina Reza. Außerdem ist KUNST gleichzeitig die diesjährige Schauspielproduktion bei den Frankenfestspielen im idyllischen Landstädtchen Röttingen und erinnert von seiner Konzeption und Figurenführung an Rezas späteres und mindestens ebenso beliebtes DER GOTT DES GEMETZELS. Die Autorin beweist mit ihren Stücken ein feinsinniges Gespür für tiefgründige, zwischenmenschliche Themen, die sie in scharfzüngige, ironische und zugleich äußerst humorige Diskurse kleidet.

Für die Produktion in Röttingen inszenierte Sascha Oliver Bauer das furiose Schauspiel und setzt dabei auf ein puristisches Bühnenbild (Helmut Mühlbacher) sowie ein temperamentvolles Schauspiel-Trio. Beides fügt sich hervorragend in den spielerischen Kontext ein und lässt ein homogenes Ganzes entstehen.
Die drei aus Österreich engagierten Mimen begeistern mit Sprachwitz, Gestenreichtum, großartigem emotionalem Einsatz und verleihen KUNST die Tiefe, die das Stück auszeichnet und von anderen Komödien differenziert. – Übrigens scheint das Gros der Cast aus Österreich zu stammen. Das ist dann wohl vermutlich auch das Movens dafür, dass man mit österreichischem Sprachkolorit ständig darauf angesprochen wird, ob man Teil des Ensembles von „oben auf der Burg“ sei? Wir verneinten; zuerst etwas verwundert, später amüsiert.

Im pittoresken Rahmen der Burg Brattenstein (bei sonnigem Wetter wandelt sich die alt-ehrwürdige Kulisse in ein beinahe schon kitschig anmutendes Idyll) verteidigt Martin Berger als latent blasierter Serge vehement das weiße Kunstwerk eines berühmten Malers. Trotz deshalb drohendem finanziellen Ruin gönnt sich der findige Dermatologe das weiße Prunkstück zum Schnäppchenpreis von schlappen 20.000 Francs. Eine Investition in die eigene Zukunft, immerhin könnte der Besitz dieses Prestigeobjekts seine gesellschaftliche Position mit kunstaffinem Flair adeln. Völliger Irrsinn befindet hingegen sein bester Freund Marc (Aris Sas) nüchtern, der sich köstlich auf Serges Kosten amüsiert und das ungewöhnliche Werk spöttisch degradiert („Für diese Scheiße hast du 20.0000 bezahlt?“). Reagiert Serge eingangs noch genervt, wandeln sich seine Emotionen alsbald in Gereiztheit und kulminieren in eine Aggressivität, die von Marc aufgegriffen und erbarmungslos gespiegelt wird. „Konflikt-Management“ – Kurse wären an dieser Stelle vermutlich angeraten, würden allerdings auch das Stück vorzeitig beenden. Also doch lieber den wütenden Verbal-Exzessen beiwohnen, den Versuchen ihrer Herr zu werden und dabei Empathie empfinden. Und Amüsement, denn das kommt keinesfalls zu kurz, handelt es sich bei KUNST doch um eine Komödie. Wunderbar deshalb auch A. Sas‘ Mienenspiel, das Marcs temporeiche und hoch emotionale Dialoge und Monologe persistent akzentuiert. Gelsemium und Ignatius in immer größeren Mengen nervös konsumierend, ringt der Luftfahrttechniker zur Erheiterung des Publikums sichtlich um Fassung und regt schon alleine durch seine Argumentation zum Kunst-Diskurs an. Doch Marc ist um Besserung bemüht. Alleine sind auch die edelsten Intentionen zum Scheitern verurteilt, wenn der beste Freund weiter provoziert. Dieser Umstand rückt wiederum den Dritten im Bunde in den Fokus: Yvan (Thomas Smolej) hat das sanfteste Naturell des Abends, das Th. Smolej perfekt darbietet. Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr labiles Wesen, das Yvan prägt; denn der Papierhändler enpuppt sich als äußerst konfliktscheu und richtet sein Fähnlein deshalb lieber nach dem Wind; Meinungen adaptiert er variabel entsprechend seines jeweiligen Gegenübers. Das kann unangenehm werden, wenn der Friedfertige damit unvermutet zwischen die Fronten der beiden wir-lieben-uns-zwar,-aber-wir-hassen-uns-auch-ziemlich – Freunde gerät. Plötzlich wird Yvan selbst zur Angriffsfläche der zwei Streithähne und bietet KUNST zusätzliches Facettenreichtum und Zündmaterial. Famos sein Ausdruck; selbst Nano-Texthänger integrieren sich vorzüglich in das labile Gesamtbildnis von Yvan. Ziemlich unvermutet die exorbitante Suada um das Drama seiner Hochzeitsvorbereitungen, die Th. Smolej höchst temporeich rezitiert. Serge und Marc versinken derweil fassungslos tiefer in das Ledersofa, doch es gibt kein Entkommen.

Der Kunst-Diskurs nimmt immer größere und tiefenpsychologische Dimensionen an, längst geht es nicht mehr nur um das Kunstwerk an sich. Zwischenmenschliche Beziehungen werden seziert und kulminieren in unglaublichen und lange unterdrückten Vorwürfen. Das wirft die Frage auf, wie diese Freundschaft eigentlich 15 Jahre bestehen konnte. Markiert der Disput um die weißen 1,20 x 1,60 jetzt doch ihr Ende? Großartig komisch und gleichzeitig tieftraurig ist die 1994 in Paris uraufgeführte Komödie von Y. Reza, die mit dem renommierten französischen Theaterpreis Prix Molière ausgezeichnet wurde und die S.O. Bauer für Röttingen ansprechend sowie jugendlich und emotional inszenierte. Da sage noch einer, dass die Kunst langweilig sei. Mitnichten.

 

Fotonachweis:
Frankenfestspiele Röttingen (Bild 1 & 2)
Gerhard Meißner // Mainpost (Bild 3 und Beitragsbild)

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