Die auf dem Zaun reitet – SpielBar Ensemble

Die Hexen des SpielBar Ensemble sind los und dekonstruieren mit „Die auf dem Zaun reitet“ weibliche Stereotype.

„Der schlimmste Fehler von Frauen ist ihr  Mangel an Größenwahn“: DIE AUF DEM ZAUN REITET wirft mit klugen Sentenzen und treffenden Klischees nur so um sich, dass einer vor Zustimmung ganz schwindlig werden möchte. Pointiert, kritisch, klug.

Es ist noch gar nicht so lange her, da landeten sie auf dem Scheiterhaufen. Wer Glück hatte, wurde zuerst ins Wasser geschickt. Schwamm eine von ihnen oben, konnte sie’s sowieso vergessen. Sanken sie wie ein Stein, waren sie zwar unschuldig, ertranken aber relativ häufig dabei, weil halt Nichtschwimmer. Kurzum, Hexen hatten es noch nie leicht. Das verwundert nicht, handelt es sich doch um einen von Männerhand geprägten Mythos. Wird die Jungfrau Maria ins Sakrale gehoben, konnten die Hexen gar nicht tief genug fallen. Sie stehen für das Amoralische, das Verbotene und vor allem – eh klar, männliches Denken und so – Sexuelle. Auch wenn die letzten Hexenverbrennung über 200 Jahren zurückliegt, der Mythos lebt.

In aller Plot-Kürze

In einem Theater treffen drei Schauspielerinnen aufeinander. Lilith, Eva und Maria sind frustriert. Statt die Titelrolle der Lady Macbeth gibt es für sie nur Shakespeares Hexen. Als wäre das noch nicht genug der Schmach, wird die Rolle der Macbeth mit einem Mann besetzt. Einem MANN. Die drei sind außer sich und reden sich gemeinsam mit der Bardame in Rage, nur um wenig später in ähnliche Klischee-Fallen zu tappen und genauso ausgiebig darin zu planschen wie ihre männlichen Pendants.

Trio Infernale

Ursula Leitners Inszenierung DIE AUF DEM ZAUN REITET nähert sich dem Thema Feminismus auf kreative Weise an: Sie zäumt das Pferd, das bockige, von hinten auf. Im Fokus steht mit den Hexen das Ur-Weibliche. Bezeichnenderweise tragen sie Namen berühmter, teils geächteter Geschlechtergenossinnen: Lilith, die die erste Frau Adams war. Aus dem gleichen Material geformt, erkannte sie seine Herrschaft nicht an und wurde – weil Adam halt auch eine kleine Petze war und alles brühwarm an Gott weitergab – aus dem Paradies vertrieben. Es folgte Eva, ja, die mit dem Apfel. Das Trio Infernale wird von Maria komplettiert, Stichwort unbefleckte Empfängnis.

Die Wesenszüge der berühmten Patinnen werden von den Schauspielerinnen wunderbar berücksichtigt. So mischt Monica Anna Cammerlander als abgebrüht-freche Lilith die Bühne auf. Herrisch der Tonfall, mit dem sie auch gerne die jüngeren Kolleginnen bedenkt. Ganz in Rot Verführerin Eva (Cristina Maria Ablinger), die bekanntlich vom Baum der Erkenntnis aß und dann relativ unsanft aus dem Garten Eden befördert worden war. Als Femme fatale stellt diese Eva sehr, sehr, also wirklich sehr viele Jahre später noch eine Versuchung dar, weiß allerdings um ihren Zauber Bescheid. Ebenso gelungen Maria (Denise Teipel): Als jungfräuliche Braut in Weiß, ruft sie bei jeder Gelegenheit „Pimmel“ in den Saal. Es ist der Zorn auf die Diskriminierung durch die Männerwelt, der die drei ungleichen Frauen eint.

Die Vierte im Bunde

In ihrer Rage auf Sebastian geben die drei Macbeth-Hexen wider Willen auf herrlich pointierte und unglaublich scharfsinnige Weise Vorurteile zum Besten. Im ersten Moment mag das erheitern, im zweiten regt es zum Nachdenken an. Das Stück wurde gemeinsam erarbeitet. Hier treffen der zuckersüße LA BOUM-Ohrwurm „Reality“, niedliche Seifenblasen und desillusionierende Hasspostings aufeinander. Mit fröhlich, verzückten Mienen deklamieren die Schauspielerinnen die Meinung von Internet-Trollen und verleihen dem Ganzen eine sehr spezielle, originelle Note, die gerade durch die Ambivalenz von Ausdruck und Semantik unter die Haut geht.

In ihrer Wut werden die drei subtil von der Schankkraft befeuert. Das sollte gleich zu Beginn aufhorchen lassen und tatsächlich ist es Agnieszka Salamons Figur, die immer weiter einschenkt. Zuerst den Alkohol, dann die Ressentiments und ihre Töchter zum Hexentanz bittet.

Hexenpower: Die auf dem Zaun reitet

Die Schankdame outet sich als Hexenmutter Hekate – ist es eine Vision, ein Traum oder doch nur Alkohol bedingtes Phantasma? „Der schlimmste Fehler von Frauen ist ihr Mangel an Größenwahn“. Diese und andere Weisheiten fremder Frauen verkündet die Figur bereits vor ihrer Verwandlung. Es schlummert also eine Hexe in jeder von uns und lässt sie sich noch so harmlos an. Die Bonmots treten inzwischen so verdichtet auf und die Sprache der Figur wandelt sich plöztlich ins Gebundene, wodurch dem Geschehen etwas Ritus artiges anhaftet (Text und Dramaturgie: Sophie Benedikte Stocker). Passend dazu ändert sich auch die Lichtstimmung. Mythische Klänge, wenn Hekate die drei Hexen wie Marionetten tanzen lässt. Ruckartig und doch fließend die Bewegungen, plötzlich wird aus Maria ein Sebastian. Der verhasste Kontrahent erhält eine Bühne, eine schaurige obendrein.

Endstation Dystopie

Es ist nicht ganz klar ob Rausch oder Vision, mit Sicherheit aber Dystopie: Die Frauen treiben es an der Macht mindestens genauso bunt wie ihre männlichen Pendants. Sehr gelungen, wenn sich der Mann für einen Posten bewirbt und mit eigentlich für Frauen reservierten Bemerkungen und Klischees abgewimmelt wird.

Genauso pointiert die Ansprache der neuen, weiblichen Machthaberinnen. Jetzt kippt auch die Stimmung ins Hässliche. Während der Mann protestiert, sprechen ihn die Frauen schuldig. Selbst Hekate kann nicht länger mitansehen, was sie da hervorgerufen hat und scheint sich jetzt ihrer Kinder zu schämen. Eine starke Szene mit großer Wirkung. Genauso plötzlich endet das Stück, das gekonnt die Geschlechterverhältnisse invertiert. Von wegen knallharter Auf-Biegen-und-Brechen-Feminismus. DIE AUF DEM ZAUN REITET beobachtete klug und konstatiert intelligent. Ein Stück für alle Geschlechter, das sich mit dem zutiefst Menschlichen befasst.

 

Fotonachweis: Alexander Gotter

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