Cezary Goes to War

Cezary goes to War – SommerSzene Salzburg

(Still not) In the Army now.

Militärischer Drill und heitere Choreografie mischen sich zu einem schräg musikalischen Abend mit scharfer Kritik und zahlreichen Pointen.

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, könnte der Berg zum Propheten wandern. Eine bequemere Alternative bietet allerdings die SommerSzene Salzburg: Das Fest der performativen Künste liefert die Propheten nämlich direkt nach Salzburg und zwar pünktlich zum alljährlichen Kulturevent. Eine Stadt wird zur Weltbühne ganz ohne Festspiel-Tamtam. Mit im Programm, Cezary Tomaszewskis heiter kritische Trauma-Therapie CEZARY GOES TO WAR.

Kreatives Anger-Management

Es gibt Situationen im Leben, die vergisst man nicht. Bei Cezary Tomaszewski war es die Musterung vor der Wehrpflichtkommission. Als Regisseur und Choreograf hat Tomaszewski aber den entscheidenden Vorteil, das verkorkste Erlebnis in Theater zu verwandeln. Anger-Management in Zeiten der (relativen) Kunstfreiheit. Dass Tomaszewski so einiges zu verarbeiten hatte, wird rasch deutlich. Immerhin handelt es sich bei CEZARY GOES TO WAR um keinen Monolog. Stattdessen setzt der Regisseur auf die Verfünffachung seines Bühnen-Ichs. Vier Schauspieler und eine Pianistin schlüpfen dafür ins Aerobic-Kostüm, das Achtzigerjahre Gedächtnis-Outfit (Michał Dembiński, Oskar Malinowski, Bartosz Ostroswki, Łukasz Stawarczyk, Weronika Krówka, Bühne & Kostüme: Bracia). Jeder Hipster wird vor Neid erblassen, mindestens genauso effizient aber auch  der Musterungsjahrgang 1994 heraufbeschworen.Cezary Goes to War

Militärisches Varieté

Auf der Bühne herrschen Zucht und (Un)Ordnung. Rahmen des militärischen Varietés bildet die Beschreibung der unterschiedlichen Soldaten-Kategorien. Der durchaus humorige Charakter ist dem leicht ironischen Unterton und der feierlich-bürokratischen Aufzählung gezollt (Text: Klaudia Hartung-Wójciak). Während die einen zur Elite der großgewachsenen, vorbildlichen Kategorie A zählen, sind die anderen deformierte E Kandidaten. Letzteren Bescheid erhielt auch Cezary Tomaszewski und eröffnet mit seiner penibel adressierten Forderung nach neuer Musterung CEZARY GOES TO WAR.

Einflüsse polnischer Nationaloper

Das Bühnenbild gleicht einer ausgewachsenen Turnhalle, was erstaunlicherweise just an der einsamen Turnbank liegt. An der Wand hängt ein Porträt von Stanisław Moniuszko. Es ist auch der Vater der polnischen Nationaloper, der das Gros des Soundtracks für CEZARY GOES TO WAR liefert, und beim Schlussapplaus geherzt wird. Neben Dmitri Schostakowitsch, Claude Debussy oder Georg Friedrich Händel, von Weronika Krówka mit Leidenschaft auf dem Klavier vor die Wehrpflichtkommission gebracht, stimmen die Schauspieler immer wieder Moniuszkos Volkslieder an. Cezary Goes to WarDas verleiht der Performance eine sehr patriotische, nationalistische und manchmal durchaus melancholische Note. Dass die Bühnensprache polnisch bleibt, trägt zur Stimmung bei. Gleichzeitig werden Langsam-Leser zu mehr Tempo motiviert.

Live-Workout

Die Stimmung kann bei aller Militärthematik allerdings gar nicht zu ernst werden, dem Varieté-Charakter der Produktion sei’s getrommelt und gepfiffen. Während die einen also vom Tod des treuen Kosaken singen und seine alte Mutter noch einmal zu Wort kommen darf, schieben sich die anderen selbst von der Turnbank. Zu Nationalstolz gesellen sich quer über die Bühne geschlagene Räder. Es wird miaut und ein imaginärer Faden gesponnen, der reißt, weil es die Daheimgebliebene nicht so mit der Treue hat. Dass die Schauspieler nicht immer die elegantesten Performer sind, verstärkt die Authentizität der Produktion – und nebenbei untermauert es auch den E-Bescheid von Cezary. Dafür gibt das Ensemble einhundert Prozent und steht auch schon mal mit vor Hitze rotem Gesicht vor dem Publikum.

Väterliche Prominenz

Tomaszewski öffnet für seine Performance eine Vielzahl von Türen und reiht sie nahtlos aneinander. Das antiquierte militärische Wertesystem wird in Korrelation mit dem Absurden gesetzt, gerade dadurch entblößt und auf ein menschliches Maß reduziert. Rollenidentitäten rücken genauso in den Fokus wie die Kritik an nationalen Kriegsdiskursen. Und Cezary Tomaszewski lässt nicht locker. Immer wieder streut der Regisseur seine Forderung nach neuerlicher Musterung an die Warschauer Kommission ein. Penibel mit der originalen Anschrift adressiert. Argumente liefert sein Ensemble. Vom berühmten Kutschervater bis zu zahlreichen positiven Kritiken für vergangene Produktionen; dem Künstler mangelt es keinesfalls an Ideen für eine positive Zuerkennung des Status A. Was wäre allerdings, würde die Behörde den Schrei nach Musterung erhören?! … Vermutlich die Geburtsstunde der zweiten performativen Trauma-Therapie post „plötzlich Muster-Soldat“.

 

Fotonachweis: Bernhard Müller

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