Bungee Jumping oder Die Geschichte vom goldenen Fisch – ARGE theater & theater.direkt

BUNGEE JUMPING ODER DIE GESCHICHTE VOM GOLDENEN FISCH: Die modern-märchenhafte Inszenierung von Michael Kolnberger lädt zum mentalen Selbstversuch ein. – Springst du schon oder überlegst du noch?

Bungee Jumping ist nichts für schwache Nerven. Im freien Fall springt der*die Adrenalin-Hungrige wagemutig in die Tiefe. In letzter Minute verhindert das starkes Gummiseil, an dem er*sie mehr oder weniger vertrauensvoll baumelt, den desaströsen Zusammenprall mit der Erdoberfläche. Dieser Moment ist der Startschuss für ein stetes Auf und Ab, das dem finalen Stillstand vorangeht. So oder so ähnlich lässt sich auch Jaan Tättes preisgekröntes Drama BUNGEE JUMPING ODER DIE GESCHICHTE VOM GOLDENEN FISCH an. Die Koproduktion von ARGE theater und theater.direkt aus der Feder des estnischen Autors inszenierte Michael Kolnberger für die Salzburger Erstaufführung im Studio der ARGEkultur (Raum/Bühne: Arthur Zgubic, Licht: Gunther Seiser, Dramaturgie: Verena Birgit Holztrattner).

Es ist ein freier Fall, den Publikum und Schauspieler*innen vollziehen. Denn die divergente Stoffkomposition entzieht sich immer wieder ihren Betrachter*innen. Das verdankt das Stück einem reichen Anspielungs-Tableau; Märchen, Mythologie, Groteske, Horrorgeschichte oder doch Psychothriller? BUNGEE JUMPING oszilliert zwischen den Genres und scheint überall beheimatet. Dabei beginnt alles so harmlos. Ein junges Pärchen verläuft sich im Wald. Was die einen an Hänsel und Gretel erinnert (das Gros), gemahnt die andere an Brad und Janet aus der Rocky Horror Picture Show (moi). Denn ähnlich wie die zwei frisch Verlobten in Richard O’Briens Klassiker kommen auch Roland und Laura auf dem Weg zur Feier eines Freundes vom Weg ab. Und landen im dunklen Wald. Dort ist es natürlich nass und bitterkalt. Das junge Pärchen klopft allerdings nicht an das Schlossportal von Frank N Furter, vielmehr weisen selbst gepinselte Piktogramme den Weg zur Kate des Eremiten Osvald. Das Ergebnis ist ähnlich lebensverändernd; ohne Umschweife stellt der Eremit seine Forderung: er gewährt nur Laura Quartier, Roland muss leider draußen bleiben. Dafür bietet ihm Osvald Geld. Eine Milliarde Dollar für die Liebe von Laura. Aber sind Gefühle käuflich und lässt sich das Pärchen auf den Deal ein?09-14-22_bungee_jumping3_c_piet_six

„Ein unmoralisches Angebot“ war gestern. BUNGEE JUMPING ODER DIE GESCHICHTE VOM GOLDENEN FISCH ist ein modernes Märchen-Konvolut mit archaischen Strukturen, die sich immer wieder neu verästeln. Wer denkt, der Plot sei erahnbar, irrt. Zu surreal und phantastisch lässt sich das Geschehen an, ehe es neuerlich eine Kehrtwendung nimmt und mitunter erstaunlich einfache Lösungswege offeriert. Es stellt sich die Frage, ob hier Realität einwirkt oder die Imagination eines verwirrten Protagonisten gespiegelt wird? Bisweilen überfordern die grotesken Stoffzüge aber auch; ambitioniert ins Unendliche gesteigert, sind die 75 Minuten Spielzeit sehr gut gefüllt. Zu gut. Der grobmaschige Märchenteppich gerät zum eng genähten Märchenquilt. Das nährt dafür aber emsig den bereits entfachten kontemplativen Diskurs.

Herrlich verschroben präsentiert sich nicht nur der Stoff in M. Kolnbergers Inszenierung. Die andersweltlichen Elemente wurden szenisch für das Bühnenbild aufgegriffen und kreativ anschaulich zur Dystopie verarbeitet. Wunderbar mit Einspielungen von Nick Cave and the Bad Seeds („Murder Ballads“) garniert, spielen die vier Akteur*innen… im Wasser. Richtig. Die Bühne ist ein einzig großer  Swimmingpool, ohne Schwimmen, dafür mit fleißig Wasser-Treten und ins Wasser-Fallen. Das Medium des goldenen Fischs ist omnipräsent und sorgt für ein ansprechend unheimliches Ambiente. Akzentuiert wird die magische Topographie durch im Wasser versteckte Requisiten, die den Zauber des Moments entsprechend verstärken. Selbst das sagenumwobene Vermögen des Eremiten erhält alsbald nibelungen-rezeptorische Züge. Ist es existent oder doch nur eine Mär? Es darf und wird nämlich bald am Geisteszustand von Osvald (Jurij Diez) gezweifelt werden. J. Diez‘ Darstellung lässt den Eigenbrötler fabe09-14-22_bungee_jumping1_c_piet_sixlhaft zweideutig erscheinen. Sein Charakter ist überzeugt davon, Laura zu verdienen. (Übrigens im doppelten Sinne.) Voller Selbstbewusstsein trägt er sein Anliegen vor, das in merkwürdig arrogantem Kontrast zum märchenhaften Sujet steht. Gleichzeitig regen gerade diese Eigenschaften weitere Spekulationen an und lassen Osvald nicht konkret werden. Moral scheint für den Eigenbrötler käuflich. Der Tenor bleibt kritisch. Roland (Wolfgang Kandler) ist es auch. Der Marketingmensch in Lederhosen verteidigt seine Meinung vehement. Doch es bleibt die Frage, wie lange er der Versuchung des Geldes zu widerstehen vermag. Mit einer Milliarde Dollar werden Träume Wirklichkeit. Gelungen naiv lässt sich Rolands Darstellung an, die sich – konträr zur Profession – idealistisch an althergebrachte Werte klammert. Überhaupt scheint BUNGEE JUMPING von Auf-den-Kopf-Stellen der Klischees zu leben. Lauras Figur (Larissa Enzi) ist mindestens ebenso divergent und mit zahlreichen Facetten ausgestattet. Jede weitere Entblätterung ihrer Psyche verblüfft und regt zum Staunen an. Alsbald lässt sich der Moral-Diskurs nicht mehr aus dem Zuschauerinnen-Kopf fernhalten.09-14-22_bungee_jumping4_c_piet_six

Der Einstieg ist abrupt, die kostümtechnisch anklingende Folklore-Stimmung zwar wohlmeinend, aber nicht nur durch die „Hänsel und Gretel“-Intonierung etwas zu ambitioniert. Das Publikum hätte die Anspielungen auch ohne den Wink mit dem Zaunpfahl begriffen. Dafür fesselt der Rest; zahlreich gestreute Verfremdungseffekte sorgen für eine stete Erinnerung daran, sich im Zuschauerraum einer Theatervorstellung zu befinden und doch gerät dieser Umstand mit Fortführung der Handlung sogleich wieder in Vergessenheit. Das Finale ist laut, turbulent und pizza-lastig. Der mafiöse Pizzamann (Bina Blumencron) bricht einmal mehr die scheinbare Harmonie und etwaig etablierte Strukturen. Die neuerliche Demaskierung beschert dem Geschehen die nächste unerwartete Wendung.

Schnell wird klar, das moderne Märchen mit den archaischen Strukturen ist anders, weil besonders. BUNGEE JUMPING ODER DIE GESCHICHTE VOM GOLDENEN FISCH stellt Gefühle, Moralvorstellungen und die zunehmende Materialisierung unaufdringlich zur Diskussion. Wie viel bedeuten soziale und ethnische Grundwerte, ab wann sind die Menschen bereit, sie zu veräußern? Ironische, sarkastische und spritzige Dialoge beschäftigen sich intensiv mit der zeitlosen Thematik. – Der freie Fall klingt nach. So schnell wird das Seil nach diesem Abend wohl nicht mehr stillstehen, aber das ist auch gut so.

 

Fotonachweis: Piet Six // ARGEkultur

Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmailby feather

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.