The Swing Thing – Schauspielhaus Salzburg

„They shoot horses, don’t they?“ – Sozialdarwinismus auf der Bühne des Schauspielhauses Salzburg.

Es ist der 10. Juni 1928, als Milton Crandall den Startschuss zu einem pervertierten Tanzvergnügen ganz besonderer Art am New Yorker Madison Square Garden gibt. Nichts da mit Romantik und Gefühlsduseleien, vergangen die ennuierenden Tanz-Veranstaltungen Pre-Weltwirtschaftskrise. Das von Crandall ausgerufene „Dance Derby of the Century“ ist ein ganz neues, durchgestyltes Erlebnis, das von großen Emotionen, noch größeren Dramen und inszenierten Skandalen lebt. Die Medien sind begeistert, das Publikum hingerissen.

Reality TV vor der Erfindung des Reality TV. – Der emergente Reality-Charakter des dubiosen Tanz-Ereignisses entblößt den gnadenlosen Voyeurismus seines Publikums. Das Reglement war üppig und schikanös; die Tänzer*innen mussten ständig in Bewegung sein, egal wie. Die kurzen zehnminütigen Pausen wurden als ausreichend befunden, um wichtige Grundbedürfnisse wie Nahrungsaufnahme, Schlaf und andere Dinge gleichzeitig zu befriedigen. Immer live dabei das Publikum, das sich wie das Auditorium in einer Gladiatoren-Arena gebärdete und durch Beschimpfungen oder Jubel Unmut oder Freude kundtat. Der listige Promoter und Publizist Crandall überschritt die feine Linie zwischen Realität und Fiktion. A und B Prominente tauchten „plötzlich“ auf und sorgten im besten Fall für etwas Unruhe. Zwielichtige Gestalten wurden eigens engagiert, um Pep in die Veranstaltung zu bringen und die Medien und Besucher bei Laune zu halten. Die Tickets zu diesen Events verkauften sich rasend schnell.

Mit THE SWING THING ist ein Stück entstanden, das auf Horace McCoys Roman THEY SHOOT HORSES, DON’T THEY? (1935) aufbaut und Crandells Welt in nuce aus der Vergangenheit in der Gegenwart wieder auferstehen lässt (Regie: Robert Pienz). Obskures menschliches Verhalten wird auf der Bühne in all seinen absurden, düsteren Nuancen dargestellt und der amoralische Charakter der wirtschaftskrisengebeutelten Gesellschaft prononciert.

Das Publikum ist das Publikum ist das Publikum. – In der Mitte des Saals die Bühne, die sich als kleine Manege entpuppt (Ausstattung: Ragna Heiny, Choreographie: Jasmin Rituper). Die Tänzer*innen verlustieren bereits im Raum, als der Einlass beginnt. Und dann scheint es fast so, als träfe man auf die Reinkarnation Milton Crandalls höchstpersönlich. Martin Brunnemann THE SWING THINGinstruiert als windiger Promoter Rocky seine Teilnehmer*innen, umgarnt sie ironisch-glattzüngig und motiviert gleichzeitig das Publikum. Vertreten übrigens durch das reale Publikum und gleichzeitig fiktiv auf eine Person reduziert, Mrs. Layden (eifrig-komisch Susanne Wende). Seine Anweisungen brüllt Rocky bevorzugt ins Mikro, das wunderbar hübsch vom Bühnenhimmel baumelt und sein energiegeladenes Herumsprinten in der Manege ermöglicht. Die Tänzer*innen als Beute des habgierigen Promoter-Raubtieres, deren Schicksal Mitleid evoziert. In einer Zeit der wirtschaftlichen Tristesse und allgegenwärtigen Armut werden sie von regelmäßigen kostenlosen Mahlzeiten und der Aussicht auf den großen beruflichen Durchbruch in Hollywood, mit denen das misanthropische Event wirbt, angelockt wie Ameisen von Süßigkeiten. Winnie Pooh von Honig. Oder die Verfasserin von Kuchen.

Gefühlt wurde für THE SWING THING das ganze Ensemble aufgeboten. Tatsächlich sind es vermutlich 9THE SWING THING0% (der Rest dürfte bei IM SITZEN LÄUFT ES SICH BESSER DAVON anzutreffen sein). Das Personenaufkommen in der jetzt doch recht kleinen Manege ist jedenfalls enorm; wider Erwarten macht das aber nichts, da es sich durchaus harmonisch verteilt. Zusätzlich offeriert das Stück ein wohlgenährtes Geschichten-Tableau, das es für das eifrige Zuschauerauge zu erkunden gilt. Aufmerksamkeit in den Publikumsreihen wird wohlwollend vergolten. Dem Wandel der einzelnen Figuren ist hautnah beizuwohnen. Es lohnt sich, Mimik und Gestik der verschiedenen AkteurTHE SWING THINGe*innen im Auge zu behalten. Eingangs noch froh und ambitioniert, hüpfen einige Tanz-Pärchen adrett ausstaffiert übermütig durch den Saal, werfen sich in lustige Posen und kokettieren allerliebst mit dem Publikum (komödiantisch mit amüsantem Seemanns-Gang Moritz Grabbe als Harry, Ute Hamm als quirlige Shirley, Nenad Subat als meistens seriöser Joel und überhaupt alle legen sich mächtig ins Zeug). Doch bereits nach mehreren Durchgängen schwindet diese Euphorie merklich; Frust setzt ein, Müdigkeit offenbart ihren wahren Charakter. In der nächsten Phase beginnen die einen oder anderen Teilnehmer*innen zu delirieren und Wahnvorstellungen zu entwickeln. Jetzt wird auch Rocky grob und die Hand rutscht aus. Am Ende steht das, nun ja, Ende.  Es gibt Opfer zu beklagen, doch die „Probleme“ werden diskret entsorgt. Was folgt ist eine salbungsvolle Motivationsrede des immer noch erstaunlich ekstatischen Promoters.

They shoot horses, don’t they? – Gelungen die Akzentuierung und Konkretisierung des Kriminalfalls, der sich als Horace McCoys roter Faden durch die absurde Tanzveranstaltung windet und die Handlung persistent in Spannung hält. Theatral werden die Brüche mit Blacks an den passenden Stellen und Spots auf die Angeklagten induziert. Die Stimme aus dem Off mahnt zur Explikation (eindringlich Magnus Pflüger). Intensive Momente, die der per se Schuldige (Matthias Hinz) pragmatisch beantwortet, indem er von Pferd Nelly mit dem gebrochenen Bein auf der Farm seines Großvaters berichtet. An dieser Stelle betrauert die Verfasserin die Eliminierung des in ihren Augen tatsächlich genialischen finalen Satzes des Original-Romans. Warum der Angeklagte sein Opfer ermordet habe? Im Gegensatz zu Luigi Lucheni im Libretto von ELISABETH hält McCoys Figur mit der offensichtlichen Wahrheit zurück und antwortet lieber freimütig und philosophisch-simpel: „They shoot horses, don’t they?“ (zu Dt. „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“). Eine wunderbar gelungene Analogie auf den absurden Derby-Charakter der pervertierten Tanz-Veranstaltung.

Dafür ist M. Hinz‘ Robert Syverton auf den Punkt geliefert. Pragmatisch und einfach reagiert seine Figur auf etwaige Probleme, während Tanzpartnerin Gloria Beatty (wunderbar leidend Yael Hahn) vor allem lamentiert. Und sich herrlich depressiv überlegt, wie sie am besten aus dieser Welt entfliehen könnte, die sie als sooooooooo unsagbar sinnlos empfindet (Stichwort: Marvin aus THE HITCHHIKER’S GUIDE TO THE GALAXY). Die Tänzer*innen sind an dieser Stelle bereits längst demoralisiert und schlurfen nur noch derangiert und müden Mini-Schrittes über das Parkett. UTHE SWING THINGmso strahlender die Live-Band (musikalische Leitung: Fabio Buccafusco; Fangting Deng, Malgorzata Szymecka) und ihre drei Sängerinnen (Bina Blumencron, Vera Pienz, Michaela Schmid) auf dem eigens dafür konzipierten Balkon. Auch nach knapp 2,5 Stunden Einsatz weisen sie noch keinerlei Ermüdungserscheinungen auf und lassen das glamouröse Flair des frühen 20. Jahrhunderts auferstehen, das im harschen Kontrast zum misanthropischen Tanzwettbewerb steht.

Milton Crandalls Tanz-Marathon lief übrigens exakt bis zum 20 Juni, 14:00 Uhr. Dann schaltete sich die Gesundheitsbehörde ein und schloss die Veranstaltung. Ob das nur ein weiterer PR-Stunt war, ist nicht geklärt. Zumindest wurde das versprochene Preisgeld von $ 5.000 zwischen den letzten acht Pärchen aufgeteilt.

 

Fotonachweis: Gregor Hofstätter // Schauspielhaus Salzburg

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