Battleground | Louise Lecavalier – Sommerszene 2017

Âventurischer Tanz um das Ich

Die SOMMERSZENE 2017 liefert mit Louise Lecavaliers kraftvoller Performance BATTLEGROUND einen beeindruckenden Festival-Auftakt. Der ließ vermutlich nicht nur massig Kalorien bei Protagonist*in purzeln, sondern macht auch Lust auf mehr.

Sommer und Salzburg stellt uns vor die Wahl: Festspiele oder kulturelle Langeweile? Zum Glück nicht. Mittlerweile hat sich aus der alternativen Kulturszene nämlich ein kompaktes Sommerprogramm entwickelt, das Unterhaltung mit Substanz bietet. Und ja, das funktioniert auch hervorragend abseits der Festspiele. Den Auftakt des wunderbar nonkonformistischen Salzburger Sommerprogramms liefert, Name verpflichtet, die Sommerszene.

Das International Performing Arts Festival startete 2017 mit Louise Lecavaliers BATTLEGROUND (Konzept und Choreographie: Louise Lecavalier, Performance: L. Lecavalier, Robert Abubo, Original- und Live-Musik: Antoine Berthiaume). Dafür macht sich die kanadische Star-Tänzerin auf die Suche nach Identitäts-Entwürfen. Inspiriert von Italo Calvinos Novelle ‚Der Ritter, den es nicht gab‘ und anderen Kunstfiguren voller aussichtslos hehrer Ideale kreierte L. Lecavalier ein konfrontatives Ich. Ganz in Schwarz gekleidet, begibt es sich auf die eigene Abenteuerreise.

© SZENE Salzburg / Bernhard Müller

Die ist dem Ritter, den es nicht gab, vermutlich ähnlicher als gedacht – und das durch eine glückliche Verkettung von Umständen. Die beginnt damit, dass Calvinos überspitzte Novelle mit dem ad absurdum geführten Rittertum so neu nicht ist, sondern an Heinrich von dem Türlins satirischen Artusroman ‚Diu Crône‘ aus dem 13. Jahrhundert erinnert. Erstaunlicherweise entspricht der Name der Künstlerin phonologisch beinahe vollständig dem altfranzösischen ‚Le Chevalier‘, einem Ritter, und setzt eine semantische Assoziationsflut in Bewegung. Chrétien de Troyes‘ ‚Yvain ou Le Chevalier au Lion‘ ließ Hartmann von Aue übrigens wenig später als Iwein auf seiner Aventiure verrennen – mit hehren Idealen vom ‚wahren‘ Rittertum im Gepäck. An dieser Stelle schließt sich der herrlich analoge Zufalls-Reigen, der tatsächlich nur dem Zufall gezollt ist – die weibliche Ritterin mit dem verkehrten Vokal schickt ihr konstruiertes Ich auf Âventiure – die zeitgenössisch tänzerische.

Zu lauten Klängen und satten Beats bewegt sich eine schwarze Kunstfigur durch den begrenzten Bühnenraum. Klare Linien konstituieren die Demarkierung – wie zu längst vergangenen Techno-Rhythmen zucken die Gliedmaßen im Takt, schwebt sie elegant und energetisch zugleich durch den Raum. Louise Lecavalier erhebt ihre hyper-wendige Figur zu einer transzendenten Vision, die sich in den nächsten Minuten selbst entmythologisiert. Arme, Hände, Beine und Füße, der Kopf und der ganze Körper zucken in einem anderen Takt und folgen neuen Tempi. Die Tänzerin scheint verschiedene Gefühlsstadien zu durchleben und trifft auf einen Schatten, der sich als ihr Partner (Robert Abubo) entpuppt. Die zwei selbstständigen Ichs tasten sich aneinander heran, fordern sich gegenseitig heraus oder motivieren sich – kurzzeitig verwandelt sich die Bühne in einen angedeuteten Boxring der zwischenmenschlichen Gefühle.

© Carl Lessard

Die Kunstfiguren ertanzen sich ihren Raum und ihre Gefühle nicht nur vertikal. Mit den eigenen physischen Möglichkeiten und gegen die Schwerkraft begeben sich L. Lecavalier und R. Abubo in die Horizontale. Die Wand wird zur zweiten Bühne, auf der die Ichs von einander davonlaufen oder sich wieder finden und ineinander verknotet winden. Die parodistischen Übersteigerungen sind omnipräsent. Durch überzeichnete Choreographien erhält die Performance einen heiteren Beiton, der zum Schmunzeln anregt und trotzdem jede Menge Interpretationsfreiraum lässt. Eine schwarze Tabula rasa als weiteres stimulierendes Paradoxon, die gerne und jederzeit beschrieben werden darf.

Immer dabei, die E-Gitarre  (Antoine Berthiaume) und das staunende Publikum. Visuell setzt BATTLEGROUND mit feinen Lichtnuancen und dezenten Farbvariationen Akzente. Die Bühne als Boxring, das Rot für große Gefühle – ein Pochen im Sound als Andeutung eines Herzschlags, der nahtlos ins Black übergeht. Das macht Lust auf mehr, es trifft sich also, dass Louise Lecavaliers BATTLEGROUND erst den Auftakt zur SOMMERSZENE 2017 bildete.

 

Fotonachweis: SZENE Salzburg / Bernhard Müller & Andre Cornellier & Carl Lessard

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