Hiob

Fromm, gottesfürchtig, ganz alltäglich und dann? – HIOB am Schauspielhaus Salzburg.

Gott hat bisweilen eine eigentümliche Art und Weise, seine Liebe kundzutun. Es scheint beinahe so, als würde er die, die er am meisten liebt, auch am härtesten prüfen. Hiob kann ein Lied davon singen. Es ist die Geschichte des gottesfürchtigen, treuen Mannes, der alles hat, was sich Mann in der Bibel so erträumen kann. Bis Gott sich von Satan einflüstern lässt, dass Hiob nur deshalb ein braver Diener vor dem Herrn sei, weil der Herr seine schützende Hand über ihn halte. Das kratzt (wie menschlich) am göttlichen Ego und Gott erklärt Hiob für vogelfrei.

Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude.

HIOB, das ist – Joseph Roth sei’s gedankt – aber auch die Geschichte des Mendel Singers. Mit Frau und drei Kindern führt der jüdische Lehrer ein bescheidenes, aber zufriedenes Leben in einem osteuropäischen Schtetl, bis sich die Tragödie des gottesfürchtigen Mannes an ihm entfaltet. Mit der Geburt des vierten Kindes wendet sich sein bescheidenes Glück. Menuchim wird krank geboren; gelbsüchtig, schwach, epileptisch und geistig unterentwickelt provoziert er erste Brüche im Familienverbund (großartig und berührend Moritz Grabbe als Menuchim). Die kranke und ungesunde Atmosphäre des bereits dem Untergang geweihten Schtetls manifestiert sich aber auch an der restlichen Kinderschar. Sobald die Mutter ihre schützenden Blicke abwendet (hervorragend Daniela Enzi), stürzt sich die wilde Schar auf den wehrlosen Bruder, tritt und prügelt auf ihn ein (gelungen grausam Yael Hahn, Martin Brunnemann, Sebastian Martin Rehm). Das Bühnenbild saugt die düstere Stimmung einer verlorenen Zeit auf und arbeitet dem Untergang des jüdischen Schtetls entgegen. Es ist eine kalte und von Pogromen bedrohte Welt, die Mendel Singer umgibt (in der jüdischen Religion und in sich ruhend Georg Reiter).

vlnr: Moritz Grabbe (Menuchim), Daniela Enzi (Deborah), Sebastian Martin Rehm (Schemarjah), Yael Hahn (Mirjam), Martin Brunnemann (Jonas), Georg Reiter (Mendel Singer)
vlnr: Moritz Grabbe (Menuchim), Daniela Enzi (Deborah), Sebastian Martin Rehm (Schemarjah), Yael Hahn (Mirjam), Martin Brunnemann (Jonas), Georg Reiter (Mendel Singer)

Ich mag diesen HIOB. – Es ist ein reduziertes, zurückgenommenes und unaufgeregtes Stück Sprechtheater, das Regisseur Rudolf Frey nach der Fassung von Koen Tachelet für Salzburg kreierte (Bühne: Vincent Mesnaritsch, Kostüme: Elke Gattinger). An bedeutenden Stellen wechselt die Perspektive und präzisiert den Blick für eindrückliche Momente. Die Zeit scheint einzufrieren und die Figuren treten aus dem aktuellen Diskurs, um verdichtend zu subsumieren. Stakkatisch und immer schneller, meistens sachlich nüchtern auf große Emotionen verzichtend, schildern sie die Handlung, die auf der Bühne stattfindet, ohne dort auch tatsächlich stattzufinden. Bilder werden in den Köpfen des Publikums eingepflanzt und erwachen zu neuem Leben.
Zwischendurch exzellentes Jonglieren mit Melodien und anderen klanglichen Elementen, die sich hervorragend in das Gesamtbild einfügen.

Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden seit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall. Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie Gutes künden.

Hat Gott einfach den längeren Atem? – Bald schleicht sich trotz der günstigen Prophezeiung des Zaddiks (Wunderrabbis) auch bei Mendels Familie die Hoffnungslosigkeit ein. Als der eine Sohn dem russischen Herr beitritt, der andere nach Amerika flieht, um eben nicht dem russischen Heer beizutreten und sich die Tochter zur Schickse wandelt, die mit Kosaken kokettiert, da kapituliert auch ein Mendel Singer. Auf nach Amerika. Ohne den jüngsten Sohn Menuchim, da für ihn die Versprechungen der Neuen Welt nicht gelten. Kranken ist die Einreise verboten. Doch ist in Amerika tatsächlich alles besser? Man ahnt es, Mendels Prüfungsserie ist noch nicht zu Ende.

Es sind die kleinen Details, die Freude bereiten. – Die Besetzung ist exzellent. Bei dem einen oder anderen verrutscht zwar des Öfteren die Kippa (ein Resultat gar zu lässiger Handhabung), er ignoriert es nonchalant, bei dem anderen oder einen sitzt sie tadellos, er adjustiert beständig nach.

Moritz Grabbe (Menuchim)
Moritz Grabbe (Menuchim)

Mit unglaublich eindringlichem Blick wiederholt M. Grabbe als Menuchim stoisch immer wieder die selben Ticks, ohne seine Figur dabei jemals der Lächerlichkeit preiszugeben. Mirjams spätere Verrücktheit wird von Y. Hahn kontinuierlich dezent angedeutet und unaufdringlich eingeflochten. Als ihre Erkrankung schließlich vollends ausbricht, enthüllt der Irrsinn seinen Sinn.
Auf gestalterischer Ebene besonders gelungen die Akzentuierung der zwei Welten: Das osteuropäische Schtetl trifft auf die Neue Welt, depressive Untergangstimmung begegnet einer hyperaktiven, lauten Sphäre. Wunderbar inszeniert mittels eines sich beinahe selbst destruierenden Bühnenbildes. Klug gewählt übrigens auch die textilen Diskontinuitäten zwischen Schtetl und Amerika, farbenfroh und schrill hält die neue Zeit Einzug und findet ihren Niederschlag auch im besonders euphorisch hibbeligen Gestus von Sam und Mac (S.M. Rehm und M. Brunnemann).

Nur Mendel hält persistent an den alten jüdischen Werten und Menuchim fest; bezeichnenderweise die einzige Figur ohne Kostümwechsel. Doch irgendwann ist selbst die Geduld eines Mendel Singers an ihrem Ende angelangt, ein emotioneller Augenblick. Gebrochen und wütend auf Gott entledigt er sich seiner Mütze und der restlichen Insignien des Judentums (auch eines imaginären Gebetsriemens). Die bereits fast komplett demontierte Bühne eignet sich hervorragend für eine kleine, vorgestellte Zündelei (und erweist sich als Stolperfalle während des Schlussapplauses).

Gott sagt: Ich habe Mendel Singer gestraft; wofür straft er, Gott?

Trotz gelungener Inszenierung sind es dann allerdings auch just die kleinen erzählerischen Finessen, an denen Anstoß genommen werden kann. In welchem Ausmaß ist dabei ganz vom Temperament und der Verfassung der jeweiligen Besucher*innen abhängig. Es mutet allerdings tatsächlich etwas seltsam an, wenn – ganz vorlagentreu – die schwarze Schönheit der langhaarigen Mirjam wiederholt sprachlich emphatisiert wird, während Mirjam blond und mit halblangem Haar die Hüften wiegend im Raum steht. Das gelbe Element ihres Schals findet sich lediglich versteckt am Rock wieder. Warum eigentlich? Vielleicht ist es ein Regie-Trick, der eine kleine Entfremdung suggerieren soll. Brecht wird es danken, aber die Brechung von akustisch Dargebotenem und visuell Missendem erweist sich in HIOB bisweilen als befremdlich.

Roth wollte dem Leiden einen Sinn verleihen. Während der Pessach-Feierlichkeiten taucht deshalb plötzlich der verlorene Sohn Menuchim auf. Es ist diese intensive Szene zwischen Vater und verlorenem Sohn, die einen versöhnlichen Ausgang für Mendel Singer ermöglicht. Und auch für besonders empathische Zuschauer*innen.

Mendel schlief ein. Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe des Wunders.

 

NB: Eine Frage bleibt, zumindest für die Verfasserin dieser Zeilen. Menuchims Lied – ihr persönliches und ewiges Mysterium. Wie es wohl klingen mag? Sie denkt an Zbigniew Preisners „Song for the Unification of Europe“, gerne aber ein Teil aus Carmina Burana. 😉

Fotonachweis: Jan Friese // Schauspielhaus Salzburg

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