Fuge – Toihaus Salzburg

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Die FUGE fühlt sich am Toihaus in Salzburg sichtlich wohl.

Neulich im Fernsehen, da lernte ich, dass es Fugen nicht nur in gefliesten Räumlichkeiten, auf gepflasterten Wegen oder an Herdplatten gibt. Nein. Fugen, das sind auch diese überaus nützlichen Einsätze, die man (oder in dem Fall: Handwerker*innen) bei Rissen in Wänden anbringen kann. Natürlich auf beiden Seiten, denn dann arbeitet das Mauerwerk zwar weiter, aber ohne die Wand mit zusätzlichen Rissen zu beschädigen. – Da sage also noch eine*r, dass Fernsehen nicht bilde… 😉
Und dann gibt es noch die Fuge im musikalischen Bereich. Jede*r kennt die von Bach. Oder die von Händel. Oder die von beiden.

Seit Kurzem gibt es aber auch eine FUGE im Toihaus in Salzburg. Und nein, es zieht sich kein gigantischer Riss durch das Gebäude (zumindest nicht, dass ich wüsste). Vielmehr steht Cornelia Böhnisch als Frontfrau im Fokus des fugenlastigen Abends. Gemeinsam mit Simon Schäfer übrigens, der sich allerdings mit seinen zeitgenössischen Musikinstrumenten für die prächtigen Klangräume verantwortlich zeichnet und von daher meistens pendelt. Denn ganz wie die musikalische Analogie wird die FUGE polyphon variiert. Die von C. Böhnisch fuge_4ausgedrückten fließenden Bewegungen greift S. Schäfer akustisch auf und verwandelt sie in eigene skulpturale Klangkonstrukte. Oder greift szenisch ein, solange es seine instrumentale Verantwortung zulässt. Auch Gudrun Raber-Plaichinger, Yoko Yagihara und Pascale Staudenbauer oszillieren zu Fugenmaterial. Die einen mit ihren Instrumenten, die andere mit ihrem Körper (Komponist & DJ: Hüseyin Evirgen, choreographischen Assoziationsnetze: Katharina Schrott, Wortmeldungen & Co: Georg Hobmeier, Technik & Licht: Alexander Breitner, Robert Schmidjell).

Vom Fügen der FUGE

Das Resultat ist verblüffend und imposant. Dazu trägt das in Grautönen gehaltene Interieur bei. fuge_11Das gemahnt an den Bau-Charakter der Fuge: Arbeits-, Dehn-, Sollriss- oder doch eher Funktionsfuge?! Die musikalischen und gestischen Fugen wandeln und strömen lieber zwischen Ausstattungsfugen und Lichtfugen. Währenddessen fließt die musikalische Note persistent ein.  Einerseits verweilt sie mit den Klangwelten von Simon Schäfer im Hier und Jetzt oder erscheint als Gruß aus der Zukunft. Andererseits ist da aber auch noch die ältere Note längst vergangener Komponisten, die durch klassische Klavier- und Geigenklänge wieder aufleben (Y. Yagihara, G. Raber-Plaichinger). Eine Wiedergeburt sozusagen. Das Alte steht im engen Verbund mit dem Neuen. Das verleiht der FUGE eine futuristische Note, akzentuiert durch die omnipräsenten Grautöne und das kulturelle Gedächtnis, das emsig Assoziationen evoziert. fuge_16Dabei orientiert sich der Aufbau der FUGE durchaus am gängigen musikalischen Prinzip. Die polyphone Variation wird mit aller Raffinesse zelebriert und verbindet sämtliche Bereiche, die in das Gesamtkunstwerk einfließen.

Ganz Bange möchte einem – oder ja, einer – am Ende übrigens um die elektrische Violine auf der Bühne werden. Die erlebt an diesem Abend nämlich so einiges.
Nach einem fulminanten Höhepunkt, für den vorsichtshalber auch extra Ohrstöpsel verteilt wurden, folgt die Schlusskadenz des imposant barock-futuristischen Ereignisses. Dafür werden die zuvor noch gehissten und entkleideten grauen Fahnen neu drapiert, einmal mehr Position bezogen, in die elektronischen Klänge mischen sich wieder die barocken Fugentöne und jetzt schwingt Pascale Staudenbauer die Fahne. Diesmal eine Kleine. Dann Schwarz. Ein ziemlich würdiger Abschluss einer ganz neuen und höchst individuellen FUGE. – Da sage also noch eine*r, dass Kunst nicht bilde… 😉

 

Fotonachweis: Toihaus Salzburg

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