Der Junge mit dem Koffer – Schauspielhaus Salzburg

Liebe Mama, lieber Papa…

Naz‘ abenteuerlicher Flucht vor Krieg und Terror in das scheinbar „gelobte“ Europa aus Mike Kennys DER JUNGE MIT DEM KOFFER kann zur Zeit am Schauspielhaus Salzburg beigewohnt werden. Nicht verpassen!

Ich traf Armin in England. Armin war der unbegleitete minderjährige Flüchtling mit den blauesten Augen und den dichtesten Wimpern, die ich jemals gesehen hatte. (Und eigentlich war auch nicht sicher, ob er wirklich Armin heißt und 16 Jahre alt ist). Gleichzeitig waren es die Augen eines Greises, die mich unendlich resigniert anblickten, als uns das County Council Social Services Department einander vorstellte. Ein Tag voller Unbeschwertheit sollte es für ihn werden; gegönnt dem unbegleiteten Minderjährigen, den die englischen Behörden kurze Zeit davor versteckt auf der Ladefläche eines LKWs aufgegriffen hatten. So erzählte es mir mein Supervisor. Ich wagte nicht, Armin danach zu fragen. Ich wollte weder neugierig erscheinen (und war es natürlich trotzdem) noch ein Traumata verschlimmern. Bemüht unbeschwert traf ich mich deshalb mit meinem Schützling für wenige Stunden, der allerdings so richtig auftaute, als wir in seinen Tag starteten. Nur die alten Augen, die blieben.

Armin war vorgestern. Und das fand statt, als sich die Flüchtlingsströme noch unbemerkt quer durch Europa zogen und das Thema medial noch nicht omnipräsent schien. Mike Kenny schrieb sein Jugendstück gestern. Das war danach und ist heute aktueller denn je.

Das Vorgestern trifft das Gestern und das Heute.

DER JUNGE MIT DEM KOFFER ist die berührende Geschichte von Naz, den der Terror in der eigenen Heimat sprichwörtlich aus seiner Familie reißt. Alleine muss er die lange und beschwerliche Reise zu seinem älteren Bruder nach London antreten. Denn der schrieb ihnen einst eine Postkarte; in England, so der große Bruder, erwarte sie das Paradies. Die Menschen seien immer freundlich, Milch und Honig fließen in Strömen und Arbeit gebe es für jeden, der wolle. Naz startet optimistisch in ein Abenteuer, das ihn durch die Wüste, über das Gebirge und das weite Meer führt. Es sind die Geschichten von Sindbad dem Seefahrer, die ihm sein Vater früher vor dem Einschlafen erzählte, und die dem Jungen auf seiner beschwerlichen Odyssee immer wieder neue Kräfte verleihen.

Eine unglaubliche Reise.

Es ist bekannt, dass sich die Sparte „Junges Publikum“ am Schauspielhaus gerne auch ernsteren Themen annimmt. Mit Christoph Batscheiders Inszenierung von DER JUNGE MIT DEM KOFFER lässt sich eine weitere Produktion in diese Erfolgsserie einreihen (Kostüm: Elke Gattinger, Bühne: Vincent Mesnaritsch). Dafür wurde das Bühnenbild aus DANTONS TOD entsprechend „gepimpt“ – oder medial erweitert. Eine große Leinwand beschert Naz‘ Geschichte und seinem beschwerlichen Weg eine zusätzliche Ausdrucksform. Auf einem zerknüllten Papier erblicken animierte Strichlandschaften das Licht der Welt. Sie bereichern das Bühnenbild ohne weitere Ausstattung und verleihen dem Erlebten gleichzeitig eine eindrückliche Note.

Ein harmonisches Familienidyll bildet den sanften Einstieg in Naz‘ schwieriges Abenteuer. Die Welt ist fremd, was durch orientalisch anmutende Pumphosen und ein von der Familie gesummtes Motiv akzentuiert wird. Gleichzeitig bittet der kindliche, aufgeweckte Naz (Jonas Breitstadt) den liebevollen Vater (Moritz Grabbe) um eine Geschichte, während sich die Mutter (Ute Hamm) fröhlich in das Geplänkel einmischt. Alles normal? Mitnichten. Denn kurz darauf ändert sich die Stimmung drastisch. Der Junge mit dem Koffer: Ute Hamm, Moritz Grabbe, Jonas BreitstadtWieder setzte der Regisseur vor allem auf die Musik und ihre variablen Rhythmen als Botin, die auf das drohende Unheil leitmotivisch vorausweist. Eine Tendenz, die sich als roter Faden etabliert; allerdings nicht immer mittels sanft angestimmter arabisch klingender Summtöne (melodisch M. Grabbe), sondern jetzt werden härtere Maßnahmen eingesetzt. Es sind Schlaginstrumenten, die die verschiedenen Szenen und ihre -wechsel begleiten (meistens Nico Raschner hinter der multiplen akustischen Auswahl). Das erweist sich als klug, denn das musikalische Medium schlägt gleichzeitig eine Brücke zu der (großenteils) adoleszenten Zuschauerschaft. Auch der Rest goutiert das Verfahren. Zumindest bis zu dem Augenblickt, als beinahe das Trommelfell explodiert, weil der unheilbringender Sturm nach harschen Tönen verlangt. Und N. Raschner legt sich dafür wirklich mit aller Inbrunst ins Zeug, ins SCHLAGzeug.

Ein Junge, ein Koffer, ein Mädchen und …

J. Breitstadts Naz entpuppt sich rasch als Erzähler seiner eigenen Geschichte und verleiht ihr gerade dadurch eine sehr persönliche und einfühlsame Note. Er oszilliert zum Mittler, der immer wieder kleine Pausen einlegt und die Welt um sich erstarren lässt. Das sind u.a. auch die Augenblicke, in denen er vokale Postkarten nach Hause verfasst. Seine Grüße aus der Ferne erinnern an Pollyanna: Auch Naz ist ein ewiger Optimist, der alle noch so widrigen Umstände positiv interpretiert und sich gerade dadurch seine kindliche Naivität über weite Strecken zu bewahren vermag. Die Veränderung, die zwangsweise irgendwann eintreten musste, erscheint dafür umsoDer Junge mit dem Koffer: Lukas Bischof, Magdalena Oettl, Jonas Breitstadt gravierender. Es sind diese Momente, in denen sich die absolute Dunkelheit über dem Publikum als Segen erweist. Dann bemerkt auch niemand das Brennen in den eigenen Augen, als der nunmehr veränderte Naz auf die tot geglaubte Krysia trifft.
Krysia (sehr gelungen und hoffentlich ohne allzu viele blaue Flecken Magdalena Oettl) ist das Mädchen, das Naz auf seiner Flucht trifft und das ihm anfangs nur mit Ablehnung begegnet. Widerspenstig, ewig zweifelnd und mit zynischer Zunge beleidigt sie Naz‘ immerfort; was allerdings nur die jugendlichen Zuseher*innen hörbar empört, dDer Junge mit dem Koffer: Jonas Breitstadt, Magdalena Oettlenn Naz wahrt sein freundliches Gemüt und ignoriert ihre verbalen Attacken. Da es sich zu Zweit leichter reist, vertraut Krysia irgendwann Naz in rudimentären Zügen ihre traumatische Vergangenheit an. Die wird zwar nicht ausgesprochen, aber das Unausgesprochene tönt ohnehin viel lauter und nachdrücklicher. Es sind Naz‘ Erzählungen aus 1001 Nacht und von Sindbad, die die beiden immer wieder retten und zusammenschweißen. (Auch die Bibel ward vernommen – es lacht das Herz derjenigen, die bereits zahlreiche Bibelstellen rezipieren, sezieren und zitieren durfte. Danke für dieses Erfolgserlebnis eines post-universitären Lebens).

Reaktionen und Emotionen

Höchst unliebsame Zeitgenossen kreuzen auf der langen, turbulenten Reise immer wieder die Wege der zwei jungen Menschen. Lukas Bischof schlüpft abwechselnd in einige – ok, das Gros – dieser Rollen und überzeugt die anwesenden Schüler*innen vor allem als Pädophiler. Der halbe Raum schreit unisono entsetzt und angewidert auf, als er sich als stereotyper Widerling an die beiden Ahnungslosen heranpirscht. Bei Ute Hamms schlagkräftigen Argumenten, es fliegen die Fäuste und Knie, die sich gegen den Angreifer richten, johlt es dann allerdings. Tatsächlich ist ein lautes, triumphierendes „Frauenpower!“ zu vernehmen. Der Junge mit dem Koffer: Jonas Breitstadt, Lukas Bischof, Ute HammAls L. Bischof als Uniformierter Krysia erstaunlich „echt“ an den Haaren aus dem Bus zerrt, ist es ein „was geht mit dir, Alter?“, das zornig auf die Bühne gerufen wird. Diese Publikumsreaktionen erweisen sich alsbald als ziemlich gelungene Unterhaltung für die, die irgendwo daneben sitzt und eine großarrtige Bestätigung für die Schauspieler*innen auf der Bühne.

Dass der Autor Sindbads Abenteuer als Chiffre für Naz‘ Flucht wählte, scheint schlüssig. Denn nur indem Naz das beschwerliche und strapaziöse Aufbrechen in eine ungewisse Zukunft als Abenteuer begreift, ist es möglich, sein kindliches Naturell, seine Naivität und damit sein Innerstes zu schützen. Erst als der Junge in London auf die tatsächliche Realität trifft (nichts da mit Milch und Honig und ewiger Glückseligkeit und so), verblasst auch der Abenteuer-Charakter zusehends.

DER JUNGE MIT DEM KOFFER am Salzburger Schauspielhaus ist eine absolut gelungene Interpretation eines schwierigen Themas. Dem jungen Publikum (und nicht nur dem!) wird Flucht und Verfolgung auf eindrückliche und einfühlsame Weise näher gebracht. Es warten spannende Theaterminuten, die zum Nach- und Umdenken anregen.

 

Fotonachweis: Jan Friese // Schauspielhaus Salzburg

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