AKOREACRO: Dans ton coeur

Dans ton coeur | Cie Akoreacro – Winterfest

Spiel mir das Lied vom Circus.

Wiedergänger auf dem Winterfest. Die französische Compagnie Akoreacro verschlägt es bereits zum dritten Mal nach Salzburg. Warum das ein Grund zum Feiern ist? Eindrucksvolle Akrobatik, pfiffige Choreografien und eigene Live-Band liegen in der Luft.

„Irgendwann schmeiße ich alles hin und… “ Nein, werde nicht Prinzessin, sondern „brenne mit dem Zirkus durch!“. Das war mein voller Ernst. Zumindest das Durchbrennen und der Zirkus-Part. Ich war acht Jahre alt und schmollte auf der Rückbank des Autos. Es war nicht so, als wäre ich physisch sonderlich begabt gewesen. Im Gegenteil. Meine Paradedisziplin war Auf-Bäume-Klettern. Dafür gab es keine Preise. Aber ich hatte im Kinderblatt der Zeitung schon oft genug Eintrittskarten für den Zirkus gewonnen, um von der Zirkus-Atmosphäre angefixt zu sein und genug Abenteuerromane gelesen, um diesen Plan zu fassen.

Natürlich kam es nie dazu. Aber jedes Jahr pünktlich zur Vorweihnachtszeit werde ich nostalgisch und denke daran zurück. AKOREACRODenn Weihnachten ist in Salzburg neben Christkindlmarkt, Glühwein und manchmal, spät abends über tiefverschneite Stadtstraßen Knirschen eben auch Winterfest-Zeit. Ganze sechs Wochen schlägt das Festival seine Zelte in der Mozartstadt auf und bringt den Zirkuszauber an die Salzach. Dem zu widerstehen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Toi, toi, toi & break a leg

Schon gewusst, Zirkuskünstler sind ähnlich abergläubisch wie die schauspielende Zunft. Absolutes No-go, im Zelt einen Schirm aufzuspannen oder mit dem Rücken gegen das Zentrum zu sitzen. David Dimitri, seit diesem Jahr künstlerischer Leiter des Winterfest, plaudert munter aus dem Nähkästchen, während sich die Akrobaten*in des Cie Akoreacro aufwärmen.

Die elfköpfige Compagnie entstand aus der Idee von vier Zirkusschülern, die sich während ihrer Ausbildung kennenlernten, erzählt Claire Aldaya. Sie ist immer noch die einzige Frau im Akrobatenteam und bildet gemeinsam mit den drei anderen das Herz der Truppe. Akoreacro, das ist der Link zwischen traditionellem Zirkus und Nouveau Cirque. Bereits zum dritten Mal schlägt die Compagnie ihre Zelte im Volksgarten auf. Wobei man hier eigentlich im Singular sprechen und nicht mit Exorbitanz geizen sollte. Denn das Zelt, in dem DANS TON COEUR stattfindet, ist selbst eingepackt und aus Frankreich herangekarrt worden. Nebst 20 Erwachsenen, 7 Kindern, 2 Hunden und 1 Huhn. Kann was und ja, die Magie von Zirkus liegt definitiv in der Luft.

L’amour und le magie und so

Die Inszenierung von Cie Akoreacro zielt mit DANS TON COEUR sprichwörtlich mitten ins Herz (Inszenierung: Pierre Guillois, Choreografie: Roberto Olivan). Es ist die Geschichte eines Paares, vom ersten Kennenlernen über Job, Alltag, Affäre und Versöhnung. So weit, so banal. AKOREACRO: Dans ton coeurAkoreacro erzählt den Plot allerdings ohne Worte. Nur mittels eindrucksvoller Akrobatik, pfiffigen Choreografien und musikalischer Live-Untermalung, die gerne in luftiger Höhe stattfindet oder sich mit Taucherflossen liegend und mit selbst komponierten Melodien im Gepäck über die Bühne schiebt. Chapeau.

Tatsächlich ist das Programm ein Kaleidoskop an Impressionen. Immer wieder drängen sich Analogien zu bekannten Choreografien auf. SINGIN‘ IN THE RAIN und die WEST SIDE STORY stehen omnipräsent im Raum, wenn sich Männer in Bomberjacken an die einzige Frau (Claire Aldaya) heranpirschen. Nicht immer gewollt. Hier trifft #metoo auf Liebesszene. Während die einen schmachten, jagen die anderen durch den Raum. Die Inszenierung legt den Finger in die Wunde. Es herrscht kein eitler Sonnenschein, sondern gesellschaftskritische Topoi werden subtil thematisiert.

Serious Circus-Business

Gleichzeitig wird Frauenpower praktiziert. Das ist die Stunde von KICK-ASS, die nächste cineastische Reminiszenz. Wie Hit-Girl im Film sagt auch die starke Frau in der Manege den Männern in Superheldinnen-Pose den Kampf an. AKOREACRO: Dans ton coeurMarvel-Comics erwachen bei Akoreacro zu Leben. Humorig die Szene, als der letzte Mann mitten in seiner Attacke kapituliert und sang- und klanglos mit dem Boden verschmilzt.

Überhaupt wird in DANS TON COEUR tief in der Slapstick-Kiste gegriffen, ohne dabei jemals zu aufdringlich zu sein. Genauso nuanciert zeigt sich das akrobatische Können der Truppe. In jeder Szene präsent, punktet es mit körperlicher Präzision statt leerem Schein. Mit eminenter Eleganz. Wunderbar die Versöhnung des Pärchens, bei der die Akrobaten*in durch die Luft fliegen, dass einer beim bloßen Zusehen die Nackenstarre befallen könnte. Hier wirbelt ein Körper, gegenüber wartet bereits der nächste Slapstick-Moment à la Charlie Chaplin.AKOREACRO: Dans ton coeur Das Angebot ist reichhaltig, die Zeit viel zu knapp.

Lucky Luke Reloaded

Weil selbst eine erfahrene Truppe wie Cie Akoreacro nur mit Wasser kocht, kann eben doch auch etwas schief gehen. Das Erstaunliche, es fällt kaum auf. Die Künstler*in sind als echte Compagnie und Zirkusfamilie so eingespielt und mental ausbalanciert, das Fauxpas locker überspielt werden und im allgemeinen Manegen-Potpourri untergehen. Dem fällt mitunter auch so mancher Plot-Twist zum Opfer. Da hilft nur eins. Noch einmal ansehen und aus neuer Perspektive betrachten.

DANS TON COEUR ist eine Story mit tausend Gesichtern. Egal ob Mann in der Waschmaschine (erstaunlich faltfähig, Antonio Segura Lizan), Mann mit riesigem Hola Hoop (erstaunlich schleuderfähig, Basile Narcy) oder Mann der als Frau mit „Frozen“-Elsa-Perücke wiederkehrt (erstaunlich kopfüberfähig, Maxime La Sala). Und dann stellt es sich auch verlässlich wieder ein. Dieses Gefühl von früher. Von Kindheit, Lebenslust und mit dem Zirkus-durchbrennen-Wollen. Vielleicht klappt es ja noch. Sachen gepackt und ab in den Sonnenuntergang. Wie Lucky Luke, nur an der Trapezstange.

 

Fotonachweis: Szenenbilder (c) Erika Mayer

Schnäppchenjäger, Schatzsucher & Flohmarkt-Fans aufgepasst. Am 15.12. veranstaltet das Winterfest im Foyer einen Pop-up Flohmarkt. Feine Sache. Könnte man sich ansehen. 😉

 

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