Der Kirschgarten

Bei der Hinfahrt beinahe 3x an Suizid-Mücken verschluckt, zurück in einen ewig langen Umzug mit lustig gekleideten und zum Großteil männlichen Beteiligten geraten, die in ihren jeweiligen Landestrachten durch die Stadt flanierten. (Ist Salzburg überhaupt groß genug, sie alle fassen zu können? Anscheinend). Dazwischen Anton Tschechows DER KIRSCHGARTEN.

The grass is always greener on the other side und die ewig besser schmeckenden Kirschen aus Nachbars Garten?

Mitnichten. Das wäre vielmehr ein an den Haaren herbeigezogener Einstieg, selbst wenn das Thema „Kirschen“ ein omnipräsentes darstellt. Zumindest steht und fällt in Tschechows Komödie so ziemlich alles mit diesem einen Kirschgarten, der in seiner Herrlichkeit nur schwer zu überbieten scheint. In voller Pracht und Blüte stehend, wird dieses irdische Paradies zum Signum einer längst vergangenen Zeit; sein Schicksal verweist symbolisch auf die gesellschaftliche Umstrukturierung in der russischen Gesellschaft.

Ljubow Andrejewna Ranjawskaja kommt nach Jahren der Abwesenheit gemeinsam mit ihrer Tochter zurück auf ihr Anwesen, das kurz vor der Versteigerung steht. Die ganze Tragweite des Problems scheint sich ihr aber noch nicht gänzlich zu erschließen; halbherzig sind deshalb die Versuche gemeinsam mit dem Bruder den Verkauf zu verhindern. Die wohlmeinenden Ratschläge von Lopachin, dem Sohn ihres ehemaligen Leibeigenen, der bereits zum aufstrebenden Bürgertum gehört und ungehörig erfolgreich ist, werden bestenfalls belächelt und in den Wind geschlagen. Das Tschechow die gesellschaftlichen Veränderungen goutiert, tritt alsbald an seinen Figuren zu Tage und erklärt dann auch, warum „Der Kirschgarten“ – bei all seiner Tragik und schier unendlich währenden Melancholie – tatsächlich eine Komödie ist.

Das Schauspielhaus bietet für das Stück (Regie: Esther Muschol) gefühlt beinahe sein ganzes Ensemble auf und begeistert mit zahlreichen kleinen Details. Hervorragend Daniela Enzi als oberflächliche, bisweilen dünkelhafte Adelige Ljubow Andrejewna, die in der Gegenwart nur noch auf ihre Abkunft verweisen kann; kindlich euphorisch steht sie in den ehemaligen Räumen ihrer Kindheit und saugt staunend das Ambiente längst vergangener Tage auf. Ähnlich grandios ihr ewig plappernder und Geschichten erzählender Bruder Leonid Andrejewitsch Gajew (Antony Connor). Gemeinsam leben sie von einer Vergangenheit, deren Verlust sie ausgiebig betrauern und nach der sie sich melancholisch verzerren. Die tragische Komik eines Adels, der sich selbst dimittiert, gipfelt in einer salbungsvollen, emotionalen Rede Leonids zu Ehren des 100jährigen Jubiläum eines… Schrankes. Richtig gehört. Eines schnöden Schrankes. Emotional höchst bewegt fällt es Leonid dabei sichtlich schwer, seine Contenance zu wahren. (Dem Publikum übrigens auch). Tränen fließen. (Traurige vermutlich nur auf der Bühne). Die Szene ist traurig komisch und demonstriert gleichzeitig recht anschaulich, wie sich diese russische „Komödie“ konstituiert, nach welchen Prinzipien sie funktioniert. Das Bild, das von den Adeligen gezeichnet wird, ist alles andere als schmeichelhaft und schreit nach Veränderung. Tatsächlich ist es der Geldmangel, der Ljubow Andrejewna zur Rückkehr auf ihr altes Anwesen zwingt, den jetzt idealisierten Hort von Kindheit und Jugend. Dieses kleine, unvermutete Elysium hat sie übrigens vor Jahren, nach dem plötzlichen Tod von Mann und Sohn, für ihren Geliebten verlassen, der sie relativ unromantisch in Frankreich um ihr Vermögen brachte. Lebensunfähigkeit ist es, die das vornehme Geschlecht in „Der Kirschgarten“ vor allem auszeichnet und die durch E. Muschol eindrucksvoll inszeniert wird.

Das absolute Gegenteil davon: Lopachin (Martin Brunnemann mit hübsch rollendem „r“ bei der Intonation der russischen Namen – das kann man sich übrigens auch wunderbar selbst antrainieren, wie Freundin J. und die Verfasserin als Kinder unter Beweis stellten. Stundenlanges Training mit den unmöglichsten Methoden ermöglichen ihnen deshalb auch heute noch, falls gewünscht, die Aussprache eines perfekt rollenden Konsonanten ^_^), der Sohn eines ehemaliger Leibeigenen der Familie. An ihm manifestiert sich genauso stereotyp der Umschwung seiner Zeit. Unvermutet wohlsituiert, wird der fleißige Bauernsohn zu einer erstrebenswerten Partie, dem Ljubow Andrejewna sogar ihre Pflegetochter anvertrauen würde (sittsam, streng und trotz jungen Jahren bereits resigniert: Christiane Warnecke als Warja). Doch die scheint dem bäuerlichen Bürger dann doch zu ähnlich, auch wenn sie ihm zugeneigt ist. Er schafft es nicht, die entsprechenden Worte an sie zu richten. Die verbale Tollpatschigkeit in Bezug auf Warja verleiht Lopachin etwas Rührendes, treibt aber gleichzeitig die Verfasserin und Freundin B. fast in den theatralen Wahnsinn. Happy End wo bist du, wenn der Autor die Figur zum Schweigen verdammt? Vielleicht ist die soziale Inkompetenz auch die Folge seines fulminanten Aufstiegs. Der Leistungswille Lopachins kommt in seinem hektischen Wesen zum Ausdruck; immer in Eile rät er wiederholt zur Abholzung des Kirschgartens, um darauf Ferienhäuser zu errichten. Der Adel empfindet dieses Verhalten als rabiat und reagiert entsprechend konsterniert. Am Ende beweist er natürlich das bessere Gespür; diese neuen Bürger, alle Lopachins da draußen, sind schließlich die aufstrebende Zukunft ihres Landes. Von seinem eigenen Erfolg scheint der Kaufmann schlussendlich selbst am meisten überrascht. Das wiederum rührt erneut. Bei allem Erfolg kann das neue Bürgertum seine alte Unsicherheit und generationsübergreifenden Verhaltensmuster also doch noch nicht gänzlich ablegen.

Als Zwischenfigur zwischen beiden Extremen fungiert Anja (Kristina Kahlert erfrischend natürlich). Ihre Darstellung ist herzlich und geistig noch nicht in alten Rollenbildern verhaftet. Neuen Tendenzen aufgeschlossen, verbündet sich Anja alsbald mit dem ewigen Studenten (Nenad Subat ganz „studentisch“) und seinen modernen Idealen. Wunderbar übrigens vor allem Firs (optisch gealtert und großartig Olaf Salzer), der uralte Lakai der Familie, der den Zenit seiner Zeit längst überschritten hat und eigentlich noch im Vorgestern beheimatet ist. First sehnt sich nach der Leibeigenschaft und betrauert die zahlreichen Freiheiten, die das Personal heutzutage so besitzt. Es ist schwer, dabei nicht zu schmunzeln. Es erscheint dann übrigens auch ganz passend, das bei dem Aufbruch in die Zukunft dieser Vertreter des Vorgesterns vergessen zurückbleibt.

Das komisch-traurige Element, das dem „Kirschgarten“ seinen ganz eigenen Charakter verleiht, ist auch an der Figur des stets fröhlich lächelnden Buchhalters Ssemjon Pantelejewitsch Epichodow (großartig gut gelaunt Theo Helm) zu erkennen, einem immer liebenswerten Pechvogel. Epichodow lässt sich selbst noch heiter gestimmt seine Angebetete Dunjascha (amüsant Magdalena Oettl) vor der Nase von Jascha (Lukas Möschl als junger, sehr junger, und schnöseliger Lakai) ausspannen.

Auf einem – aus Publikumssicht – ähnlich unterhaltsamen Weg befindet sich Gouvernante Scharlotta Iwanowna (Alexandra Sagurna), die nur mittels diverser aufregender Kunststücke zu Aufmerksamkeit und Beachtung findet. Übrigens, gar allerliebst der imaginäre Hund, den A. Sagurna köstlich an einer erstarrten Leine spazieren führt. Wobei das nicht das einzig liebevoll gestaltete Detail ist, das Aufmerksamkeit erregt. Primär werden die verschiedenen aufeinanderprallenden Ideologien – das Vorgestern, Gestern, Heute und die Zukunft – auch anhand von gelungenem Bühnenbild und Kostüm aufgegriffen und intensiviert (Ausstattung: Georg Lindorfer, Kostüme: Elke Gattinger). Dafür wurde sich eine gewisse Zeitlosigkeit des Stoffes zunutze gemacht, die nach Bedarf intensiviert oder reduziert werden kann.

Der Kirschgarten als Symbol für ein System, dessen Ablaufdatum bereits überschritten wurde und das in eine neue Ricthung strebt. Das Ende ist entsprechend düster, melancholisch, kann aber einer gewissen Komik tatsächlich nicht entbehren. Der Schlussapplaus am Premierenabend ist alles andere als verhalten. (Offenbar teilweise mit eigenem Fanclub). Und das ist, denke ich, redlich verdient.

Fotonachweis: Jan Friese | Blowup

NB Allgemein: Ich bin immer noch furchtbar fasziniert, wie locker flockig die russischen Namen ohne Verhaspeln an diesem Abend von den Lippen der DarstellerInnen flossen. Chapeau.

NB in eigener Sache: An die Dame neben mir: Nägelbeißen ist unangenehm. Nicht nur für die eigenen Finger, die mit Sicherheit darunter leiden, nein, auch für die Person neben Ihnen, die sich dank eines exzellenten Gehörs in ihrem Sessel winden durfte. Mit Freude hat sie allerdings zur Kenntnis genommen, dass die Nägelbeißerei im zweiten Teil des Theaterstücks abnahm. Vielen Dank dafür an dieser Stelle. Beim nächsten Mal klappt es dann sicher auch ganz ohne Daumen im Mund.

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