FahrAwaY Ballett

Zirkus FahrAwaY – Winterfest Salzburg

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wo Zirkus FahrAwaY am Werk ist, die Paletten. Das etwas andere Schweizer „Ballett“ zu Gast beim Winterfest.

Vorweihnachtszeit in Salzburg ist Winterfestzeit. Das Festival für zeitgenössische Kunst findet heuer bereits zum 21. Mal statt – und ist fixer Bestandteil des Kulturgeschehens. Wann bitte sonst hat Salzburger:in die Chance, so viel Circus-Luft zu schnuppern und aus Compagnien aus aller Welt zu wählen. Die schlagen im Volksgarten ihre Zelte auf und befinden sich damit auch noch quasi vor der eigenen Haustüre. Gut, das mit der ganzen Welt trifft bei FahrAwaY dann vermutlich doch nicht so ganz zu. Immerhin stammt die Compagnie, die die 21. Edition des Festivals mit ihrem Programm „Ballett“ eröffnete, aber aus einem Nicht-EU-Land. Okay, aus der Schweiz – aber international ist der bunte Haufen trotzdem und unterhält das Publikum mit seiner verrückten Andersartigkeit.

Artistik verschmilzt mit Handwerk

Auch wenn Circus FahrAwaY mit „Ballett“ in Salzburg premierte, Tutu und sterbender Schwan warten vergeblich auf ihren großen Auftritt. Stattdessen entpuppt sich die Schweizer Truppe als Do-it-Yourself gute Laune Compagnie mit professionellen MacGyver Skills. Die akustische Untermalung der Show? In Eigenregie. Die Ausstattung? In Eigenregie. Die Choreografie? Natürlich auch in Eigenregie und von den Instrumenten fangen wir erst gar nicht an. Weil, die sind selbstredend ebenfalls zusammengebastelt oder gezimmert, geklebt oder geschraubt. Das Ergebnis erinnert an einen wahr gewordenen Heimwerkertraum oder wahlweise auch an den Schabernack, den ein erwachsener Michel aus Lönneberga so mit Holz treiben könnte. Dabei beginnt alles so harmlos mit einem scheinbar im Zelt feststeckendem LKW, einem verwirrten Arbeiter und einer ominösen, aber sehr großen Kiste.

Letzterer entsteigt die restliche Compagnie, fein säuberlich zusammengepackt. Immerhin Gitarrist Donath Weyeneth erhält seine eigene Truhe, was vermutlich am Instrument liegt. Dem abenteuerlich aussehenden Eigenkonstrukt entlockt er die wunderschönsten Töne. Spätestens beim leidenschaftlichen Solo ungefähr 60 Minuten später haben auch schon die eine oder andere Saite dran glauben müssen. So zart wie die Show beginnt, mit pantomimischer Raffinesse und clownesker Aufwärmphase, so actionreich geht sie weiter. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wo Zirkus FahrAwaY am Werk ist, die Paletten. Tatsächlich machten die Künstler:innen aus der Not eine Tugend. Paletten werden zu Kulisse und Ausstattung umfunktioniert – und das mit einer unglaublichen Effizienz und Grazilität.

Humoristische Show

Die einzige Referenz an ein tatsächliches Ballett ist die angedeutete Barre; in diesem Fall eine lange Stange, an der wahlweise die eine oder andere Position geübt wird, die aber meistens zweckentfremdet in der Manege ihr Unwesen treibt. Sei es, dass Nina Wey auf Rollerschuhen durch das Zelt cruist und alles aufspießt, was nicht bei drei auf den Paletten ist – oder später als zertifizierte Trapezartistin gemeinsam mit Valentin Steinemann die luftigen Höhen unsicher macht. Immer mit dabei, eine große Portion Humor. Pointiert stolpert Luca Lombardi durch die Kulisse, um dann doch wieder extrem grazil über aufgestellte, erraten, Paletten zu performen. Dominosteinen gleich, werden sie zu Fall gebracht, bieten aber immer noch genügend Schwung, um als Wippe umfunktioniert zu werden.

Solvejg Weyeneth lässt sich derweil in die Höhe schrauben, zu den Klängen und dem Ge-beatboxe der Multiinstrumentalist:innen. Die Kegeln indes hält Liza van Brakel am Schwingen. Nichtsdestotrotz sind die Künstler:innen von FahrAwaY keine aalglatten Performer. Humorreich wird das eigene Programm aufs Korn genommen und wenn dann doch mal etwas schief geht, war es eben Teil der Show. Oder vielleicht war ja auch alles von langer Hand geplant? Zuzutrauen wäre es dem sympathischen Circus. Wer die Compagnie noch sehen möchte, sollte sich beeilen. Bis 18. Dezember gastieren die Schweizer in Salzburg.

www.winterfest.at

Fotonachweis: Zirkus FahrAwaY

Artikel zum Download in PDF-Format Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmailby feather

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert