Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer – Landestheater Salzburg

Gemeinsam durch dick und dünn: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer.

Am Salzburger Landestheater wurde Michael Endes Kinderbuchklassiker von Volkmar Kamm farbenfroh und fantasievoll inszeniert. Das sorgt für strahlende Kinderaugen.

Michael Ende ist ein Phänomen. Obwohl vor allem als Kinderbuchautor bekannt, äußerte der Schriftsteller selbst, dass er eigentlich nie für Kinder geschrieben habe. Das mag seltsam anmuten, wenn man sich die großartigen Fantasiewelten in Erinnerung ruft, die seine Romane konstruieren. Das Geheimnis des berühmten Schriftstellers dürfte allerdings vor allem darin liegen, dass er nicht nur ein unglaublicher Sprachjongleur war, sondern seine Wörter und Sätze auf Metaebene weiterarbeiten ließ. Da erstaunt es wenig, dass ihn auch das Theater für sich entdeckte und nicht mit Dramatisierungen seiner Romane geizt.

Die Magie von JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER zaubert aktuell das Salzburger Landestheater in einer Inszenierung von Volkmar Kamm auf die Bretter, die die Welt bedeuten (Bühne & Kostüme: Peter Engel, Choreografie: Hanna Kastner, Komposition: Bernd Meyer, musikalische Einstudierung: Edward Kim). Mit den Möglichkeiten, die einem großen Haus so zur Verfügung stehen, wird Endes Romanerstling zu neuem Leben erweckt.

Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer

Alles beginnt mit einem falsch zugestellten Paket auf der sehr kleinen Insel Lummerland, die bis dahin nur vier Bewohner trägt. Jetzt sind es fünf, denn in dem Paket befindet sich ein kleiner Junge, Jim Knopf. Als Jim größer wird, stehen die Insel-Bewohner*innen vor einem Problem: Lummerland ist zu klein. Emma, Lukas‘ Lokomotive, muss gehen. Da das Lukas nicht über sein Herz bringt, will er gemeinsam mit Emma aufbrechen. Kurzerhand schließt sich ihnen sein bester Freund Jim Knopf an. Gemeinsam wollen sie eine neue Heimat finden. Das ist natürlich alles andere als einfach. Auf ihrer fantastischen Reise treffen sie deshalb auch auf allerlei gefährliche Abenteuer. Sie fahren nach Mandala und erfahren vom Kaiser, dass seine Tochter Li Si entführt wurde. Sie brechen zur Dracheninsel Kummerland auf, um die Prinzessin zu retten. Die wurde mit anderen Kindern von den Wilden 13 an Frau Mahlzahn verkauft. Es gibt allerdings ein Problem; auf der Dracheninsel haben nur reinrassige Drachen Zutritt. Werden es die drei also überhaupt schaffen, Li Si zu befreien?Jim Knopf: Ensemble

Jim Knopf wird in V. Kamms Inszenierung quirlig und absolut liebenswert von Elisa Afie Agbaglah dargestellt. Mit aufgerolltem Blaumann saust der Lockenkopf über die Bühne und verstrickt sich gemeinsam mit Lukas in immer neue Abenteuer. Axel Meinhardt scheint dieser kindliche Lokomotivführer auf den Leib geschrieben. Lebensfroh bildet er gemeinsam mit E. Agbaglahs Jim Knopf ein absolutes Gute-Laune-Duo. Aufgeben gilt nicht, lautet das Credo der Freunde.  Mit Emma, dem wahr gewordenen Kindertraum einer Lokomotive, tuckern sie stattdessen lieber lautmalerisch über die Bühne.

Kostüm wechsle dich!

Bei ihren Abenteuern trifft das außergewöhnliche Trio immer wieder auf die gleichen Schauspieler*innen, die geschickt in die verschiedensten Rollen schlüpfen und bei Bedarf auch als Zusatz zum Bühnenbild fungieren. Britta Bayer begeistert nicht nur als liebevoll besorgte Ersatzmama Frau Waas, sondern auch als maliziöser Drache Frau Mahlzahn in Kummerland. Dunkel und fantasievoll das Kostüm, ein Riesenrüssel am Kopf, die Stimme laut und verzerrt, fertig ist eine hervorragend fantasievolle Drachenimitation. Jim Knopf: E. Agbaglah, B. BayerPraktischerweise ohne dabei zum Kinderschreck zu oszillieren, dafür ist diese Frau Mahlzahn aber ohnehin zu amüsant in ihren Beleidigungen. Stattdessen wirft sie Jim Knopf die kreativsten kindlichen Wortneuschöpfungen an den Kopf und erheitert damit Groß und Klein. Als blaue Seejungfrau Sursulapitschi taucht sie plitschend und platschend aus den Wellen auf. Den Wellengang halten und steuern der Kaiser von Mandala (Gregor Weisgerber) und sein Herold (Walter Sachers) und sorgen dezent für das richtige Meeresaufkommen.

Prinzessin Li Si (Janina Raspe) wurde von den Piraten entführt, den Wilden 13. Davor taucht die Schauspielerin aber auch schon als kleiner, deprimierter Halbdrache Nepomuk auf. Der nämlich brüllt nicht wie ein richtiger Drache, sondern quiekt eher kümmerlich und in höchsten Nicht-Drachen-Tönen. Jim Knopf: G. Weisgerber, J. Raspe, E. Agbaglah, W. SachersJ. Raspes Darstellung ist köstlich, ihr Nepomuk im Nerd-Kostüm sympathisch und absolut liebenswert. Wenn sich der kleine Halbdrache voller Enthusiasmus mit Asche einreibt und Jim Knopf, der sich zu seinem Leidwesen abends immer waschen muss, neiderfüllt dabei zusieht, dann ist wohl jedes Kind im Saal ein bisschen Jim und wäre doch so viel lieber Nepomuk. Nicht nur Michael Ende weiß, wonach das kindliche Herz begehrt, auch V. Kamms Regie-Arbeit besitzt das richtige Gespür.

Despotentum und Monarchie

Die Drachendiktatur auf Kummerland ist mit seinen Rassengesetzen leicht als Michael Endes Chiffre für den Nationalsozialismus zu durchschauen. In Salzburg wurde zumindest am Bühnenbild gedreht und optisch entschärft. Gleichwohl ist die Dracheninsel ein unwirtlicher Ort und auf näherer Bekanntschaft der Drachen dürfte auch in diesem Fall liebend gerne verzichtet werden.

Als Li Sis Vater ist Gregor Weisgerber zu sehen, der sich trotz angeschlagener Stimme – die Erkältungs-Saison lässt grüßen – versiert und professionell durch das Geschehen spielt. Gleichzeitig mangelt es G. Weisgerbers Kaiser von Mandala keinesfalls an Ausdruck (oder seinem Herrn Ärmel, Herrn Tur Tur und Troll). Jim Knopf: EnsembleStattdessen setzt der schauspielerische Tausendsasa auf Körperlichkeit und drückt die Empfindungen und Eigenheiten seiner Figuren vor allem mittels der eigenen Physis aus. Walter Sachers ist ebenfalls in mehreren Rollen unterwegs und tauscht sich am Ende als König höchst erfreut mit dem Kaiser aus. So von Monarch zu Monarch lässt es sich auch herrlich fachsimpeln, selbst wenn man als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte lediglich über eine Insel mit zwei Bergen regiert.

Michael Endes Lummerland ist eine Sozialutopie, die noch klein und zart in ihren Anfängen steckt, aber großes Potential besitzt. In Salzburg steht der kindliche Charakter des Spiels im Vordergrund. Mit wunderbarer musikalischer Live-Begleitung (Edward Kim) wird die unwiderstehliche Märchenwelt akzentuiert. Gleichzeitig lehrt JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER seinen kleinen Besucher*innen, dass Toleranz, Freundschaft und Mut unentbehrliche Tugenden und Werte sind. Gemeinsam sind wir stark und können sogar Ungeheuer überwinden. Eine wunderbare Aussage, die die Schauspieler*innen farbenfroh, lebendig und mit absoluter Spielfreude umsetzen. Wenn sich dann auch noch Kaiser, König, Jim Knopf, Lukas der Lokomotivführer und Prinzessin Li Si unter das Volk mischen, freuen sich auch die Allerkleinsten.

 

Fotonachweis: Anna-Maria Löffelberger // Landestheater Salzburg

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