Into the Woods – Musiktheater Linz

INTO THE WOODS. AB IN DEN WALD in Linz – Eine Märchenwelt steht Kopf.

„If you go down in the woods today, you are sure of a big surprise…“ – Das dachten sich wohl auch Stephen Sondheim (Musik und Gesangstexte) und James Lapine (Buch), als sie die Idee zu INTO THE WOODS konzipierten. Das kreative Team hatte dabei vermutlich aber nicht das Picknick der Teddybären im Hinterkopf, das dafür diesen Blogpost einleiten durfte. Vielmehr wollten sie die kleinen Tricks und Kniffe thematisieren, die die Märchenfiguren in ihrem heldischen Happy-End – Licht erstrahlen lassen. Denn hier trügt der Schein; die Heroen*innen unserer Kindertage gelangen keineswegs immer auf moralisch lupenreinem Weg an ihr vermeintliches Glück. Um diese Strukturen zu demaskieren, kreierte der Märchen-Whistleblower Lapine kurzerhand ein neues Märchen, nämlich das vom Bäcker und seiner Frau, die sich eigentlich nichts sehnlicher wünschten als ein Kind.

„Es war einmal…“ sind die ersten traditionslastigen Worte, die der Erzähler (Günter Rainer) auf der Bühne spricht und die die Reiseroute des Musicalabends scheinbar determinieren. Alleine, der schöne Märchenschein trügt. INTO THE WOODS ist tatsächlich eine etwas andere Erzählung, die die Figuren aus den verschiedensten Märchen sammelt und kurzerhand zusammen in eine Geschichte steckt. Da ist es dann auch nur konsequent, dass sie zum ersten Mal in der explosiv-experimentellen Heterotopie des Waldes aufeinandertreffen. In dieser nicht-mimetischen literarischen Raumdarstellung treiben für gewöhnlich Feen, Zwerge, Waldgeister und sonstige absonderliche Lebensformen ihr Unwesen und ist die gewohnte Ordnung außer Kraft gesetzt. Unvermutet offenbaren deshalb auch die eigentlich bekannten Märchenfiguren ganz neue Facetten ihrer Persönlichkeiten und die sind so ziemlich alles… außer perfekt.

Rotkäppchen entpuppt sich als kleines, aber sehr vorlautes Mädchen mit gesteigertem Aggressionspotential (fabelhaft Ariana Schirasi-Fard). Die böse Hexe ist eigentlich gar nicht so böse und entdeckt ihre harmoniebedürftige Seite (Kristin Hölck), wenn sie voller mütterlichem Stolz, das Singen ihrer eingesperrten Tochter Rapunzel (Katrin Paasch) vernimmt. Gut, die ist zwar auch eigentlich gar nicht ihre Tochter, sondern wurde von ihr als Baby entführt, aber die böse Hexe ist ja eigentlich auch böse. Dann sind da noch die unglaublich unterhaltsamen Prinzen aus Aschenputtel und Rapunzel, die sich in ihren Galanqualitäten gegenseitig persistent überbieten und völlig in Einklang mit ihrer femininen Seite stehen (köstlich Alen Hodzovic & Riccardo Greco). Als Wölfe verfügen die gleichen Darsteller unvermutet über ein beachtliches und artifiziell arrangiertes Sixpack, das sie noch kunstvoller und selbstverliebter in Pose rücken, wenn sie sich amourös auf dem Boden räkeln, um die Adresse von Rotkäppchens Großmutter zu erfahren. Der naiv-großherzige Hans hat eingangs etwas weniger Glück (charmant Konstantin Zander), dafür aber eine wunderbar genialische Kuh, die optisch erstaunlich dem Glücksdrachen Fuchur aus der UNENDLICHEN GESCHICHTE ähnelt und die Hans eifrig querfeldein schiebt (Puppenbau: Hagen Tilp). Den Anker in die Realität bildet derweil das durchaus von menschlichen Sorgen und Nöten geprägte Bäckerpärchen (gelungen Rob Pelzer & Daniela Dett). So weit, so gut. Vordergründig scheint alles auf ein märchenhaftes Happy End hinauszulaufen;  Hochzeiten werden am Ende des 1. Aktes gefeiert, wir befinden uns auf sicherem Märchenterrain, kulturelles Gedächtnis sei Dank. Vermutlich ist das der Grund, warum einige Sitzplätze nach der Pause plötzlich verwaist sind? Dabei ist da ja noch der 2. Teil des etwas anderen Märchens, indem sämtliche Klischees ad absurdum geführt werden. Von wegen glücklich bis an ihr Lebensende. Die Prinzen entpuppen sich als selbstverliebte Schwerenöter, die Lachsalven provozieren, wenn sie über aufgezwungene Liebesqualen lamentieren, die sie zu „Sklaven von Mädchen die schlafen“ werden lassen. Rotkäppchen hat jetzt ein langes Messer, zwecks der zahlreichen Gefahren im Wald, und wird auch nicht müde, alle, die ihr begegnen, damit zu bedrohen… Und obendrein ist da ja auch noch die Riesin auf Rachefeldzug, die sich als ziemliches Problem für die Märchenfiguren entpuppt.

Matthias Davids Inszenierung ist märchenhaft, bunt und ziemlich schräg. Es sind die Überspitzungen und Übertreibungen, die INTO THE WOODS zu einem absolut humorvollen Abend prädestinierten. Das Bühnenbild (Mathias Fischer-Dieskau) besticht mit gigantischen Zündhölzern, die wunderbar als Wald funktionieren, auch wenn deren Ursprung für die Verfasserin dieser Zeilen noch nicht gänzlich ergründet ist. Dafür tragen sie den Wandel sichtbar nach außen. Sind die Hölzer im ersten Akt noch intakt, kokeln sie im zweiten bereits traurig vor sich hin. Überhaupt gibt es auf visueller Ebene so einiges zu entdecken. Allerliebst die Zündholzschachtel-Häuschen der Märchenbewohner*innen, die mit kleinen Details bezaubern. Sehr viel größere Details fallen mitunter vom Bühnenhimmel, weswegen es vermutlich ein Segen ist, dass die SchauspielerInnen ihre Positionen auf der Bühne gut verinnerlicht haben dürften. Andernfalls könnte es sein, dass sie plötzlich von einem gigantischen Zigarettenstummel erschlagen werden. In gänzlich neuem Licht erscheinen die Stellen, denen an geschriebener Stelle kaum je so viel detaillierte Beachtung geschenkt wurde. Wenn die böse Stiefmutter den bösen Stiefschwestern Zehen und Ferse kürzt, um sie für Aschenputtels Schuh zu präparieren und die Überreste dann tatsächlich achtlos über den Boden kullern, dann ist das… nun ja, gelungen degoutant.

Mindestens ebenso durchdacht das choreographische Konzept (Simon Eichenberger), das sich vordergründig mühelos und spielerisch präsentiert. Das spiegelt sich in dem einen oder anderen Tick, den die Figuren entwickeln und den sie konsequent beibehalten; so hopst Rotkäppchen beständig durch die Handlung und springen die Prinzen galant affektiert aus jedem noch so kleinen Bild. Sogar in der Applausordnung scheint ein choreographisches Moment eingeflossen und nichts dem Zufall überlassen.

INTO THE WOODS ist ein sehr narratives Musical, ein Umstand, der sich auch in der musikalischen Umsetzung wiederfindet (musikalische Leitung: Daniel Spaw / Bruckner Orchester Linz). Sondheim orientierte sich dabei teilweise an der Kunstmusik und Melodien ändern sich jeweils nur geringfügig. Meistens sind sie auf wenige Tonfolgen zurückzuführen, die immer wieder neu arrangiert werden. Das kann man mögen, ist mitunter aber auch anstrengend; vor allem wenn ein Hauch von Atonalität einfließt und sich die textliche Umsetzung zu sehr an Reimen orientiert. Am Ende bleibt nur das mitreißende und titelgebende „Ab in den Wald“ im Ohr; als Motto zieht es sich stringent durch den Abend und legt sich abschließend wie ein Mantel über sämtliche musikalischen Reminiszenzen.

„If you go down in the woods today, you sure of a big surprise…“ – Und dass es sich lohnt, dieser Überraschung beizuwohnen, zeigt sich auch in Linz. Das Publikum ist hörbar entzückt, vor allem von den Prinzen, die danach literarisch vermutlich nie wieder in dem gleichen idealisierenden Licht wie davor erstrahlen können. Denn, Lektion gelernt: Pfeif‘ auf den Prinzen, ich nehme das Pferd. 😉

 

Fotonachweis: Barbara Pálffy // Landestheater Linz

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