JEDERMANN RELOADED SYMPHONIC

Jedermann Reloaded Symphonic – Großes Festspielhaus

Rock Me Jedermann.

Fulminanter Erfolg für JEDERMANN RELOADED SYMPHONIC: Wenn Philipp Hochmair, Die Elektrohand Gottes und Elisabeth Fuchs mit der Philharmonie Salzburg gemeinsam auf der Bühne stehen, wackeln die Wände des Großen Festspielhaus. Stehende Ovationen und sehr viele glückliche Gesichter.

Eine große Bühne voller Grablichter und hin und wieder Bühnennebel, der den Schlagzeuger in diese pittoreske Mischung aus destilliertem Wasser und Propylenglycol hüllt. Was wie die Ingredienzien für eine Halloween-Party oder die morbide Deko für Allerheiligen anmutet, bildet das Setting für JEDERMANN RELOADED SYMPHONIC. Richtig, der Jedermann ist zurück in Salzburg – und das, man höre und staune, außerhalb der Festspielzeit. Wenn schon Regelbruch, denn schon lautet die Maxime. Deshalb steht da vorne nicht irgendwer auf der Bühne, sondern der Liebling der letzten Saison. 2018JEDERMANN RELOADED SYMPHONIC sprang Philipp Hochmair für den erkrankten Tobias Moretti bei den Festspielen ein und wuppte das Ding auf dem Domplatz so gelungen, dass er seither Kult-Status genießt. Nicht nur bei der Hautevolee, sondern vor allem beim Volk.

Aus alt mach‘ neu, reloaded eben

Der Symphonic Zusatz ist neu. JEDERMANN RELOADED gibt es schon länger. 2013 begann Hochmair sein Jedermann-Projekt, das sich stetig weiterentwickelt. Begleitet wurde er dafür bisher nur von der Elektrohand Gottes. Was sich so pompös-verwegen anlässt, sind vier Dresdner Ostpunks, die nebenbei noch mit ähnlich klingenden Projekten wie dem SCHILLER BALLADEN RAVE touren (Gitarre: Tobias Herzz Hallbauer, Elektroklang: Jörg Schittkowski, Schlagwerk: Alwin Weber, Sound und Light Design: Hanns Clasen).

Stichwort SYMPHONIC: An dieser Stelle tritt, man ahnt es bereits, Elisabeth Fuchs mit der Philharmonie Salzburg auf den Plan. Die Symbiose ist perfekt, hier passt Deckel auf Topf und Faust auf Auge. Genauso wie Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes steht auch Elisabeth Fuchs für Experimentelles in Verbindung mit dem Alten. So unwahrscheinlich es auch klingen mag, doch genau damit wandelt JEDERMANN RELOADED SYMPHONIC auf den Spuren des literarischen Originals.JEDERMANN RELOADED SYMPHONIC Wie die jungen Wilden der Musikszene – ob klassisch oder punkig, ganz einerlei – wollte auch Hofmannsthal mit seinem „Jedermann“ entstauben. Dafür behielt er zwar die Form des alten, allegorischen Spiels mit seiner archaisierenden Patina, befreites es aber gleichzeitig von der kirchlich, konfessionellen Dogmatik.

Musik, die berührt

Für JEDERMANN RELOADED SYMPHONIC wurde der für Salzburg längst identitätsstiftende Stoff neu auf die Bühne gehoben. Einmal mehr durfte das allegorische Spiel bleiben und bildet die Basis. Gleichzeitig wird JEDERMANN zum Rockkonzert. Getrieben von Gitarrenriffs, gepeitscht von Schlagwerkhieben und verfolgt von Klangexperimenten, lebt und liebt der reiche Mann und feilscht schließlich um sein Leben. Der Effekt ist großartig. Abgerundet wird dieses musikalische Klangerlebnis von der Philharmonie Salzburg. Dirigentin und Musikdramaturgin Elisabeth Fuchs schafft gemeinsam mit ihren Musiker*innen einzigartige Momente.

Das Repertoire ist ein Gang durch die Musikgeschichte. Der besitzt nicht nur gewissen Wiedererkennungswert – ja, sogar ANATEVKA darf mit „Zum Wohle! Le Chaim!“ kurz vorbeischauen, von Mozart und Verdi ganz zu schweigen -, sondern intensiviert das Geschehen auf der Bühne auf einzigartige Weise. Die Verdoppelung beschränkt sich aber eben nicht nur auf die Partitur. Sehr gelungen die Szene, in der Jedermann nach Gefolge für seine letzte Reise Ausschau hält. Die allgemeine Ablehnung wird dadurch unterstützt, dass jetzt sogar das Orchester gesammelt die Bühne verlässt. Erst wenn sich Jedermann neu findet, kehren auch die Musiker*innen zurück.

Goldenes Lametta und Rockstar-Attitüde

Eigentlich steht Philipp Hochmair alleine auf der Bühne. Hochmotiviert und voller Leidenschaft schlüpft er in alle Rollen. Dass er um seine inzwischen starke Jedermann-Präsenz weiß, wird auch rasch deutlich. JEDERMANN RELOADED SYMPHONICSelbstbewusst lässt dieser Jedermann übermütig den Rockstar raus, dem die Fans zu Füßen liegen. Dafür wird das machoartige Gehabe bis in den Exzess gesteigert und sitzt die Eitelkeit der Figur ungeniert im Nacken. Etwas Reduktion würde nicht schaden, dem Jedermann lässt man es aber trotzdem gerne durchgehen. Und so alleine ist er dann gar nicht.

Zum einen sind da die klug arrangierten Soundeffekte, die zum Echo des Jedermann’schen Sprechgesangs werden und dem Publikum gelungen um die Köpfe sausen. Zum anderen ist da die Buhlschaft. Ulrike Beimpold tritt als laszive, bessere Hälfte hinzu und feiert ausgelassen und sehr wortstark mit dem lockeren Jedermann. Lebensfroh und verschwendungssüchtig werfen die beiden mit vollen Händen den Mammon zum Fenster hinaus – goldenes Lametta, das für wunderbare visuelle Effekte sorgt und der Hauptfigur bis vor Gottes Richterstuhl anhaftet. Das Intro für den Glauben liefert Mezzosopranistin Christa Ratzenböck mit einem glasklaren und extrem eindrucksvollen „Urlicht“ von Gustav Mahler

Stehende Ovationen für JEDERMANN RELOADED SYMPHONIC

Zugegeben, die Standing Ovations am Ende kamen dann wenig überraschend. Das Publikum ist das Volk und das feiert Philipp Hochmair in seiner neuen Paraderolle als Rock-Gott in Begleitung der Elektrohand Gottes und der Philharmonie Salzburg. Es ist aber dieser von Musik und Sprechgesang kreierte Stilbruch, dieses Crossover von alt und neu, das für herrlich verwegene Literatur-Momente sorgt. Rock me Amadeus war gestern, heute lautet die Devise Rock Me Jedermann.

 

 

Fotonachweis: Philharmonie Salzburg | Erika Mayer

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