SCHNALZEN: S. Kollinski

Das kollektiv Kollinski im Interview

„Hey Schnalzer, die müssen auf die Bühne“

An der ARGEKultur premierte das neue Stück des kollektiv Kollinski: SCHNALZEN. Eine performative Parabel über den Mythos des Unbekannten.

Das kollektiv Kollinski ist Wiederholungstäter und steht dazu. Auf 77 CENT – KARRIERE IST KEIN KINDERSPIEL folgte ICH WILL NOCH NICHT GEHEN und jetzt SCHNALZEN – von der Karriere über den Tod zum Umgang mit dem Fremden. Themen, die mitten aus dem Leben gegriffen sind und uns alle beschäftigen. Umso größer also die Neugierde, was sich hinter SCHNALZEN verbirgt. So viel sei verraten – es wird spannend. Ein Interview mit Susanne Kollinski, Gudrun Plaichinger, Bethi Nock und Simon Windisch – ein großer Teil des kreativen Teams und kleiner des bereits viele Künstler umfassenden Kollektivs.

Das kollektiv Kollinski macht das, was als gefügeltes Aperçu im Marketing-Sprech so häufig als ‚outside the box‘-Denken zitiert wird. Wer sind die kreativen Köpfe dahinter?

Susanne: Sehr fein, klingt gut … und ist immer wieder eine Herausforderung – deshalb vor allem, weil es DAS KOLLEKTIV in dem Sinne gar nicht gibt, weil wir uns für jedes Projekt neu formieren. Gudrun Plaichinger war bis jetzt bei jedem Projekt involviert – ohne sie, keine Stimmungen! Carmen Bayer begleitet mich in der Öffentlichkeitsarbeit und Ines Pariente mit der Produktion.SCHNALZEN: kollektiv Kollinski Im kollektiv KOLLINSKI produziert haben Natascha Grasser, Karin Gschiel, Caroline Meredes Hochfelner, Bashir Khordaji, Matthias Lechner, Bethi Nock, Nina Ortner, Susanna Szameit, Lukas Schnaitl, Simon Windisch und von Schnalzergruppe Maria Alm Matthias Lechner, Lukas Schnaitl und Alois Gruber – und viele viele mehr – das Schöne ist einfach, ich mache jetzt seit 25 Jahren Theater und da fallen mir noch so viele wunderbare Kolleginnen und Kollegen ein, mit denen ich auch (nochmal) zusammenarbeiten möchte.

Wie kam die Idee zu SCHNALZEN? Wo ist das Stück auf dieser Skala zwischen Karriere und Tod zu verorten oder ist es weit davor angesiedelt – als Teil der kulturellen, alpenländischen Identität?

Susanne Kollinski: Die Idee zu Schnalzen entstand in drei Etappen: erstens auf der Alm am `Hundsstoa´ (Maria Alm) – hey Schnalzer, die müssen auf die Bühne. Zweitens in einem Puppenworkshop, wo ich Bethi Nock kennenlernte und drittens beim Finalisieren des Konzepts vor einem Jahr. Es war so ein Gefühl, die vielen Dinge von SCHNALZEN zusammenzubringen und ein Wunsch nach eigener Reflexion über das, was Fremdes auch in mir ausmacht, auslöst. Ich bin in Leogang aufgewachsen, mein theatrales Highlight war der Kirchenchor, mein Ausbruch aus der Tradition das Theater – jetzt führen sich diese Dinge wie von selbst wieder zusammen.

Warum habt ihr euch für Schnalzer entschieden und nicht, sagen wir mal, Prangerstutzen oder Schuhplattler? (Gut, Prangerstutzen wären vermutlich schwer zu realisieren, wenn der Saal danach noch stehen soll…).

Susanne Kollinski: Das SCHNALZEN passte am besten zum Thema der Fremdheit, es ist eine Überschall-Ebene, die durch Mark und Bein geht, die was spüren lässt. Provokativ würde ich sagen, ES SOLLTE JEDEN TREFFEN.

Simon Windisch: Schnalzen ist unglaublich direkt und archaisch, keine Schnörkel, nur die pure Kraft. So etwas einfangen zu dürfen und in einen Bühnenraum zu verfrachten, ist einfach traumhaft.SCHNALZEN: kollektiv Kollinski

War es leicht, eine Schnalzer-Gruppe zum Mitmachen zu bewegen oder musstet ihr dafür Überzeugungsarbeit leisten?

Susanne Kollinski: Ja und nein. Alois Gruber von der Schnalzergruppe Maria Alm ist ein Pionier, ich denke, das kann man so sagen – er führt Jugendliche zu einem Traditionsbewusstsein heran, das sich traut, auch hinter die Tradition zu schauen. Das Schöne am Zusammenprall zweier oder mehrerer Welten ist, dass man mit viel Achtsamkeit aufeinander zugeht, zuhört und – das ist das Wesentliche – lernt! Wir freuen uns schon sehr aufs gemeinsame Spielen. Lukas beispielsweise ist begnadeter Zugin-Spieler, Matthias ein sehr erfahrener Schnalzer, der seinerseits schon die Jugend trainiert.

Wie herausfordernd ist es, das Schnalzen in die Inszenierung einzubauen beziehungsweise wird tatsächlich live geschnalzt – braucht es dafür nicht sehr viel Raum?

Susanne Kollinski: 4 Meter Radius!!! Unsere Schnalzer – und ich glaube, alle Schnalzer sind sehr vorsichtig -, die wissen genau, was sie tun. Gleich bei der ersten Probe war klar, wer wo stehen muss, wie die Bühne aufgebaut sein muss (deshalb auch nur Bühnenfragmente), dass wir unterschiedliche Niveaus brauchen. Ursprünglich hatte Alois ja an drei Schnalzer gedacht, das wäre sich aber platztechnisch nicht ausgegangen.

Habt ihr selbst auch schon zu schnalzen versucht? Wie ging das aus…?

Susanne Kollinski: Gudrun hat es probiert, Simon natürlich auch, ich habe eher Respekt davor, beim Improvisieren war ich auch immer am nächsten dran …

Gudrun Plaichinger: Ja, ich habe es ausprobiert, jedoch schnalzte es kein einziges Mal bei mir. Ich komme aus dem wunderschönen Almtal und wuchs in der mystischen Nähe des Toten Gebirges auf. Volksmusik wurde mir mit der Muttermilch mitgegeben. Wir machten viel Hausmusik und fehlte ein Instrument, war es selbstverständlich, dieses in die Hand zu nehmen und sich das Spielen zeigen zu lassen, solange, bis man es konnte. So stand ich als Kind auf einem Sessel, um den Kontrabass zu zupfen. SCHNALZEN: S. KollinskiOder die Gitarre und das Hackbrett.
Das Schnalzen auszuprobieren war für mich diese Neugier und es fasziniert mich von jeher, wie Kinder und Jugendliche es lernen. Die Tradition des Weitergebens ist ein wundersames Kleinod und eine absolute Notwendigkeit in unserer heutigen Zeit. Lukas und Matthias haben eine so wunderbare, starke Präsenz. Ihr Lächeln, ihr Auftreten, ihr Können. Lukas spielt die Ziehharmonika zum Niederknien musikalisch. Die Finger sausen darüber blitzschnell. Auch dieses Instrument probierte ich aus.

Wenn ich das richtig verstanden habe, sind die Puppen die Protagonisten und sie sind eigenhändig von euch hergestellt. Wie lange benötigt man für so eine Figur und warum gerade Puppen?

Susanne Kollinski: Das kann Bethi am besten beantworten: ich sag nur so viel – es ist unbezahlbar!!!

Bettina Nock: Die Figur des Bauern ist mit dem Stück entstanden. Er hat sich wie das Stück selbst in jeder Probenphase weiterentwickelt. Freilich brauchte es viele Stunden in meiner Werkstatt. Aber warum eine Puppe und kein Schauspieler ? Weil es den Typ übersteigert – ins Groteske und Surreale. Eine Figur die wie gezeichnet da steht, wie eine morgendliche Erinnerung an Geträumtes. In sich wiederum ein Kontrast zur einer realen Tradition.

Setzt ihr bei SCHNALZEN bewusst auf Kontraste? Weil Tradition (Schnalzen) versus elektronische Musik, heimeliges Puppenspiel versus die Angst vor dem Fremden.

Susanne Kollinski: Ja könnte man so sagen – wir versuchen aber natürlich auch diese Gegensätze ins Gegenteil zu kehren, elektronische Musik, die Heimat-Töne spielt, traditionelles Schnalzen, das auch als Kommunikation dient – für mich als Spielerin sozusagen richtungsweisend.

Gudrun Plaichinger: Es gibt kein versus zwischen Tradition und elektronischer Musik, da jeder von uns eine bestimmte theatralische Schicht vertritt. Schnalzen und Ziehharmonika gehören zum Bauern, zur Sage, zum Dorf und seinen Bergen… die elektronische Musik schafft einen kristallin glitzernden Teppich unter die Sagen und die Geschichte, kündigt aber auch drohendes Unheil an und gibt dem fremdartigen Wesen des Schleims eine Stimmung und eine Stimme. Die Einspielungen vertreten die volkstümliche Musik und verzerren ins Ironische und Skurrile. In meinen musikalischen Arbeiten verschmelzen und bereichern sich gegenseitig stets kontrastierende Dinge. Susanne ist dem gegenüber sehr, sehr offen und einfach toll.

Was sollte die Inszenierung bestmöglich beim Publikum auslösen. Wo würdet ihr sagen, ja, Ziel erreicht?

Susanne Kollinski: Das ist immer so eine sehr schwere Frage. Aber ich versuche es mal in KOLLINSKI-Manier: war es bei 77 CENT das Lachen, das im Hals stecken blieb, und bei ICH WILL NOCH NICHT GEHEN die berührenden Gespräche (und auch Tränen) danach, ist es bei SCHNALZEN vermutlich so etwas wie: Des schnalzt ganz schön und klingt noch nach und bringt auch mich zum Nachdenken. In verschieden Richtungen

Simon Windisch: Die Inszenierung spiegelt verdichtet unseren Umgang mit Geschichten mit Symbolen und auch mit Traditionen. Man darf sich einerseits der suggestiven Klarheit alter Sprachen und Traditionen hingeben und andererseits ist man angehalten, kritisch zu hinterfragen. Ob man wirklich immer zufrieden sein darf mit unserer Interpretation der Welt.

Gudrun Plaichinger: Es wäre wunderschön, wenn das Publikum gebannt und berührt hinausgeht und sagt: Ui, das war ein toller Abend!

 

Regie und Stückentwicklung: Simon Windisch, Idee, Performance und Stückentwicklung: Susanne Lipinski, Puppenbau, Puppenspiel und Stückentwicklung: Bethi Nock, Musik (Live und Komposition): Gudrun Plaichinger, Schnalzen, stampfen und musizieren: Matthias Lechner und Lukas Schnaitl (Schnalzergruppe Maria Alm unter der Leitung von Alois Gruber), Puppencoach: Manuela Linshalm, Produktion: Ines Pariente

 

Fotonachweis: Achim Wurm (Puppen) & Bernhard Müller (Szenenbilder)

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