Der erste Stein. Ein Todsündentanz.

Der erste Stein. Ein Todsündentanz // Schauspielhaus Salzburg

Totentanz Reloaded: Am Schauspielhaus Salzburg feiert Bernhard Studlars „Der erste Stein. Ein Todsündentanz“ in der Regie von Dora Schneider Uraufführung – ein Auftragswerk mit ordentlich Pfeffer im Hintern.

Memento Mori und „den Würmern sollst du Wildbret sein“, das war einmal. Der Tod hat ein Update erhalten. Deshalb wird ab sofort das Universum in die Pflicht genommen und das wirbellosen Erdgetier auf Trockenfutter umgestellt. Am Schauspielhaus Salzburg feiert Bernhard Studlars „Der erste Stein. Ein Todsündentanz“ in der Inszenierung von Dora Schneider Uraufführung.

Das Auftragswerk für das Salzburger Schauspielhaus zeigt, dass das altehrwürdige Thema auch im 21. Jahrhundert Hochkonjunktur hat. Gestorben wird immer. Egal ob Frau Tod Petrarcas geliebte Laura im „Trionfo della Morte“ einkassiert oder Johannes von Tepls Ackermann seine junge Frau zurückfordert. Einziger Unterschied, bei „Der erste Stein. Ein Todsündentanz“ beschränkt sich das Hadern auf ein Mindestmaß und wird sich auf keine Diskussion mit dem Sensenmann eingelassen. Stattdessen findet eine Verbrüderung mit dem Kanon der sieben Todsünden statt. Eine Mischung mit ordentlich Pfeffer im Hintern und vielen Pointen. Klar, schließlich war der Tod ja ein Wiener – oder so ähnlich.

Beschwingter Todsündentanz

Dass der Tod aus Wien stammt, den Eindruck befeuert der Todsündentanz am Schauspielhaus. Dort stimmt die illustre Grabsteherschar zu beschwingten Wienerlied-Tönen das Lied vom Herrgott an. Während die einen selig auf ihren Särgen lümmeln, flirtet der andere (Wolfgang Kandler) in Hans Moser Manier mit einem Engel (Petra Staduan). Dass dieser genauso wienerisch antwortet, verwundert keinesfalls, sondern bestätigt höchstens die These. Tatsächlich bleibt in Dora Schneiders Inszenierung kein Stein auf dem anderen und der Anspielungsreichtum wird genüsslich durchexerziert (Musik: Thomas Richter).

Den Auftakt bildet das Bühnenbild von Ilona Glöckel. Schön aufgereiht liegen sieben Särge auf der Bühne. Bereits beim Einlass sind sie besetzt und mit dem Fall des imaginären Vorhangs geht sie auch schon los, die heitere Diskussion um die sieben Todsünden. Bernhard Studlar verwebt dafür kluge Ideen, bekannte Sentenzen und fantasievolle Pointen mit poetischen Reminiszenzen. Gut, die eine oder andere Paulo-Coelho-Weisheit ist auch dabei, aber das tut dem Spiel keinen Abbruch. Im Gegenteil, es macht die Dialoge allgemein verdaulich; fast schon ein bisschen Hofmannsthal. Sein „Jedermann“ ist schließlich auch fürs Volk gemacht – wofür ihm in Salzburg alljährlich gehuldigt wird. Da darf’s auch gerne mal ein bisschen leichter sein. Zumal sich das Ganze mit Slapstick verbindet. Selbst das tänzerische Element wird in diesem sündigen Totentanz aufgegriffen, wenn alle Figuren durch das Naturbestattungsareal jagen oder die Regenschirme durchchoreografiert aufspannen. Der reichhaltige Paraplü Einsatz sorgt ganz nebenbei für metrologisch pittoreskes Salzburg Kolorit.

„Das Universum macht seine Arbeit gut und gründlich“

Der Tod(sünden)tanz im 21. Jahrhundert, das bettelt um Aktualisierung und Bernhard Studlar hat’s gerichtet: „Falsche Rechtschreibung, das sollte man in den Katalog aufnehmen“, tönt es in einer der ersten Szenen. Ja, ja und ja! Genauso wie das Register von sieben ruhig auf sehr viel mehr Todsünden aufgestockt werden könnte, die alle Berechtigung fänden. Egal ob Kapitalismus, Egoismus, Willkür oder anderer neumodische Kram, der aber auch schon wieder uralt ist. Den morbiden Charme von Dora Schneiders Regiewerk greift das Ensemble par excellence und mit formvollendeter Leichtigkeit auf. Granteln, das können die österreichischen (und nicht-österreichischen) SchauspielerInnen am Schauspielhaus vorzüglich. Genauso wie auch sonst jede andere Emotion sitzt, wackelt und Luft hat.

Wer jetzt aber glaubt, dass die sieben SchauspielerInnen für die sieben Todsünden stehen, der irrt. So platt kommt „Der erste Stein. Ein Todsündentanz“ nicht daher. In allen Figuren finden sich Spuren der berühmten Frevel Stolz, Neid, Zorn, Trägheit, Habgier, Völlerei und Wollust. Ganz so wie im richtigen Leben auch. Die Sieben im Rampenlicht werden zum Spiegel für das mitteleuropäische Publikum. Gut, vielleicht etwas im kammerspiellastigen Sinne, aber Anknüpfungspunkte sind ausreichend vorhanden.

Während Theo (Theo Helm) eine Pointe nach der anderen rausschleudert, will Johanna (Johanna Egger) stets die Kontrolle wahren. Darin ist sie Pit-Jan (Pit-Jan Lößer) erstaunlich ähnlich, der sich wiederum beständig – und äußerst heiter – mit Christiane (Christiane Warnecke) kappelt. Die hat obendrein, so scheints, ein frivoles Geheimnis. In eine ebenfalls amouröse Richtung, allerdings unterhalb der Gürtellinie, tendieren die Bilder auf Theos Mobiltelefon, sehr zum Amüsement der restlichen Trauerbande. Olcayto (Olcayto Uslu) macht frech Petra (Petra Staduan) den mysteriösen Auftritt streitig und Wolfgang (Wolfgang Kandler) kommen tatsächlich die Tränen vor Kummer, während seinem Gegenüber das Handy wichtiger ist. (Das wäre noch so ein Fall für den aktualisierten Sündenkatalog).

Tatsächlich haben die sieben Todsünden jeweils einzelne Szenen erhalten, die sie dominieren. Da kommt keine despektierliche Emotion zu kurz, dafür erhält aber jede von ihnen ihre berühmten fünf Minuten. Dass am Ende keine Lösung aus dem Dilemma geboten wird, das sich Leben nennt, ist schön und sehr stimmig. Schließlich schafft es die Truppe noch nicht mal zum Leichenschmaus ins „Cielo“ – und wer den Himmel verpasst, dem ist dann wirklich auch nicht mehr zu helfen.

 

Fotonachweis: Jan Friese

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