Zwischen Drama und Freakshow. »Woyzeck« im Kleines Theater Salzburg
Das Leben spielt Woyzeck übel mit. Finanzieller und gesellschaftlicher Druck führen dazu, dass der Soldat zuerst den Verstand verliert und dann auch noch seine Lebensgefährtin. Der Rest ist Literaturgeschichte. Benjamin Blaikner inszeniert sie am Kleines Theater Salzburg als Freakshow mit grotesken Bildern und nur einem Schauspieler auf der Bühne.
Denn den gesamten Klassiker stemmt Max Pfnür im Alleingang. Blaikner und Pfnür sind ein eingespieltes Team, wenn es um die Verdichtung großer Stoffe geht. Bereits im vergangenen Jahr reduzierten sie »Faust I« und »Faust II« auf einen fünfstündigen Monolog. Ganz so exzessiv fällt »Woyzeck. Eine Freakshow« allerdings nicht aus, das am 27.5.26 Uraufführung feiert.
»Nein«, schmunzelt Benjamin Blaikner. »Wir wollten einfach unsere Erfahrungen und Erkenntnisse aus ›Faust‹ mitnehmen und bei ›Woyzeck‹ anwenden. Die Wahl ist deshalb wieder auf einen Klassiker gefallen, weil wir diese Sprache sehr gerne haben.«
»Die Sprache ist krass«
Bei Büchner ist Sprache nie bloß Mittel zum Zweck. Sein »Woyzeck« lebt von Brüchen, Dialekten und abrupten Wechseln. »Die Sprache ist krass«, sagt auch Blaikner. »Deshalb ist es uns so wichtig, sie im Original zu erhalten. Wir wollen sie dem Publikum näherbringen, was mitunter knifflig ist.« Vor allem für Max Pfnür, der den gesamten Abend alleine trägt. »Man ist ständig auf Spannung und muss immer wach sein«, verrät er. »Das ist sehr angenehm. Dieses Wachsein hat irgendwann etwas Rauschhaftes und ich komme in einen Flow.« Entscheidend sei für ihn, die Widersprüchlichkeit der Figur sichtbar zu machen. »Woyzeck ist ein Getriebener, der zum Opfer wird. Ein Opfer der Gesellschaft und seiner selbst.«
Dass »Woyzeck« bis heute nachhallt, überrascht kaum. Ein Femizid steht im Zentrum des Stücks, dazu Themen wie Ausgrenzung, Krieg und menschliche Experimente. »Ein zerrissener Mensch, der mit seinem Leben und Umfeld nicht klarkommt. Kennen wir doch alle irgendwie«, subsumiert Blaikner.
Bühne als Freakshow: »Woyzeck«
Um Büchners Drama einen frischen Anstrich zu verleihen, erhielt die Neuinszenierung des Theater der Mitte den Freakshow-Zusatz. Die Bühne wird dabei zum Jahrmarkt der Projektionen. »Uns sprang schnell dieser Budencharakter ins Auge. Es gibt einige Szenen auf dem Jahrmarkt und oft Zuschreibungen von Charakteren als Tiere: Affe, Pferd, Katze. Dadurch kam der Gedanke, einigen Figuren tierische Züge zu verleihen und KI-Videos zu verwenden. So entstehen Freaks. Nicht Mensch, nicht Tier, schwer fassbar und uns doch so nah, da wir das alles in uns haben.«
Prototypen
Jede dieser Figuren erhält eine eigene Stimme und Körperlichkeit. »Im besten Fall erkennt man schon über den Körper, wen das Publikum vor sich hat. Bei ›Faust‹ war es so, dass wichtige Charaktere wie Gretchen oder Faust sehr natürlich waren. Das wird bei Marie und Woyzeck auch der Fall sein. Sie sind am wenigsten überzeichnet. Aber natürlich muss manchmal etwas mehr gemacht werden als sonst üblich, gerade zu Beginn, bis das Publikum die Figuren kennt. Und es werden auch Charaktere zusammengelegt. So entstehen mehr Prototypen der ›Freaks‹.«
Besonders schwierig sei die Beziehung zwischen Tambourmajor und Woyzeck, ergänzt Pfnür: »Sie haben im Stück wenig miteinander zu tun und der Tambourmajor besitzt fast kein Eigenleben. Den muss man aufladen oder als Karikatur spielen.«
Groteske als Gegenpol bei »Woyzeck« am Kleines Theater
Bei aller Tragik soll der Humor dennoch nicht verloren gehen. »Es braucht Entlastungsszenen, damit einen das Stück nicht total runterzieht«, betont Blaikner. Grotesk werde die Inszenierung ohnehin. Durch Kostüme, Licht, Videos und visuelle Effekte. Musik bleibt dabei oft nur eine Ahnung. Neben Leitmotiven und Songs setzt die Produktion vor allem auf Naturgeräusche (Ausstattung: Franziska Krug, Bühne: Hannes Öhlböck).
»Woyzeck. Eine Freakshow« feiert am 27.5. Uraufführung im Kleines Theater Salzburg. Eine weitere Vorstellung folgt am 28.5.
Fotonachweis: Benjamin Blaikner // Theater der Mitte
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