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Usher – Das OFF Theater

Sprach der Rabe, „Immermehr!“

Viel Spannung, wohliges Schaudern und intensives Schauspiel am OFF Theater in Salzburg: Die Uraufführung von USHER nach E.A. Poe kann was. Sehr viel sogar.

Wer Poe hört und nicht sofort an Melancholie, schöne, tote Frauen, Nervenleiden oder Raben denkt, ist irgendwie selber Schuld. Schließlich verpassen diejenigen den erhöhten Gruselfaktor und die Ehrfurcht vor erstaunlicher Lyrik, die sich bei den Initialen E.A.P. reflexartig einstellt, einerlei ob Lyrik-Junkie oder Nicht-Lyrikerin (also ich). All das und noch viel mehr Anspielungen sammelte das kreative Team vom OFF Theater und packte es in eine imposante Uraufführung.

In aller Plot-Kürze

Ein namenloser Besucher wird durch den dringlichen Brief seines Jugendfreundes zu dessen Anwesen irgendwo im englischen Niemandsland gerufen. Das alte Gemäuer ragt unheimlich aus der Landschaft hervor und wird nicht nur von einem Riss durchzogen, sondern auch vom darunterliegenden Pfuhl bedroht. Als kränklich-instabil erweist sich aber auch Hausherr Roderick Usher, der seinen lang vermissten Freund in einem mental fragwürdigen Zustand empfängt…

Düstere Seelen-Topographie

USHER basiert auf Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „Der Fall des Hauses Usher“ und genau so düster-ambigue startet die Inszenierung am OFF Theater in Salzburg durch (Regie: Alex Linse, Textfassung: Max Pfnür, Ausstattung: Ensemble, Maske: Andrea Linse, Kostüme: Abozar Hussaini, Technik: Jonas Meyer-Wegener). Das Publikum beschränkt sich auf ein Minimum, was den Schauder-Faktor erhöht und USHER einen intimen Rahmen verleiht. Zugleich wird auf der sehr übersichtlichen Bühne ein englisches Herrenhaus zum Verfall ‚erweckt‘. Reiner Naturalismus war gestern oder vorgestern – heute wird Roderick Ushers bedenklicher Seelenzustand im geschickt arrangierten Bühnenbild mit locker hängenden Laken und düster-diabolischen Lichteffekten zum Ausdruck gebracht.

Der Raum als Topographie der Seele ist nicht neu, allerdings kreiert die USHER-Produktion den nachdrücklichen Eindruck mit den einfachsten Mitteln: Verschiedene weiße Laken mit oder ohne Stammbaum wurden quer und nur scheinbar wahllos über die Bühne drapiert. Dazwischen ein Schrank, der die direkte Abkürzung in ein düsteres Narnia sein könnte, tatsächlich aber zu einem sekreten Bühnenabgang führt; davor ein Tischchen mit allerlei Flüssigem (eh klar, englisches Herrenhaus und so…),  viele Bücher, ein Schachbrett, noch mehr Bücher, die an späterer Stelle über den Haufen geworfen werden, was Bibliophile in spontane Schockstarre versetzt. Ein Stuhl und der Klavierspieler nebst Instrument und einem zusätzlichen Stapel… richtig, Bücher runden das aristokratisch-verfallene Bild harmonisch ab. In diesem verwinkelten Ambiente lässt es sich nicht nur fein schaudern und wohlig gruseln – gleichzeitig wird das Setting zum Spiegelbild von Ushers Innerstem, das  die Schauspieler zugigen Schrittes durchschreiten. Feine Lichteffekte und blitzschnelle Positionswechsel (vor allem Max Pfnür als gefühlt überall zur selben Zeit auftauchender Usher) akzentuieren und intensivieren den Eindruck.

Starkes Ensemble

Als Besucher ist Jonas Zacharias souverän der kühle, sachliche Kopf der USHER-Inszenierung. Philosophierend schreitet er ins Anwesen und irrt durch die Gänge, ehe die pathologische Konstitution seines früheren Schulfreundes erste Zweifel aufkommen lassen. Optimistisch hält der Besucher (noch) an seinem positiven Naturell fest. Irgendwann wird der Gast dann allerdings selbst mürbe und verfällt zunehmend dem schaurigen Ambiente seiner Umgebung. Dass es in diesem Anwesen nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wird rasch deutlich: Der junge Usher (gelungen Benjamin Linse) geistert als Erinnerung und umtriebiger Charakter durch die Szenen. Unheimlich stimmt die klare, helle Kinderstimme den pädagogisch etwas fragwürdigen Kinderreim „Oranges and Lemons“ an, in die der ältere Usher vokal tiefer einfällt. Die Zeilen bekommen durch die spannende Kombination eine eindrückliche Note, auch wenn der Refrain mit dem ‚chopped off head‘ ausbleibt – chip chop. Die Sätze, die lose im Raum schweben, entwickeln gerade durch ihre Unvollständigkeit eine ungeahnte Sprachkraft. Die besitzt auch Max Pfnür als Usher, wenngleich nicht gänzlich ungeahnt. Der eindrückliche Schrei beim Tod der innig geliebten Zwillingsschwester kommt trotzdem zu plötzlich und lässt (verfasserin) fast vor Schreck aus dem Sessel fahren. Überhaupt demonstriert der Schauspieler ein großartiges Tableau an intensiven Emotionen, die er dem Publikum selten manierlich, meistens aber wie im Wahn präsentiert: Sei es mit dem quietschenden Gang des ominös kränkelnden Hausherrn oder der etwas zu liebevollen Pflege um die kranke Zwillingsschwester. Inzestuöse Anspielungen werden genauso pointiert über die Physis ausgedrückt wie der mentale Verfall der Figur sich in kleinen körperlichen Details wie dem Zucken des Mundes oder Krümmen der Finger manifestiert. Mit Schlammmaske, rot umrandeten Augen, unheimlichen Kontaktlinsen und spärlicher Langhaarperücke beweist Usher Mut zur Hässlichkeit, die der Spannung und dem Erfolg der Dramatisierung in die Hände spielen (Maske: Andrea Linse).

Wer hat, der hat…

… und deshalb hat dieser USHER auch seinen eigenen Klavierspieler. Tatsache. Milan Stojkovic begleitet die dramatisch-gruselige Reise durch die Topographie von Ushers Seelenleben vom Rand aus. Optisch wie der pathologisch lädierte Usher gekleidet, und damit eigentlich sein zweiter Zwilling, führt Milan Stojkovic mit bekannten Weisen, großartigen Kompositionen und wunderbaren Improvisationen durch den Abend. Währenddessen erklingen aus dem Off immer wieder Stimmen. Zweisprachig zitieren sie aus dem Originaltext und begleiten den anfangs noch recht forschen Schritt des Besuchers, der später fluchtartig das Gelände verlassen wird und Haus und Bewohner beim Untergang beobachten darf. Der befällt die Mensch-Raum-Symbiose und ihre pathologischen Strukturen im doppelten Sinne. Ushers tatsächliche Zwillingsschwester, Madeline (melodiös Natalie Siegl), bleibt ebenfalls im Verborgenen. Als Schattenprojektion sucht sie immer wieder die beiden disputierenden Herren heim und sorgt als Tote mit Klopfgeräuschen (Benjamin Linse auf sehr leisen Sohlen) für gruselige Schauer, nicht nur bei den Figuren. Poe wäre nicht Poe ohne den Raben – das dachten sich vielleicht auch die kreativen Köpfe. Deshalb gibt es ihn. Als entzückender Totenkopf-Rabe tritt der Jüngste im Ensemble-Bunde seinen sanften Gang um den albträumenden Besucher an. Spätestens da ist klar, dass mit Roderick Usher und dem House of Usher, das kann nicht gut enden – zumindest innertextlich (oder in dem Fall szenisch).

Großartig endet es dafür aus Rezeptions-Sicht: Eine Uraufführung ist immer eine spannende Angelegenheit und bei USHER ist das wörtlich aufzufassen. Fesselnd und intensiv wurde die Kurzgeschichte von E.A. Poe in flüchtige 80 Minuten Spielzeit komprimiert. 80 Minuten, die Lust auf mehr Poe machen. Vielleicht hat also auch Lyrik eine zweite Chance verdient. Zumindest die von Poe.

 

 

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