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Schlafstörungen – LAUBE VOLXtheaterwerkstatt

Fortsetzung (er)folgt

In der Theaterwerkstätte wurde wieder künstlerisch gehämmert und geschlagen. Das Resultat darf, soll, muss sich sehen lassen: SCHLAFSTÖRUNGEN von Reinhold Tritscher. Hingehen, ansehen und sich großartig unterhalten.

Wer erinnert sich noch an den HAFEN DER GESTRANDETEN SEHNSÜCHTE? Das merkwürdig andere, herrlich absurde und gerade deshalb so berührende Theaterstück premierte 2016. Jetzt hat die LAUBE VOLXtheaterwerkstatt nachgelegt: Mit SCHLAFSTÖRUNGEN knüpft Reinhold Tritscher an die erfolgreiche Vorjahresproduktion an. Und so unwahrscheinlich es auch klingen mag, der sympathisch-absurde Wahnsinn aus dem HAFEN DER GESTRANDETEN SEHNSÜCHTE ist tatsächlich steigerbar.

Das bunt gemischte Ensemble hat sich vergrößert: Neben Laienschauspieler*innen mit größeren oder kleineren Besonderheiten, Theater ecce-Profis und anderen Gästen wanderte die Inszenierung vom kleinen Studio in den großen Saal der ARGEkultur. Dort lässt sich bereits das Setting fein an. Kreativ arrangierte Balken und eine imposante Straßenlaterne erwecken die Himmelreichgasse 13a mit all ihren Eigenheiten zum Leben. Wohlplatzierte Turnsaal-Matratzen verleihen dem Hochhaus-Ambiente einen finalen Schliff (Bühne: Alois Ellmauer, Organisation: Magdalena Croll).

In aller Plot-Kürze

Die Bar ‚Hafen der gestrandeten Sehnsüchte‘ hat Sperrstunde. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht diese österreichische Unruhe im Haus. Die Straßenlaterne hört nicht auf zu blinken, ein Kleinkind irrt durch die Gänge, ein Fremder ist auf der Suche nach dem versprochenen Airbnb-Bett und der untreue Gatte längst auf amourösen Abwegen.

Farbenfrohe Synergie

Reinhold Tritscher kreierte mit seinem Ensemble einen unglaublich amüsanten und herrlich anderen Abend. Dieses Biotop an Absurditäten ist schwer zu überbieten. Sein Charme liegt im bunt-fröhlichen Inklusions-Charakter begründet, was eine große Bandbreite an Emotionen garantiert. Hier wird niemand ausgeschlossen; versierte Schauspieler* innen spielen Seite an Seite mit den Neuen und ergänzen sich vorzüglich. Alle tragen zum homogenen Ganzen bei.

Dramaturgie und Diskurse sind in SCHLAFSTÖRUNGEN von feinsinnigem Humor durchwoben, der bis in die letzte Textstelle vordringt. „Schau mal, was meiner alles kann!“ – als Einstieg dient das humorige Geprahle mit dem Elektrorollstuhl, das die Inszenierungsrichtung vorgibt. Ihrer eigenen Schwächen bewusst, reflektieren sich die Figuren selbst; sie kokettieren charmant mit den eigenen Unzulänglichkeiten und jonglieren auf intelligent ansprechendem Niveau,  bleiben dabei aber immer über der Gürtellinie. Das kommt an und sorgt für die gewünschte Reaktion im Publikum, lautes Lachen, das sich nur schwer zu kontrollieren lassen scheint.

Als Bindeglied zwischen den verschiedenen Geschichten fungiert Niklas. Der Dreijährige büchst aus der elterlichen Wohnung aus, trotz diffamierender Oma-Rede des gestressten Papas (Wolfgang Kandler). Der macht seinem Schwiegermutter-Frust im breiten Regiolekt ungeniert und mit sehr viel Komik Luft. Das österreichische Seelenleben wird durch diese und andere sprachliche Komponenten weiter verstärkt. Hier parliert jede*r nach eigener Fasson und Dialektregion. Psychische Eigenheiten werden durch das Bühnenbild aufgegriffen und akzentuiert; so bewohnt die aus der Zeit gefallene Dame mit der Sozialphobie (Cassandra Rühmling) passenderweise den einzig verbarrikadierten Raum. Ihre Angst drückt sie durch nuancierte Gestiken und eine Grundpanik aus, die von ihrer Stimme Besitz ergreift. Es sei denn, sie singt; dann läuft die menschenscheue Frau zu großen Gefühlen auf, begleitet von dem jungen Herren mit dem Federschmuck am Klavier. Der manchmal auch durch Briefchen unter der Tür mit ihr kommuniziert.

Musik hat eine magische Wirkung in der Himmelreichgasse 13a. Sie lässt den Laternenpfahl zum Leben erwachen. Hoch droben hat sich längst eine junge Akrobatin (Pamina Milewska) häuslich eingerichtet. Was bei durchschnittlich sportlich begabten Menschen spätestens nach drei Minuten für arge Gelenks- und Muskelverstimmungen sorgen würde, scheint P. Milewska nicht zu berühren. Als eine Art Lampenallegorie verbringt sie das Gros des Stückes in der Lampenkrone. Erklingt Musik, windet sie sich rhythmisch um den Mast, dass die eigenen Muskeln vor Neid erblassen – und sich im Anschluss verschämt in eine Körperecke verkriechen. Musikalisch wertet die ‚Lampenfrau‘ nicht. Auch den inbrünstig geschmetterten Schlager des jungen Mannes in Weiß begleitet sie wunderbar, während die anderen Kissen hageln lassen. Was ihn übrigens wenig stört, charmant geht er in die nächste Runde.

Divergente Seelenlandschaft

Klug platzierte Pointen sind, erraten, das Movens von SCHLAFSTÖRUNGEN, Slapstick das A und O. Der fällt bei Bedarf auch sehr körperlich aus. Zum Beispiel dann, wenn Niklas‘ Vater den reglosen Airbnb-Touristen (Jurek Milewski) als Leiche quer durch das gesamte Haus zerrt. Eine großartige  Szene, die J. Milewski und W. Kandler mit Verve zelebrieren. Da wird geschleppt, aufgestellt und hingeworfen, dass kein Auge trocken bleibt. Aber auch der tollpatschige Pagagei (Lisa Kuhn) sorgt für Erheiterung, wenn er permanent gegen Dinge läuft oder sich ständig beinahe selbst stranguliert. Gleichzeitig werden die menschlichen Abgründe in humorvolle und damit leichter verdauliche Szenen gepackt. Der eine Bewohner ist froh, seinen bunten Vogel endlich los zu sein und kickt das verunfallte Tier herzlos aus der Wohnung. Der unheimliche, unglückliche Mann einen Stock höher hantiert dauernd mit seiner Pistole, dem herumirrenden Airbnb-Touristen wird kein Asyl gewährt. Momente, die vordergründig zum Lachen anregen, auf den zweiten Blick aber durchaus berühren.

Es sind diese und andere tief menschliche Eigenheiten, die die Schauspieler*innen aus ihren Figuren herausdestillieren; egal ob es sich um sympathische oder gewöhnungsbedürftige Charaktere handelt, in R. Tritschers Inszenierung erhalten sie alle liebenswerte Züge. Genau das macht die inklusive Produktion der LAUBE VOLXtheaterwerkstätte auch so besonders, eindrucksvoll und bedeutend.

 

 

Fotonachweis: Probenfotos Andreas Hechenberger

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