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Illusionen einer Ehe – Schauspielhaus Salzburg

Scherben bringen Glück und französische sowieso

Frankophil beschwingt startet das Schauspielhaus Salzburg mit ILLUSIONEN EINER EHE in die neue Spielzeit – rasanter Wortwitz und französischer Charme, fantastique.

Leise plätschert das Wasser an der Zierbrunnenwand im bourgeoisen Wohnzimmer hinab. Die elegante französische Madame stellt ihrem kultivierten französischen Mann eine nonchalante Frage. „Du, sag mal, wie viele Affären hattest du eigentlich in unserer Ehe?“, Maxime ist erstaunt, ziert sich ein wenig, lässt sich dann aber auf einen Handel ein. Wenn er Jeanne eine Zahl nenne, müsse sie auch eine angeben – und danach sei beiden Absolution gewiss. Man stehe schließlich über solch‘ banalen Dinge, richtig?! Richtig. Das heißt, soweit der Deal, der natürlich gleich darauf aus sämtlichen Nähten platzt.

Französischer Drehbuch-Rock N Rolla

ILLUSIONEN EINER EHE kommt vom Fach – die leichtfüßige französische Komödie stammt aus der Feder von Eric Assous, seines Zeichens spezialisiert auf französisches Boulevardtheater. Kerngebiet? Paar-Komödien! Zum zweiten Mal gibt sich der Autor bereits ein Stelldichein am Schauspielhaus Salzburg. Nach 2015 und PAARUNGEN folgt aktuell ILLUSIONEN EINER EHE. Isabel Graf arrangierte dafür ein bourgeoises Setting vom Feinsten: Vor dem so harmlos dahin plätschernden Brunnen, unter der idyllisch anmutenden Baumbedachung und dem schicken Wohnambiente entfaltet alsbald ein herrlich temporeicher Komödien-Plot seine Flügel.

Sprachgefühle

Für Christoph Batscheiders Inszenierung ILLUSIONEN EINER EHE kommt es auf das optimale Sprachgefühl an. Bei Assous darf der verbale Vorschlagehammer getrost stecken bleiben. Derbe Komik, fehl am Platz. Stattdessen folgt feinsinnige Pointe auf subtile Anspielung und lassen die Schauspieler*in in sanften Zwischentönen dezent platzierte Ironie-Bömbchen platzen. Susanne Wendes Jeanne bewahrt Contenance und lacht konspirativ, als ihr Maxime (Antony Connor) vorwirft, dass er ja ’nur‘ zwölf Affären gehabt habe, ihre eine aber sehr viel fataler gewesen sei.  Schließlich seien bei einer längeren Liaison Gefühle im Spiel, bei zwölf kurzen aber keineswegs. Es sind diese und ähnliche Dialoge, die Eric Assous zum „Starautor“ von Paar-Komödien adeln, wie gerne und oft zitiert wird; die der Gesellschaft ihr amoralisches Spiegelbild vor Augen hält. Es sind allerdings auch die Schauspieler*in, die die humorigen Dialoge und das verhüllte Ebenbild temporeich und sprachaffin dem Publikum servieren.

Konfusion à la française

Mimt Susanne Wende eingangs die sachlich-souveräne, scharfzüngig und französisch direkte Jeanne, beginnt sie wenig später bereits Maxime bewusst zu provozieren. Der entpuppt sich als leichtes Opfer; mit seiner Selbstbeherrschung ist es erstaunlich schnell vorbei. Antony Connor lässt seine Figur die ganz großen und sehr gelben Emotionen durchleben. Vorher noch nachlässig lachend und leicht überheblich von ‚Absolution‘ parlierend, gerät Maxime rasch an den Rand seiner emotionalen Grenzen. Er schnappt sichtbar nach Luft, sein Puls scheint im Laufe des Stücks durch die Decke zu schießen; der fixen Überzeugung, die unbekannte Liebschaft seiner Gattin sei sein bester Freund Claude (Bülent Özdil), lädt er den ‚Nebenbuhler‘ zum Mittagessen ein. Was sich daraus entfaltet, ist ein wunderbares Verwirrspiel, das sich nicht auf Maxime beschränkt. Das Publikum erhält keinerlei extra Einblicke und tapst gemeinsam mit dem Ehemann durch das Dunkel, das sich Vorgeschichte nennt. Da es sich um eine französische Komödie handelt, eröffnen sich (un)geahnte Tiefen. Dazu trägt auch der ambivalente Claude bei. Bülent Özdil legt Claude vordergründig harmlos an. Naiv stolpert er von einer Falle Maximes in die nächste und scheint leichte Beute für dessen abstruse Theorie. Oder ist doch etwas dran? Claude streut Spuren in alle Richtungen, die das Publikum alsbald mit dem gleichen detektivischen Wahn sammelt wie der gehörnte Gatte. Stimme und Gestus verändern sich bei Claude; vormals unsicher führt er Maxime am Gängelband und schmettert die Diskurs-Bälle seiner Tennisgegnerin gekonnt zurück übers Anspielungs-Netz.

Das Schlussbild bietet dann sogar eine kleine biblische Anspielung. Wenn nur noch Maxime und Jeanne an der Brunnenwand sitzen, erinnert das optisch an eine Szene aus der Genesis – so läuft das also, wenn Adam und Eva anno 2017 vom Baum der Erkenntnis naschen.

Zum französischen Komödien-Abend tragen in Ch. Batscheiders Inszenierung von ILLUSIONEN EINER EHE aber nicht nur die wunderbar herausgearbeiteten verbalen Schlagabtausche und der feinsinnige Humor bei. Auch die rasanten Szenenwechsel, mit ihrer absoluten Dunkelheit und den schwülstigen Schlagermelodien unterstützen die Kurzweiligkeit des Abends. Wenn dann der letzte gefallene Satz in der nächsten Szene wieder aufgegriffen wird, stellen sich obendrein noch filmische Reminiszenzen ein.

 

 

Fotonachweis: Jan Friese

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