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Die weiße Rose – Landestheater Salzburg

… denn sie wissen, was sie tun

Volkmar Kamm setzt für seine Inszenierung der WEISSEN ROSE am Salzburger Landestheater auf expressive Bilder und kreiert starke Momente: Absolut intensiv, absolut sehenswert.

21, 22, 23 – es sind nur wenige Sekunden, die die Bühne in tiefrotes Licht tauchen und das tragische Ende des engsten Kreises rund um die Geschwister Scholl andeuten. Volkmar Kamm inszenierte Lillian Groags halb-dokumentarisches Schauspiel DIE WEISSE ROSE am Landestheater Salzburg – und setzt den mutigen Widerständlern ein gelungenes Denkmal (Inszenierung und Raum: Volkmar Kamm, Kostüme: Alois Dollhäubl, Dramaturgie: Friederike Bernau).

In aller Plot-Kürze

Hans und Sophie Scholl wandeln sich von engagierten Nationalsozialisten mit arischem Lebenslauf zu Regime-Kritikern. Gemeinsam mit ihren Freunden drucken sie Flugblätter gegen die Regierung und verteilen sie in großem Stil, ehe sie zufällig vom Hausmeister der Uni dabei ertappt und denunziert werden.

Ziemlich menschliche Helden*innen

Immer wieder wird der Ruf nach gelebter Zivilcourage laut, besonders einfach ist das im Nachhinein – wie steht’s aber eigentlich mit dem Währenddessen?! Volkmar Kamms DIE WEISSE ROSE zeigt, wie das moralische Recht paradigmatisch funktioniert. Die Basis dafür liefert das halb-dokumentarisch Schauspiel selbst, das sich aus originalen Verhör-Protokolle der Gestapo und späteren Aussagen des Verhör-Oberhaupts Robert Mohr zusammensetzt. Bereits bei der Dosierung der Stimmung beweist Volkmar Kamm das perfekte Maß: Nüchtern, feinsinnig und nicht schwülstig-verklärend reihen sich die Dialoge aneinander. Immer wieder werden die Gespräche von subtiler Ironie durchbrochen, die die Stilisierung der Beteiligten zu absoluten Helden*innen vereitelt. Stattdessen rücken reale Werte wie  Humanismus und Religion ins Zentrum.

Ungeahnte Tiefen

Die letzten vier Tage der weißen Rose werden auf zwei verschiedenen Ebenen aufgedröselt und dargestellt. Dafür oszilliert die Inszenierung konsequent zwischen den Rahmenhandlungen: Während die Verhöre in einem fiktiven Jetzt stattfinden, wird das Spiel immer wieder für Analepsen in die Vergangenheit unterbrochen. Unaufdringlich und subtil wird die Entstehung der Weißen Rose durch diese kompakten Subsumierung in den Fokus gerückt und auf Sophie Scholls und Robert Mohrs Rolle zentriert. Es ist der Kriminalobersekretär der Gestapo, der die junge Frau tagelang verhört. Marcus Bluhm verleiht dieser Figur eine ambivalente Tiefe; in seiner Feierabendlaune gestört, wertet Mohr den Fall um die Weiße Rose zuerst als Lappalie ab. Kollege Mahler (in Salzburg eine Frau: Britta Bayer überzeugend forsch) lässt sich aber nicht so einfach abschütteln und beharrt auf das geltende Recht. Dazu genötigt, sich näher mit den Studenten*in zu befassen, reagiert Mohr mit leichter Ironie, ehe ihn Mitleid für „das Mädchen“ packt. Umso größer der Effekt am Ende, als die Köpfe rollen und Mohr in Bluhms ungeschönter Spielweise lapidar zum Tagesablauf überwechselt. Es sind diese und andere Divergenzen, die die WEISSE ROSE so faszinierend und eindrücklich machen. So streunt Gregor Schleuning als einfacher Gestapo-Mitarbeiter Bauer stumpf über die Bühne und nimmt scheinbar ausdruckslos Befehle entgegen. Erst als er plötzlich zaghaftes Mitleid mit „dem Mädchen“ bekundet, erfährt auch das Gesicht des Nationalsozialmus so etwas wie eine menschliche Note – wenngleich eine etwas… nun ja, langsame eben.

Helden*innen wider Willen

Janina Raspes Darstellung von Sophie Scholl ist intensiv und nachhaltig. Anfangs als kesse, wortgewandte Studentin streift sie ihren Optimismus (fast) nie ab – auch wenn er an einer Stelle brüchig wird, werden muss. Da ist sie wieder, diese Menschlichkeit einer Heroin wider Willen. Schlagfertig tritt sie für ihre humanistischen Werte ein und verteidigt sie mit leidenschaftlicher Vehemenz. Genau wie seine Schwester nimmt auch Hans Scholl (Hanno Waldner) alle Schuld auf sich, um die Freunde zu entlasten. Laut, selbstbewusst und an Mathilde Schwarzkopf denkend, stürmt er wie der beinahe sorglose Rest in den Widerstand. Wunderbar flatterhaft und leicht erscheint vor allem Gregor Schulz‘ Alexander Schmorell. Die angedeutete Liaison mit Sophie wird zu einem weiteren Teilchen, im Menschlichkeits-Puzzle der euphorischen Widerständler – das zur tragisch-eindrücklichen Note der Inszenierung beiträgt. Seriös und nachdenklich gestaltet Tim Oberließen Christoph Probst: Frau, drei Kinder und Hund bedeuten Verantwortung; indes beruft sich Wilhelm Graf (David Zieglmair) auf seine Religion, drückt für den Humanismus aber auch das eine oder andere Auge zu.

Freude schöner Götterfunken

Leitmotivisch zieht sich Beethovens 9. Sinfonie durch DIE WEISSE ROSE, Friedrich Schillers berühmte Zeilen bilden das Credo: „Alle Menschen werden Brüder“. Das just Schiller Pate für Beethoven und damit auch die Produktion von Volkmar Kamm stand, erscheint sehr passend – auch wenn es sich bei dem berühmten Satz um das Spielzeitthema 2017/18 handelt. Schließlich war Schiller Anhänger des Naturrechts, auf das sich die Mitglieder der Weißen Rose immer wieder berufen. Weniger rebellisch, sonder ansprechend puristisch-rational zeigt sich das Bühnenbild. Genau wie die Dialoge ist es mit subtilen Emotionen durchsetzt, die an keiner Stelle aufdringlich wirken. Ein gigantisches Hakenkreuz bildet das Büro der Gestapo, bläulich unaufgeregt der Hintergrund. Als das rote Hakenkreuz schließlich lautstark fällt, ragt sein schwarzes Ebenbild in den Bühnenhimmel. Statt der Steckbriefe der Schauspieler*in prangen plötzlich Porträtfotos der „echten“ Mitglieder der Weißen Rose an einem der Haken. Ein starker Abgang für eine starke Produktion.

 

 

Fotonachweis: Anna-Maria Löffelberger

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