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Der Sturm – Die Theaterachse

„It’s payback time“ auf dem tropischen Theaterachsen-Eiland

Shakespeares romantische Komödie DER STURM tobt am OFF Theater – die Theaterachse meldet sich mit stürmischen Possen und magischem Schabernack humoresk und einfallsreich zurück.

Sie hatten es versprochen und dann geschah länger nichts. Jetzt aber ist sie da, die neueste Shakespeare-Adaption – die Theaterachse hat mit DER STURM Wort gehalten und wie.

Der Herzog von Mailand kümmert sich mehr um seine magischen Studien als den öden Regierungskram. Das ist seiner Schwester Antonia (ja, hier wird gegendert) ein Dorn im Auge. Deshalb stürzt sie Prospero kurzerhand und beraubt ihn seines Amtes. Danach setzt sie ihn mit seiner kleinen Tochter Miranda auf einem seeuntauglichen Kahn aus – bei stürmischem Wetter, das versteht sich von selbst. Die Götter sind den beiden allerdings hold und statt zu kentern, stranden sie auf einer einsamen tropischen Insel. Die macht sich der vertriebene Herzog prompt als Zauberer Untertan: Propero befreit Luftgeist Ariel aus unangenehmer Gefangenschaft und unterwirft sich den hässlichen Wechselbalg Caliban. Zwölf Jahre später naht das Schiff seiner Feinde und Prospero sieht endlich seine Chance zur Rache gekommen – natürlich mit jeder Menge Magie in der Hinterhand.

‚Der Sturm‘ war Shakespeares letztes Bühnenstück und erinnert nicht von ungefähr an seinen früheren ‚Sommernachtstraum‘. Schließlich recycelte der Dichter einige seiner bekanntesten Motive für die romantische Komödie. Diese magisch-possenhaften Reminiszenzen sorgten jetzt allerdings auch dafür, dass die Erwartungen von verfasserin nach oben schnellten. Denn… Yoga Freundin K. hat sie angesteckt – mit ihrer Leidenschaft für die Sommernachtstraum-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2013 (und ganz besonders Markus Meyers Puck). Dafür pilgert Yogi K. regelmäßig zu den Siemens Festspielnächten neben dem Dom. Einmal kam verfasserin mit und blieb genauso hängen – auch an Puck. Gemeinsam wurde in eine DVD investiert und yoga-schwesterlich geteilt, schließlich wollen wir auch unter dem Jahr nicht darben. Und jetzt also der ungestüme kleine Bruder, live und in Farbe, kann das was?

Natürlich! Die Theaterachse schuf mit Mathias Schuhs DER STURM eine tempo- und abwechslungsreiche Komödie, die die magisch-heiteren Momente auskostet und die Streiche mit Verve zelebriert (Regie: Mathias Schuh, Ausstattung: Rafaela Wenzel, Musik: Mathias Schuh). Als schillernder Dompteur des zauberischen Spektakels tritt Peter Malzer auf. Sein Prospero inszeniert das Verwandlungsspiel mit einer großen Portion Schadenfreude und manipulativer Leidenschaft, die ihn eventuell selbst zur Erkenntnis führt – auch dank Ariel (Victoria Morawetz). Bis es so weit ist, wird der Luftgeist allerdings hingehalten. Ganz in Puck’scher Manier ist Ariel die magische Handlangerin ihres Herrn, allerdings ohne dessen diabolische Durchtriebenheit; stattdessen lässt V. Morawetz dem fröhlichen Luftgeist ein ausgelassenes Kichern angedeihen, das immer wird aus dem Off ertönt und die magischen Streiche in Erinnerung ruft. Gleichzeitig verflicht die Schauspielerin durch die Fröhlichkeit das Element Ariels mit ihrer Figur. Bina Blumencron begeistert und erheitert als eingeschüchterter und trotzig boshafter Caliban; von Kopf-bis-Fuß in einen Onesie mit Drachenapplikationen gehüllt, hält sie die Tarndecke als gigantisches Schmusetuch fest umklammert. Unglücklich tapst der hässliche Trotzkopf durch das Geschehen und verflucht aufs Köstlichste alle und jeden, ganz besonders aber seinen Meister Prospero. Herrliche Momente, die B. Blumencron mit ihrer pointierten Mimik akzentuiert. Von der profitiert auch Antonia, Prosperos Schwester, die einst den Bruder verriet und jetzt gerne die Königin mit ihren Highheels meucheln würde. Mimisch ausgeklügelt sind auch Wolfgang Kandlers Charaktere, die er feinsinnig präzisiert. Für zahlreiche Lachanfälle sorgt vor allem sein dümmlicher Trunkenbold Stefano. Der bringt nicht nur die ohnehin schon dauerdepressive und wütende Caliban-Figur auf Abwege, sondern findet ihn Trinculo (wunderbar Larissa Enzi) auch noch eine dankbare Trinkkumpanin. Herrliche Momente, wenn die beiden angeheitert durch die Kulisse torkeln und übereinander stolpern. L. Enzi schlüpft aber auch in die Rolle von Prosperos Tochter, eine 180-Grad Wendung: Naiv und schwämerisch verliebt sie sich in Königssohn Ferdinand (W. Kandler). Dieser „Tempel von einem Mann“ soll es sein – ganz egal, dass es der erste Mann überhaupt ist, den sie in ihrem utopischen Exil zu Gesicht bekommt, und dass er ein Elvis-Gedenkkostüm trägt.

Passend zum magischen Thema des Shakespeare’schen Intrigen-Spektakels wird dann auch noch der eine oder andere Zaubertrick geboten: Hier purzeln kunstvoll die Tischtennisbälle aus den Mündern, dort fallen die ersten dramatisch in einen tiefen Schlummer und werden in der nächsten Minute zu praktischen Kokos-Cocktail-Halterungen umfunktioniert. Zwischendurch sorgen musikalische Einsprengsel für Abwechslung: Der von Leid gebeutelte Caliban bedauert stimmgewaltig sein Schicksal, der angeheiterte Seebär singt mit Inbrunst sein Trinklied zu einer Santiano ähnlichen Melodie.

DER STURM ist keine Festspiel-Produktion wie DER SOMMERNACHTSTRAUM, trotzdem ist der Effekt ein ähnlicher – und das freut, sehr sogar. Mit viel weniger Mitteln ziselierte die Theaterachse die verschiedenen Motive auf humorvolle und pointierte Weise aus dem Märchenspiel, ohne dabei auf die eigene Note zu vergessen. Da ist es ganz einerlei, dass die Theatertruppe nicht über hundert Mann*Frau auf der Bühne verfügt; fließend wechselnd die Schauspieler*innen ihre Rollen und erwecken selbst auf engstem Raum prompt die Vision eines großen Hauses. Außerdem lassen sie gerade dadurch das Flair Shakespeares wieder aufleben. Die Leidenschaft ist den Mimen*innen anzusehen, denen selbst tropische Temperaturen nicht die Laune verdirbt. Chapeau.

Bleibt nur noch eine Frage offen: Wann folgt wohl die nächste Shakespeare-Adaption? … 😉

 

Fotonachweis: Die Theaterachse

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