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Der Kontrabass – Schauspielhaus Salzburg

Und Thomas Bernhard lacht

Mit DER KONTRABASS bittet die Sonderbar am Schauspielhaus Salzburg einen sympathischen Antihelden auf die Bühne – nebst kleiner Instrumentenkunde. Ziemlich sehenswert.

Jetzt ist es raus: das Orchester dient als Ideenfundus ganzer Generationen. Dabei sind die Präferenzen unterschiedlich verteilt. Während John Cage mit 4’33 gleich die gesamte Philharmonie zum Schweigen bringt, zelebriert Georg Kreisler eine liebevoll Hommage an die vernachlässigte Triangel. Aber, wer denkt, nur das zierliche musikalische Dreieck fristet ein tristes Leben im Orchestergraben, der irrt. Auch der Kontrabass hat so seine Probleme. Welche das genau sind, hat Patrick Süskind wunderbar humorig und sprachversiert im gleichnamigen Monodrama DER KONTRABASS herausgearbeitet.

In aller Plot-Kürze

Der namenlose Antiheld ist verstimmt: Zwischen ihm und einem erfüllten Leben steht sein Kontrabass. Grund genug für eine wortreiche Absage an das unförmige Ding im schallgedämmten Musikzimmer und gelegentliche schwärmerische Ausbrüche Richtung Dreisaiter oder Sopranistin Sarah.

Bademantel und andere Obsessionen

In den zweiten Sonderbar-Abend der Spielzeit 2017/18 führt Robert Pienz‘ KONTRABASS-Inszenierung aus Süskinds Feder. Wieder darf das Publikum dem Stück ganz nah sein; im beschaulichen Ambiente des Schauspielhaus Foyers rückt es der Titelpartie räumlich auf den Leib – ein Erlebnis der besonderen Art. Dafür wirft sich Olaf Salzer als melancholisch-frustrierter Antiheld einmal mehr den Bademantel über. Tatsächlich, richtig gelesen! Der Bademantel-Reigen des Schauspielhaus Mimen geht in die nächste Runde. (Das schreit übrigens langsam nach Sponsoring – welches Theater hat schon sein eigenes Bademantel-Modell?!).

Innig zelebrierte Hass-Liebe

Der verstimmte Protagonist streift durch eine Kulisse, die hauptsächlich aus Kontrabass besteht, und klagt dem Publikum konspirativ sein Leid. Das reduzierte Bühnenbild besticht dabei gerade durch seine Simplizität, die auch das Publikum integriert. Als stummen Gesprächspartner holt es der namenlose Antiheld gleich zu Beginn ab und lässt es nicht mehr von der Hand. Verschwörerisch richtet er stattdessen seine Dialoge in Richtung Zuschauertischchen, während seine Klagen immer größere Ausmaße annehmen: Im Orchester zum Hinterbänkler-Dasein verdammt, hat es der sympathische Antiheld aber auch nicht leicht. Olaf Salzer serviert den ganzen aufgestauten Frust und die Verbitterung seiner Figur in melancholischer, ironischer und ja, bisweilen auch aggressiver Fasson. Immer wieder gewinnen dann aber die adretten Manieren des  frustrierten Musikers Oberhand; charmant korrigiert er sich bei diesen Gelegenheiten selbst und ruft sich zur Räson. Alleine, die guten Vorsätze halten nicht lange – weiter geht die Jeremiade. Die wird auch gerne mit lokalem Sprachkolorit verfeinert. Unvermutet paliert der kultivierte Musikus mit der niederen Frustations-Schwelle apart mit Wiener Akzent.

Ganz manchmal ist der charmante Antiheld aber auch beinahe… nun ja, euphorisch. Wenn er zum Beispiel vom dreisaitigen Kontrabass erzählt, gerät er glückselig ins Schwärmen. Freilich, die Freude währt nie lange. Ernüchtert hält er fest, dass er mit diesem garstigen viersaitigen Ding festsitzt – und macht eine abfällige Bewegung in Richtung des in der Ecke thronenden Instruments. Überhaupt akzentuiert Olaf Salzer die Abneigung seiner Figur gegen den Bass sehr körperlich. Abschätzig sitzt er im gepolsterten Sessel und bedenkt den Kontrabass mit giftigen Blicken. Um Sprache ringt der verbitterte Musiker nur dann, wenn er über Sarah spricht. Sätze bleiben unvollständig im Raum hängen oder erblicken verworren das Licht der Welt, wenn es um die junge Sopranistin geht. Den Kontrabassisten hat es stark erwischt – herrlich seine Phantasien, wie er Sarah auf sich aufmerksam machen könnte. Freilich gestattet er sich die nur heimlich – zwischen Kontrabass und schallgedämmten Wänden. Es ist eine Art Hass-Liebe, die ihn mit seinem Instrument verbindet, und die die Inszenierung gelungen herauskehrt. Diese Beziehung zwischen Musiker und Instrument erinnert übrigens stellenweise an Thomas Bernhard. Der Antiheld ergeht sich in seinem Elend ähnlich wie Bernhards Protagonist in „Holzfällen – Eine Erregung“ – beide reden sich langsam in Rage.

Instrumentenkunde

Was ‚Kontrabass‘ im Titel trägt, muss selbstverständlich ‚Kontrabass‘ auch szenisch enthalten. Deshalb liefert der namenlose Protagonist einen kleinen Exkurs in Sachen Instrumentenkunde – auch wenn die Figur abstreitet, als Musiklexikon zu fungieren. Sachkundig zupft sie die Saiten, streicht mit dem Bogen melodiös einzelne Töne an und erklärt die unterschiedlichen Klang-Präferenzen. Natürlich schlägt auch an dieser Stelle ihr depressiv-melancholischer Charakterzug voll durch. Während der Musiker also von den großartigen Fähigkeiten des Klangs schwärmt, gerät er ob des Kraftaufwands seiner Finger in Rage und lamentiert über Körperverletzung. Hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft und Frustration versprüht der Kontrabassist seinen Missmut in alle Richtungen und begeistert mit wohlplatzierten Pointen und ironischen Seitenhieben.

 

 

Fotonachweis: Sabine Stallegger

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